Hauptgrund für die Erholung war eine leichte Entspannung am Ölmarkt. Die stockenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran trieben die Ölpreise zunächst auf ein Mehrjahreshoch, schliesslich kamen sie aber spürbar zurück. US-Präsident Donald Trump sagte bereits am Mittwoch, es habe zwar Fortschritte im Gespräch mit Teheran gegeben, ein Durchbruch sei allerdings noch nicht erreicht. Berichten zufolge erwägt Trump, wieder grössere Kampfeinsätze aufzunehmen. Der Iran drohte daraufhin mit Vergeltung.
Die Europäische Zentralbank liess die Leitzinsen im Euroraum wie erwartet unverändert - obwohl der Ölpreisschock die Inflation in der Eurozone im April auf 3,0 Prozent getrieben hatte. Volkswirte erwarten aber, dass die EZB die Zinsen im Jahresverlauf anheben wird. «Wir sehen nur begrenzten Spielraum für die Notenbank, über erhöhte Energiepreise und Angebotsstörungen hinwegzusehen», kommentierte Kapitalmarktstrategin Ann-Katrin Petersen vom Vermögensverwalter Blackrock. Auch die Bank of England entschied sich für unveränderte Zinsen. Am Vorabend hatte zudem die US-Notenbank Fed den Leitzins erwartungsgemäss nicht angetastet.
Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 stieg am Donnerstag um 1,12 Prozent auf 5.881,51 Punkte. In London und Zürich ging es ebenfalls aufwärts. In den USA legte der Wall-Street-Index Dow Jones Industrial zum europäischen Handelsschluss um fast anderthalb Prozent zu, während sich der technologielastige Nasdaq 100 sogar zu einem weiteren Rekordhoch aufschwang - angetrieben von satten Kursgewinnen der Tech-Giganten Amazon , Alphabet und Qualcomm .
In der Folge waren aus Branchensicht die vom KI-Hype erfassten deutschen Halbleiterwerte gefragt. Aixtron stiegen nach Quartalszahlen um 5,1 Prozent und profitierten von der Nachfrage im Optoelektronik-Geschäft. Infineon legten um 2,6 Prozent zu, nachdem sie zur Wochenmitte von guten Zahlen des niederländischen Chipkonzerns NXP profitiert hatten. Suss-Microtec-Anteile erklommen ein Rekordhoch und verbuchten letztlich ein Plus von 9,4 Prozent. Siltronic und PVA Tepla gewannen 6,3 beziehungsweise 3,9 Prozent.
Die DHL Group war mit einem Plus von 7,5 Prozent grösster Gewinner im Dax. Das operative Ergebnis (Ebit) des Logistikkonzerns liege im ersten Quartal vor allem dank des starken Express-Geschäfts klar über dem Konsens, lobte UBS-Analyst Cristian Nedelcu. Er attestierte den Bonnern insgesamt gute Zahlen.
Der Chemiekonzern BASF bekam auch im ersten Quartal den Wettbewerbsdruck zu spüren. Analyst Chetan Udeshi von der US-Grossbank JPMorgan sprach in einer ersten Reaktion von einem durchwachsenen Quartal. Umsatz und operatives Ergebnis gingen zurück, BASF bestätigte aber die Jahresziele. Die Aktien stiegen schlussendlich um 1,3 Prozent.
Für die Aktien von Volkswagen ging es um 0,9 Prozent nach oben. Der Autobauer geriet zwar in einem schwierigen Umfeld bei der Profitabilität weiter unter Druck. JPMorgan-Analyst Jose Asumendi verwies aber auf einen starken Barmittelzufluss. Auf diesen hätten viele Anleger ihr Augenmerk gerichtet und er sei deutlich besser ausgefallen als von ihm erwartet.
Auch Triebwerksbauer MTU konnte mit seiner Quartalsbilanz punkten, die Anteilscheine kletterten um 2,8 Prozent höher. MTU fürchtet trotz der hohen Kerosinpreise keine stärkeren Auswirkungen des Iran-Kriegs auf sein Geschäft. Analysten zeigten sich ausserdem mit dem ersten Quartal des Triebwerkbauers zufrieden und lobten einhellig den starken Barmittelfluss.
Brenntag-Aktien verzeichneten einen Kursanstieg von 4 Prozent auf 62,08 Euro. Zuvor hatte die schweizerische Grossbank UBS die Papiere des Chemikalienhändlers von «Sell» auf «Neutral» hochgestuft und das Kursziel von 42 auf 60 Euro angehoben. Der Nahost-Krieg habe die Weichen neu gestellt, Preissprünge bei Energie und Chemieprodukten sorgten für bessere Gewinnaussichten bei Brenntag, schrieb Analystin Nicole Manion.
Im MDax setzten sich Delivery Hero mit einem Kursplus von 7,1 Prozent an die Spitze. Der Essenlieferdienst wird bei seinem Gewinnziel fürs laufende Jahr etwas optimistischer. Obendrein habe Delivery Hero die Erwartungen insbesondere mit dem sehr starken Bruttowarenwert (Gross Merchandise Value, GMV) übertroffen und zeige trotz des Nahostkonflikts eine starke Auftragsdynamik, schrieb Analyst Wassachon Udomsilpa von der kanadischen Bank RBC.
Die Aktien von Gea , Hochtief , Munich Re , Rational und RTL wurden am Donnerstag mit Dividendenabschlägen gehandelt./niw/he
--- Von Nicklas Wolf, dpa-AFX ---
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