«Je länger dies andauert, desto mehr wird die Weltwirtschaft darunter leiden – es wird zu Energieengpässen kommen, die Preise werden ‌steigen, und ⁠das dürfte sich direkt auf die Nachfrage auswirken», sagte ABB-Präsident Voser in einem am Freitag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. «Wir könnten in ein oder zwei Monaten erste ⁠Auswirkungen sehen.» Unternehmen reagierten auf Nachfragerückgänge. «Wir sollten daher die mittelfristigen Auswirkungen nicht unterschätzen, wenn die Störung anhält.»

Je länger der Krieg dauere, desto tiefer dürfte der Einschnitt auf der Nachfrageseite sein. Sollte ‌der Krieg in den nächsten zwei Wochen enden, rechnet Voser mit «milden» wirtschaftlichen Nachwehen. «Dauert der Konflikt jedoch einige Monate an, ‌wird die Erholungszeit deutlich länger sein.» Abgesehen von der Tragödie für die ​direkt betroffenen Menschen habe der Krieg eine zerstörerische Wirkung auf die Wirtschaft, weil es dabei um Energie gehe. Kurzfristig könnten Unternehmen, die Gas als primäre Energiequelle nutzten, sogar Fertigungsstrassen stilllegen.

Die tatsächlichen Auswirkungen würden jedoch erst später spürbar werden. Selbst wenn der Krieg bald ende, dauere es ein bis zwei Monate, bis das gesamte globale Energieversorgungssystem wieder voll funktionsfähig sei. «Wenn ein so komplexes System einmal gestört ist, dauert es seine Zeit, bis es wieder in Gang kommt», ‌so der frühere Chef des Ölkonzerns Shell.

ABB selbst habe bisher keine grösseren negativen Auswirkungen des Konflikts gespürt, so Voser. Dem Unternehmen zufolge gilt der Ausblick für 2026 weiterhin. Voser erklärte, wegen der gegenwärtigen Unsicherheiten dürften Firmen und Regierungen versuchen, die Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren und verstärkt auf Elektrifizierung zu setzen. Elektrifizierung ​ist der grösste und wachstumsstärkste Bereich von ABB. Der Siemens-Rivale produziert unter anderem Schaltanlagen, Sicherungen und Transformatoren.

Ein wichtiger Treiber ist ​dabei die Ausrüstung von Rechenzentren, in deren Bau wegen des KI-Booms Hunderte von Milliarden Dollar investiert ​werden. Während einzelne Analysten von einer Blase warnen, die auf absehbare Zeit platzen könnte, rechnet Voser mit einer anhaltenden Nachfrage nach den Leistungen von Rechenzentren. Sorgen bereiten ihm dagegen die vielen schuldenfinanzierten ‌KI-Unternehmen, die keine Einnahmen generieren. «Einige davon werden nicht überleben.» Dies werde höchstwahrscheinlich zu einem Schuldenproblem führen, insbesondere in den USA. «Das ist eine mögliche Blase, die ich im Auge behalten würde», so Voser, der auch im Verwaltungsrat des IT-Konzerns IBM sitzt.

ABB schliesst Grossübernahme nicht aus

Zu Medienberichten, wonach ABB im Jahr 2025 eine Übernahme des französischen ​Konzerns Legrand ​erwogen habe, wollte sich Voser nicht äussern. Gleichzeitig erklärte er, dass ABB Zukäufe ⁠in einer solchen Grössenordnung für die Zukunft nicht völlig ausschliesse, auch wenn ABB bislang noch ​nie einen solchen Schritt gewagt habe. Legrand ⁠wird an der Börse gegenwärtig mit fast 37 Milliarden Euro bewertet, ABB selbst fast mit dem Vierfachen. Es werde voraussichtlich viele weitere kleinere Übernahmen mit einem ‌Volumen von jeweils bis zu mehreren Hundert Millionen Dollar geben.

Auch Zukäufe in der Grössenordnung von Baldor seien möglich. Für den US-Industriemotorenhersteller bezahlte ABB 2011 4,2 Milliarden Dollar. «Und wenn man sich unsere Bilanz und den Cashflow ansieht, den wir jedes Jahr erwirtschaften, sowie die ‌fünf Milliarden, die aus dem Verkauf des Robotik-Geschäfts kommen, könnten wir auch mehr als eine grössere Transaktion machen.»

Der 67-jährige ​Spitzenmanager, der seit 2015 ABB-Präsident ist, stellte zudem eine Erneuerung des Verwaltungsrates ab 2027 in Aussicht. Voser deutete zudem an, dass dies den Weg für seinen eigenen möglichen Rücktritt im Jahr 2028 ebnen könnte, wenn er 70 Jahre alt wird. «Wir planen Änderungen im Verwaltungsrat, und dann kommt natürlich irgendwann auch meine Zeit», erklärte Voser. Insgesamt hätten ‌drei weitere Verwaltungsräte ähnlich lange Amtszeiten wie er ​selbst.