Kolumne

Europäischer Profifussball - Lieber Besitzer als Präsident eines Fussballklubs

Real Madrid, Barcelona oder Bayern München - der europäische Profifussball boomt seit Jahren. Doch wie lange kann sich hier das Vereinsmodell noch behaupten?
10.06.2019 21:30
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Lieber Besitzer als Präsident eines Fussballklubs

Der europäische Profifussball ist einer der attraktivsten Wachstumsmärkte. In den grössten Ligen haben sich die Umsätze im letzten Jahrzehnt - trotz Finanz- und Wirtschaftskrise - teilweise mehr als verdoppelt. Seit der Einführung der Financial-Fairplay-Regeln hat sich auch das operative Ergebnis der meisten Klubs deutlich verbessert. Während die europäischen Erstligaklubs vor der Einführung des Financial Fairplay in der Summe noch operative Verluste erwirtschafteten, ist die Branche mittlerweile profitabel und meldete in den letzten Jahren jeweils Rekordergebnisse.

Die zunehmende Kommerzialisierung des Profifussballs hat bereits vor Jahren dazu geführt, dass viele Vereine in Kapitalgesellschaften umgewandelt wurden. Anfänglich versuchte auch eine Reihe von Klubs ihr Glück an der Börse. Obwohl die Kapitalanforderungen angestiegen sind, hat sich dieses Eigentümermodell jedoch nicht durchgesetzt. Im Gegenteil. Viele börsennotierte Klubs wurden übernommen und sind heute ganz oder zumindest mehrheitlich in Privatbesitz.

Von den europäischen Spitzenklubs befindet sich kein einziger in Streubesitz vieler Kleinaktionäre. Zwar sind eine Reihe von Klubs wie Ajax Amsterdam, Borussia Dortmund, Juventus Turin, AS Rom, Lazio Rom, Manchester United, Olympique Lyon, FC Porto, Sporting Lissabon, Galatasaray, Fenerbace und Besiktas Istanbul börsennotiert, werden aber jeweils von einem Mehrheitseigentümer kontrolliert. Im Falle von Ajax Amsterdam, Borussia Dortmund und den türkischen Klubs ist das jeweils der betreffende Verein. Die beiden bekanntesten börsenkotierten Klubs, die sich in Streubesitz befinden, sind Bröndby IF und Celtic Glasgow.

Nur ein Viertel wird vom Verein kontrolliert

Nimmt man die erst kürzlich veröffentlichte Forbes-Liste der 20 wertvollsten Fussballklubs, die von Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United, Bayern München und Manchester City angeführt wird, findet man insgesamt fünf vereinskontrollierte Klubs: Real, Barça, Bayern, Dortmund und Schalke. Die restlichen 15 Klubs befinden sich in Privatbesitz oder haben einen Mehrheitseigentümer. Die vereinskontrollierten Klubs, bei denen letztendlich über demokratische Strukturen die Fans bzw. Mitglieder das Sagen haben, sind zwar in der Unterzahl, belegen aber drei der vier ersten Plätze.

Eine Reihe vereinskontrollierter Klubs wie Bayern München und Borussia Dortmund sind als Kapitalgesellschaft organisiert, die Mehrheit der Stimmrechte liegt aber beim Verein. Die Profiabteilung des FC Bayern München ist beispielsweise eine Aktiengesellschaft. 75 Prozent der Stimmrechte hält der FC Bayern München e.V., d.h. der gemeinnützige Verein. Die restlichen 25 Prozent halten zu je gleichen Teilen Audi, Allianz und Adidas, wobei Audi seine Anteile spätestens 2025 für 800 Millionen Euro an BMW übergeben wird. Die Profiabteilung von Borussia Dortmund ist eine GmbH & Co. KGaA mit der Borussia Dortmund Geschäftsführungs-GmbH, einer hundertprozentigen Tochter des Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund, als Komplementärin.

Kapitalgesellschaft für Geldgeber attraktiver

Welche Vor- und Nachteile besitzen vereinskontrollierte gegenüber eigentümerkontrollierten Klubs? Für Investoren, Geldgeber und Mäzene ist die Rechtsform des Vereins weniger attraktiv als eine Kapitalgesellschaft, da sie sich als Präsident eines Vereins gegenüber den Mitgliedern demokratisch legitimieren müssen. In einer Kapitalgesellschaft sind sie als (Mehrheits-)Eigentümer hingegen weitestgehend Alleinherrscher. Beispielweise erhöhten viele Eigentümer englischer Profiklubs die Ticketpreise, nachdem sie die Mehrheitsanteile gekauft hatten. Bei Real, Barça oder Bayern wäre dies aufgrund der Widerstände seitens der Mitglieder hingegen nicht möglich. Ein Präsidium, das überhöhte Ticketpreise durchsetzen möchte, würde schnell abgewählt.

