Der seit Sommer 2020 abgetauchte Marsalek verantwortete als Vertriebsvorstand das Geschäft mit sogenannten Drittpartnerfirmen - externen Zahlungsdienstleistern, die im Wirecard-Auftrag Kreditkartenzahlungen überwiegend in Asien abwickelten oder abgewickelt haben sollen. Im Sommer 2020 war der einstige Dax -Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Milliarden Euro angeblicher Erlöse aus diesem Drittpartnergeschäft nicht auffindbar waren.
Laut Staatsanwaltschaft war das Drittpartnergeschäft erfunden. Im grössten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte sind Ex-Vorstandschef Markus Braun und zwei weitere frühere Wirecard-Manager wegen des Verdachts des gewerbsmässigen Bandenbetrugs angeklagt, die Schlüsselfigur Marsalek jedoch fehlt. Laut Anklage sollen die Täter seit 2015 die Wirecard-Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geprellt haben.
Nach Aussage des seit drei Jahren in Untersuchungshaft sitzenden Braun war das Geschäft echt, doch sollen Marsalek und Komplizen an die zwei Milliarden Euro veruntreut haben. "Auf den Wirecard-Servern war das nicht", sagte Steidl zu Marsaleks Drittpartnergeschäft. "Ich hatte keine Vorstellung, wo das war."
Zuletzt hatte Brauns Verteidiger Alfred Dierlamm Brauns einstigen Schützling Marsalek als Drahtzieher des Betrugs angeprangert, ohne Wissen des früheren Vorstandschefs. Marsalek soll sich nach verschiedenen Berichten in Russland vor der deutschen Justiz in Sicherheit gebracht haben.
In einem Brief hat sich die von vielen Zeugen als charismatisch und charmant beschriebene Schlüsselfigur des Milliardenskandals über einen Anwalt erstmals seit Beginn des Prozesses an das Landgericht München I gewandt. Zum Inhalt des Briefs äussern sich Gericht und Münchner Staatsanwaltschaft nicht. Laut "Wirtschaftswoche", die zuerst über den Brief berichtet hatte, äussert sich Marsaleks Verteidiger darin nicht zu den konkreten Vorwürfen./cho/DP/jha