Die verfügbaren Monatseinkommen von Personen mit tiefen oder mittleren Löhnen sind zwischen 2016 und 2025 gesunken, während sie bei den obersten 0,1 Prozent um über 6500 Franken zunahmen, wie aus aus dem am Dienstag veröffentlichten Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) hervorgeht.

Stagnierende Reallöhne für die Mitte

Die mittleren Reallöhne stagnierten laut dem Bericht in den acht Jahren bis 2026. Dies stehe im Gegensatz zur Zeit von 2006 bis 2016, als die Löhne trotz Finanzkrise real um jährlich 0,9 Prozent wuchsen.

Die Produktivität sei auch in den letzten Jahren um rund ein Prozent jährlich gestiegen, was sich aber nicht in den Löhnen niedergeschlagen habe. Davon profitiert hätten vor allem Arbeitgeber und Aktionäre durch höhere Margen und Dividendenausschüttungen. Für Arbeitnehmende habe es teilweise nicht einmal mehr einen Teuerungsausgleich gegeben.

Im Gegensatz dazu seien die Reallöhne des bestbezahlten Prozents der Arbeitnehmenden seit 2016 um über 16 Prozent gestiegen.

Moderate Lohnschere

Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) sieht in einer eigenen Auswertung die Lohnverteilung «bemerkenswert ausgewogen und stabil», wie es in seiner Mitteilung heisst. Die Lohnschere zwischen den höchsten und den tiefsten zehn Prozent der Einkommen habe sich laut der Analyse seit Jahren kaum verändert und sei im internationalen Vergleich moderat.

Über einen längeren Zeitraum von 2008 bis 2024 seien insbesondere die tiefen Löhne prozentual am stärksten angestiegen. Im Jahr 2025 verzeichneten die Reallöhne mit einem Plus von 1,6 Prozent demnach den stärksten Anstieg seit 2009.

Hier können sich Arbeitende mehr leisten

Zwischen 2010 und 2022 seien die realen Median-Stundenlöhne in der Schweiz gar um 12 Prozent gestiegen, hiess es weiter. Damit liege die Schweiz an der Spitze der westeuropäischen Länder.

Auch unter Berücksichtigung des hohen Preisniveaus in der Schweiz blieben die Löhne führend. Der kaufkraftbereinigte Median-Stundenlohn betrage 23,9 Einheiten und liege damit ebenfalls über dem anderer europäischer Staaten. Schweizer Arbeitnehmende könnten sich mit ihrem Lohn also mehr leisten als Arbeitnehmende in jedem anderen europäischen Land, so der SAV.

Grosser Geschlechtergraben

Der Gewerkschaftsbund hingegen sieht weiteren Handlungsbedarf. Auch beim Geschlechtergraben: Nach wie vor bestünden grosse Lohnunterschiede zwischen den Löhnen von Männern und Frauen. Die Hälfte aller Frauen verdiene weniger als 5000 Franken pro Monat, während dieser Medianlohn bei den Männern bei 7000 Franken liege, so der SGB weiter.

Der monatliche Unterschied von 2000 Franken sei zur Hälfte auf das unterschiedliche Arbeitspensum zurückzuführen. Frauen leisteten im Durchschnitt zwölf Stunden pro Woche mehr unbezahlte Haus- und Sorgearbeit. Weitere 500 Franken des Unterschieds entstünden durch schlechter bezahlte «Frauenberufe» und weil Männer häufiger Vorgesetztenfunktionen innehätten. Die restlichen 500 Franken seien unerklärt und teilweise auf Diskriminierung zurückzuführen.

Prämien drücken aufs Portemonnaie

Weiter belasten gemäss der Analyse des Gewerkschaftsbundes die Krankenkassenprämien die tiefen und mittleren Einkommen stark. Für eine Familie mit zwei Kindern und einem mittleren Einkommen machten die Prämien in den zehn grössten Kantonen trotz Verbilligungen mehr als 10 Prozent des Bruttoeinkommens aus.

Der 2026 in Kraft getretene Gegenvorschlag zur Prämienentlastungsinitiative, der die Kantone stärker in die Pflicht nimmt, werde nur zögerlich umgesetzt, kritisiert der SGB. In vielen Kantonen seien parlamentarische Vorstösse oder Volksinitiativen nötig, um Fortschritte zu erzielen.

Die direkte Besteuerung wirkt hier zwar ausgleichend - der Effekt wird jedoch durch die Krankenkassenprämien teilweise aufgehoben, wie der SGB betonte. Die Belastung durch staatliche Abgaben hängt laut dem Bericht nur noch begrenzt von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ab.

Forderung nach Mindestlöhnen

Der Gewerkschaftsbund fordert deshalb eine Wende in der Lohn- und Abgabenpolitik. Die unteren und mittleren Reallöhne müssten deutlich steigen und der Teuerungsausgleich wieder selbstverständlich werden.

Zudem verlangt der Verband einen Mindestlohn von 5000 Franken für Personen mit abgeschlossener Lehre und ist generell gegen Löhne unter 4500 Franken. Die Kantone sollen statt Steuersenkungen für Topverdienende die Krankenkassenprämien spürbar verbilligen.

(AWP)