Via Webcam beobachtete Guillaume Favre-Bulle, damals Leiter der Abteilung für geologische Gefahren und Bodenschätze in der Walliser Dienststelle für Naturgefahren, den Bergsturz vor einem Jahr. Rückblickend spricht er von «einem echten Schock». Sehr schnell habe man sich auf das Notfallmanagement und die Gefahr eines möglichen Dammbruchs konzentrieren müssen, sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Prävention hat funktioniert

Der Erdrutsch habe gezeigt, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse, Überwachung und Zusammenarbeit zwischen Fachleuten und Behörden seien. Dank guter Vorausschau und effizienter Koordination hätten Leben gerettet werden können, sagte der heutige Walliser Kantonsgeologe weiter. Investitionen in den Schutz vor Naturkatastrophen blieben deshalb auch künftig im Alpenraum zentral.

Die zunehmende, ausserordentlich grosse Gefahr von Naturkatastrophen in den Berggebieten ist unbestritten und Fälle von gravierenden Erdrutschen, gerade auch im Wallis, häufen sich in den letzten Jahren. Die Walliser Behörden wollen denn auch nach dem Bergsturz von Blatten noch stärker in den Gefahrenschutz investieren.

Alle Walliser Staatsräte zeigen sich auf Anfrage von Keystone-SDA auch ein Jahr danach mit der Katastrophenbewältigung zufrieden: Die rechtzeitige Evakuierung habe bewiesen, dass Präventionsmassnahmen funktionierten und entscheidend seien, schrieb etwa SVP-Staatsrat Franz Ruppen.

Mitte-Staatsrat Christophe Darbellay und FDP-Staatsrat Stéphane Ganzer sind «stolz» darüber, wie sich das Wallis und die Schweiz mit Blatten und dem ganzen Lötschental solidarisierten und die Katastrophe bewältigten. Das Wallis habe «seine grösste Stärke» bewiesen: Den Zusammenhalt und die Fähigkeit, niemanden mit einem solchen Schicksal allein zu lassen, so Ganzer.

Überwachung verstärken

Darbellay betonte, die Überwachungs- und Sicherheitssysteme hätten gut funktioniert. Die wenige Tage vor dem Bergsturz angeordnete Evakuierung von Blatten habe Hunderten von Menschen das Leben gerettet. Angesichts des Klimawandels seien Investitionen in nachhaltige Schutzlösungen unerlässlich, damit die Bergbevölkerung auch künftig in ihren Regionen leben könne.

Von einer grossen Verantwortung gegenüber der Bevölkerung und den künftigen Generationen, sprach SP-Staatsrat Mathias Reynard. «Wir müssen auf die Wissenschaft hören und angesichts des Klimawandels rasch handeln.»

Dass es für den Schutz der Menschen wichtig sei, unermüdlich vorauszuschauen, zu überwachen, zu warnen und zu koordinieren, stellen auch Mitte-Staatsrätin Franziska Biner und ihr FDP-Amtskollege Ganzer fest. Für SVP-Staatsrat Ruppen ist die Wiederherstellung der Zufahrten nach Blatten ein starkes und konkretes Zeichen der Hoffnung dafür, dass das Leben im Lötschental Zukunft hat.

Gutes Zeugnis

Den Walliser Behörden ein gutes Zeugnis im Fall Blatten stelle auch Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, aus. Die Kommunikation durch die Gemeinde und die kantonalen Behörden sei vorbildlich gewesen.

«Kritische Stimmen, die im Nachgang zu Ereignissen wie Blatten die Aufgabe von Bergtälern forderten, sind hingegen nicht angebracht und nicht repräsentativ», so Egger auf Anfrage. Sparübungen bei der Naturgefahrenprävention, wie sie im Entlastungspaket 27 angedacht waren, seien völlig fehl am Platz, wie Blatten gezeigt habe. Die Naturgefahrenprävention müsse im Gegenteil ausgebaut werden.

Dieses Anliegen unterstützt auch GLP-Präsident Jürg Grossen: «Eine zentrale Lehre ist, dass wir Naturgefahren konsequent beobachten und ernst nehmen müssen.» Die Evakuierung habe gezeigt, dass gute Frühwarnsysteme Leben retteten. In diese Systeme müsse weiter investiert werden.

Von der Wichtigkeit gelebter Solidarität

Gefragt nach einer Lehre aus der Katastrophe erklärt die Finanzministerin und damalige Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter heute auf Anfrage, dass es nicht möglich und auch nicht notwendig sei, alles zu regulieren. Zwar habe auf Bundesebene eine gesetzliche Grundlage für schnelle Hilfe gefehlt, dennoch sei es gelungen, rasch und unbürokratisch Mittel bereitzustellen.

Der Bundesrat habe dem Parlament sofort ein dringliches Gesetz vorgelegt, um 5 Millionen Franken der Gemeinde zuweisen zu können. Bereits gut drei Wochen nach der Katastrophe sei der Kredit freigegeben worden, stellte Keller-Sutter fest. Das zeige, dass die Schweiz eine Schicksals- und Solidargemeinschaft sei.

In Erinnerung bleiben wird denn auch diese schweizweite enorme Solidarität und Spendenbereitschaft mit der betroffenen Bevölkerung. Die Walliser Staatsräte und die Staatsrätin zeigen sich auf Anfrage immer noch dankbar und überwältigt.

Für Egger beweisen die zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus Bevölkerung und Politik, dass der Zusammenhalt im Land funktioniert. Die grosse Solidarität aus der Bevölkerung heben auch Glückskette-Direktorin Miren Bengoa und von Silvano Allenbach, Leiter Katastrophenhilfe Schweiz, hervor. Die zahlreichen Spenden hätten den Betroffenen geholfen und gezeigt, dass sie nicht allein seien. Gleichzeitig machten solche Naturereignisse deutlich, wie verletzlich ganze Lebensräume sein könnten und wie wichtig neben schneller Hilfe auch langfristige Investitionen in Schutz und Sicherheit seien.

mk/

(AWP)