Wegen der vielen Geschädigten stosse die Unterstützung durch Opferhilfe, Sozialversicherungen und Haftpflichtversicherungen an Grenzen, begründete der Bundesrat seine Pläne. Bei der Brandkatastrophe starben 41 Menschen und 115 wurden verletzt. Das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) erhielt am Mittwoch den Auftrag, bis Ende Februar eine Vorlage ans Parlament auszuarbeiten.

«Zeichen für erlittenes Unrecht»

Bei Grossereignissen genügten das Vermögen der Verantwortlichen sowie die Haftungssummen der Versicherungen oft nicht, so der Bundesrat. Auch müssten die Ansprüche aller Opfer und ihrer Angehörigen koordiniert werden. Bis ein Entscheid vorliege, dauere es daher oft lange.

Den Solidaritätsbeitrag an die Opfer und ihre Angehörigen versteht der Bundesrat auch als Zeichen angesichts des erlittenen Unrechts. Um langwierige Gerichtsprozesse zu vermeiden, will der Bundesrat zudem auf Vergleichsverhandlungen setzen. Ins Gespräch kommen sollen Opfer und deren Angehörige, Versicherungen, weitere leistungspflichtige Parteien und Behörden an einem Runden Tisch.

Vorschläge zur rechtlichen Verankerung muss das EJPD bis Ende Februar machen und auch zur Frage, wie sich der Bund an den hohen Opferhilfekosten in den betroffenen Kantonen beteiligt. Tun könnte er dies laut der Mitteilung «aus Solidarität mit den Kantonen».

Weitere Anhörung Morettis

Am Mittwoch fand in Sitten eine weitere Anhörung des Barbesitzers Jacques Moretti statt. Dieses Mal konnten insbesondere die Opfer-Anwälte ihre Fragen stellen. «Die Opfer erwarten von dieser Anhörung, dass Jacques Moretti klar auf ihre Fragen antwortet», sagte dazu der Anwalt Gilles-Antoine Hofstetter, der betroffene Familien aus dem Kanton Waadt vertritt. Und er habe auch diese Hoffnung, aber keine Gewissheit.

Fabrizio Ventimiglia, der italienische Anwalt der Zivilparteien, erklärte, es gehe bei der Befragung Morettis insbesondere darum, Fragen zur Sicherheit, aber auch zur Anzahl der zum Zeitpunkt des Dramas anwesenden Personen sowie zum Verkauf von Alkohol an Minderjährige zu stellen.

Opfer-Mutter will die Wahrheit hören

An der Befragung vom Mittwoch nahm auch Leila Micheloud, Mutter von zwei jungen Frauen, die in der Silvesternacht Verbrennungen erlitten haben, in Begleitung ihres Anwalts Sébastien Fanti teil. «Meine Anwesenheit ist mein Weg der Heilung», sagte sie.

«Indem ich hier bin, zeige ich, dass die Opfer nicht nur Namen auf einer Liste sind, sondern auch Gesichter haben. Ich erwarte Antworten. Die Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger», so die Walliserin.

Am Rande der Anhörung konnte Micheloud mit Jacques und Jessica Moretti sprechen. Zum Inhalt des Gesprächs wollte sich ihr Anwalt danach nicht äussern. Es sei ein sehr wichtiger und «intensiver Moment» gewesen. «Meine Kollegen und ich sind der Meinung, dass es sich um einen Schritt handelte, der zu einem gemeinsamen Prozess der Resilienz beigetragen hat», so der Anwalt. Um sich zu verstehen und einander zu vergeben, müsse man miteinander reden können.

Ermittlungen laufen

Der Barbesitzer war am 9. Januar in Untersuchungshaft genommen und 14 Tage später gegen eine Kaution von 200'000 Franken freigelassen worden. Wie seine Frau wurde er unter Zwangsmassnahmen gestellt. Gegen das Paar wird derzeit wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung ermittelt.

Jacques Moretti und seine ebenfalls am Mittwoch bei der Anhörung anwesende Frau gaben am Morgen gegenüber den anwesenden Journalisten keine Stellungnahme ab. Jessica Moretti wird am Donnerstagmorgen erneut von der Staatsanwaltschaft angehört. Auch bei ihrer Befragung sollen die Anwälte der Opfer Fragen stellen können.

Die Gerichtstermine seien für die Morettis wichtig. Sie seien auch «eine Tortur», die dadurch verstärkt werde, dass sie diese «in völliger Isolation erleben», erklärte Yaël Hayat, die Anwältin von Jessica Moretti, am Mittwochmorgen gegenüber Franceinfo. Das Ehepaar Moretti habe von Anfang an gesagt, dass es sich nicht der Justiz entziehen wolle und auch keine Versuche dazu beabsichtige.

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(AWP)