Der Konflikt verlagere sich nun auf die globale konjunkturelle Ebene. Vor dem Iran-Krieg seien viele institutionelle Investoren abgesichert gewesen und hätten lediglich mit einer ein paar Tage dauernden militärischen Eskalation gerechnet. Doch der Iran handle bewusst mit Blick auf den wirtschaftlichen Druck und durchkreuze damit die Pläne der USA und Israels, so der Börsianer.

Nach Angaben aus dem Golfstaat vom Donnerstag wurden etwa Katars für den Weltmarkt bedeutende Flüssiggasanlagen bei einem iranischen Raketenangriff schwer beschädigt. Das habe zu Bränden und weiteren schweren Schäden geführt, teilte der Betreiber Qatar Energy auf der Plattform X mit. Katars Produktion und der Transport über die Strasse von Hormus sind wegen des seit gut zweieinhalb Wochen andauernden Kriegs allerdings derzeit weitestgehend unterbrochen.

Ölpreis setzt Anstieg fort

Die Turbulenzen an den Energiemärkten sorgen für weiter steigende Ölpreise. Das wiederum würden die Ängste der Anleger vor einer steigenden Inflation und einer Beeinträchtigung der Wirtschaft verstärken, hiess es am Markt. Die Stimmung werde von Risikoscheu dominiert.

Der Ölpreis setzte seinen steilen Anstieg des Vortages fort: Ein Fass der Nordseesorte Brent kostete am Donnerstagvormittag im Hoch fast 120 Dollar. Mittlerweile ist der Preis mit rund 110 Dollar wieder etwas zurückgekommen, steht aber immer noch höher als am Vortag.

Albtraum für Notenbanker

Die Europäische Zentralbank hat derweil nicht an der Zinsschraube gedreht, jedoch laut Marktbeobachtern interessante Aussagen zu ihren konjunkturellen Perspektiven getroffen: Die Wachstumsaussichten für 2026 und 2027 wurden jeweils reduziert, und gleichzeitig wurden die Inflationsaussichten angehoben.

Damit sei «der Albtraum vieler Notenbanker in Europa» wahrgeworden: Zinssenkungen könnten die Inflationstendenzen verstärken und Zinserhöhungen die Wirtschaftsleistung drosseln. Eine Situation, die in den kommenden Monaten sehr viel Fingerspitzengefühl in der Geldpolitik verlangt.

Mit der Eskalation im Nahen Osten hat der US-Dollar am Donnerstag zum Euro weiter zugelegt. Gleichzeitig sank der Franken auch zum Euro, nach dem Stillhalten auch der SNB.

Seit Kriegsbeginn minus 11 Prozent

Der Schweizer Leitindex SMI ging mit einem Minus von 2,4 Prozent auf 12'459,54 Punkten aus dem Handel. Zum Allzeithoch einige Tage vor Kriegsbeginn bei 14'064 Zählern summiert sich der Einbruch damit auf 11 Prozent. Der SMIM-Index für die mittelgrossen Werte verlor 2,66 Prozent auf 2849,68 Punkte und der breite SPI 2,39 Prozent auf 17'379,49 Zähler.

An anderen wichtigen europäischen Märkten ging es ähnlich stark runter, wobei der deutsche Dax etwa noch mehr abgab.

Zyklische, energieintensive Aktien unter Druck

Im SMI wurden konjunkturanfällige Werte sowie Titel aus vor allem energieintensiven Sektoren wie Sika (-6,6 Prozent), Geberit (-4,1 Prozent), Amrize (-4,0 Prozent) und Holcim (-3,3 Prozent) massiv abgestossen. Auch die Schwergewichte kamen deutlich unter die Räder: allen voran Roche (-2,9 Prozent), aber auch Novartis (-2,2 Prozent) und Nestlé (-1,7 Prozent) gaben klar ab. Zudem büssten Finanzwerte wie Partners Group (-3,0 Prozent), Swiss Re (-2,0 Prozent) und UBS (-2,2 Prozent) kräftig an Terrain ein.

Bei Straumann (-4,9 Prozent) aus dem mittelgrossen Börsensegment kam zum allgemeinen negativen Sentiment noch hinzu, dass sich ein Verwaltungsrat auf den Mehrjahrestiefstkursen von Aktien des Hörgeräteherstellers getrennt hatte. Das komme in Börsenkreisen nicht gut an, hiess es im Handel.

Auch der Bitcoin fiel noch weiter: Dieser habe am Donnerstag wieder unter der psychologisch wichtigen 70'000-Dollar-Marke notiert, schrieb ein Marktbeobachter. Solange die Zinsfantasie nach oben zeigt, dürfte der Deckel auf dem Markt bleiben.

ys/ls

(AWP)