Da es in Vereinen keine Gewinnaneignungsrechte gibt, steht in vereinskontrollierten Klubs auch nicht die Profiterzielung im Mittelpunkt. Oberstes Ziel ist in der Regel die Maximierung des sportlichen Erfolgs. Da Vereine keine Dividenden an ihre Mitglieder ausschütten dürfen, investieren sie alle Einnahmen in die Spielstärke ihrer Mannschaft. Dies ist nicht nur für die Fans, sondern auch für die Sponsoren höchst attraktiv. Während sie bei eigentümerkontrollierten Klubs befürchten müssen, dass zumindest ein Teil der erwirtschafteten Gelder in die Taschen der Eigentümer fliesst, können sie bei vereinskontrollierten Klubs sicher sein, dass der sportliche Erfolg an oberster Stelle steht.

Als Vereinsmitglied näher beim Klub

Solange die Fans als Vereinsmitglieder demokratische Mitspracherechte haben, werden sie sich viel stärker mit ihrem Klub identifizieren. Auf diese Weise lassen sich auch die ursprünglichen Ideale wie Kameradschaft, Fairness und Mannschaftsgeist in vereinskontrollierten Klubs leichter aufrechterhalten als in eigentümerkontrollierten. Bei letzteren wird der Fan vom Mitglied zum Konsumenten.

Wer mehrstellige Millionenbeträge in einen Klub investiert, möchte hingegen die Alleinherrschaft über den Klub besitzen, um seine eigenen Ziele zu verwirklichen. Dies müssen auch nicht zwangsläufig Profitziele sein. Für superreiche Oligarchen, Scheichs oder Staatsfonds kann der Besitz eines Klubs auch ganz andere Motive haben. Die hohe Popularität und Aufmerksamkeit, die europäische Spitzenklubs geniessen, kann auch zur Verbesserung des eigenen Ansehens, zur Erhöhung der Legitimität oder zur Absicherung gegenüber Feinden dienen.

Beispielsweise wäre es durchaus denkbar, dass der geographisch hauptsächlich von Feinden umgebene Kleinstaat Katar nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen, sondern vielmehr aus politischen Gründen mehrstellige Millionenbeträge in den französischen Spitzenklub Paris Saint-Germain investiert. In diesen Genuss kämen die Anhänger von Paris Saint-Germain vermutlich nicht, wenn der Klub als Verein und nicht als Privatunternehmen organisiert wäre.

Wettbewerbsvorteil  begrenzt

Klubs, bei denen Eigentümer die alleinigen Entscheidungsrechte erwerben können, haben also den Vorteil, dass sie kurzfristig viel höhere Investitionsbeträge generieren können als vereinskontrollierte Klubs. Stan Kroenke (Arsenal), Roman Abramowitsch (Chelsea), Katar (Paris Saint-Germain), Abu Dhabi (Manchester City), die Agnelli-Familie (Juventus) und Zhang Jindong (Inter Mailand) wären nicht bereit, ähnlich hohe Beträge zu investieren, wenn sie ihre Entscheidungen regelmässig vor Vereinsorganen demokratisch legitimieren müssten.

Der hierdurch entstehende Wettbewerbsvorteil wird zwar durch das Financial Fairplay begrenzt, demzufolge vereinfacht gesagt ein Klub nicht mehr in die Mannschaft investieren darf, als mit dem Fussball eingenommen wird. Trotzdem ist der Wettbewerbsvorteil offenbar so gross, dass der Druck auf die vereinskontrollierten Klubs zunimmt. Beispielsweise wird in Deutschland zunehmend die Abschaffung der sogenannten 50+1-Regel gefordert. Diese Regel besagt, dass der Verein mindestens 50 Prozent der Stimmrechte plus 1 Stimme halten muss. Damit wird eine Umwandlung in eine eigentümerkontrollierte Organisationsform verhindert. Das verhindert zwar kurzfristig zusätzliche Investorengelder, stärkt aber langfristig die demokratischen Fussballstrukturen und verhindert einen Ausverkauf an ausländische Investoren.

Es bleibt abzuwarten, wie lange sich das Vereinsmodell im europäischen Spitzenfussball behaupten kann. Viele eigentümerkontrollierte Klubs wären lieber unter sich, da sie dann die Neuorganisation des europäischen Profifussballs nach Vorbild der nordamerikanischen Football-, Baseball-, Basketball- und Eishockey-Profiligen vorantreiben könnten.

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.