Jordan Rochester erhielt den Spitznamen «Mr. Brexit» für seine treffsicheren Marktanalysen zum britischen EU-Austritt. Fast ein Jahrzehnt später haben seine schnellen Reaktionen auf den Ausbruch der Kämpfe im Nahen Osten erneut eine Reihe profitabler Handelsideen hervorgebracht.

Rochester, heute Makrostratege bei der Mizuho Bank, erkannte bereits zu Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran vor rund vier Wochen das Potenzial für massive Marktverwerfungen. Bis zum Handelsstart am folgenden Montag hatte er seine Einschätzungen komplett gedreht: Statt auf steigende britische Zinsfutures zu setzen, empfahl er angesichts des Ölpreisanstiegs, diese zu verkaufen, zudem den Euro gegen den Dollar zu shorten und sich in Europa gegen Inflation abzusichern.

«Wir mussten aus all diesen Positionen raus», sagte Rochester im Interview über die Kehrtwende seiner Empfehlungen. «Ich habe meinem Team einfach gesagt: ‘Alles verkaufen, rausgehen, das Gegenteil machen’.»

Der Stratege kam gemeinsam mit seinen Kollegen Evelyne Gomez-Liechti und Masayuki Nakajima schnell zu dem Schluss, dass die Bedrohung der Energieversorgung und der daraus resultierende Ölpreisschock stark genug sein könnten, um Zentralbanken zu Zinserhöhungen zu zwingen - eine Einschätzung, die damals noch nicht in den Märkten eingepreist war. Diese frühe Positionierung erwies sich als treffend und profitabel: Einen Monat nach Kriegsbeginn haben sich die Markterwartungen von zwei Zinssenkungen in Grossbritannien hin zu fast drei Zinserhöhungen gedreht - eine massive Verschiebung, die einen der stärksten Anleiheausverkäufe seit Jahren auslöste.

Rochesters schnelle Kehrtwende sticht hervor, da viele Investoren, die auf Zinssenkungen gesetzt hatten, auf dem falschen Fuss erwischt wurden. Selbst grosse Hedgefonds wie Brevan Howard verzeichneten Verluste. Anleger, die Rochesters Empfehlungen folgten, konnten hingegen profitieren, auch wenn britische Staatsanleihen zuletzt einen Teil ihrer Verluste wieder wettgemacht haben.

Zwar war Rochester nicht der Einzige, der erkannte, dass ein Ölpreisschock die Inflation und Zinserwartungen - insbesondere in Europa und Grossbritannien - verändern könnte. Doch seine frühen Einschätzungen halfen Kunden, Verluste zu begrenzen und von den sich verschärfenden Marktbewegungen zu profitieren.

«Er hat früh im März eine Short-Position am kurzen Ende der Zinskurve aufgebaut - eine gute Entscheidung», sagte James Athey, Portfoliomanager bei Marlborough Investment Management. «Er denkt unabhängig.»

Einige grosse Anleiheinvestoren konzentrieren sich hingegen stärker auf die Wachstumsrisiken des Konflikts, die letztlich zu niedrigeren Zinsen und Renditen führen könnten. Während kurzfristige Renditen in den USA und Grossbritannien seit Ende vergangener Woche wieder gesunken sind, halten Rochester und sein Team an ihrer pessimistischen Einschätzung fest. Am Freitag bekräftigte sein Team diese Einschätzung sogar noch und gab eine Short-Empfehlung für japanische Zinsen ab.

Der 35-Jährige begann seine Karriere 2013 als Währungsanalyst bei Nomura, nachdem er während seines Studiums der Volkswirtschaftslehre an der University of Bath dort ein Praktikum absolviert hatte. Während des turbulenten Brexit-Prozesses erarbeitete er sich den Spitznamen «Mr. Brexit», indem er mit Hunderten Analysen die Marktauswirkungen der politischen Entwicklungen prognostizierte und den Wertverlust des Pfunds zutreffend vorhersagte. 2024 wechselte er als Leiter der Makrostrategie für Europa, den Nahen Osten und Afrika zu Mizuho.

Auch Rochester lag nicht immer richtig. Ende vergangenen Jahres erwiesen sich seine optimistischen Einschätzungen zu britischen Staatsanleihen als verfrüht. Ebenso wurden seine Erwartungen sinkender europäischer Zinsen durch das Ende des Zinssenkungszyklus der Europäischen Zentralbank widerlegt.

Trotzdem gilt seine Analyse als wertvoll. Linda Raggi, Leiterin Makro und Multi-Sector Fixed Income bei Pictet Asset Management, bezeichnete seine Arbeit als aufschlussreich. Sie führe regelmässig Gespräche mit Rochester und seinem Team, um die Märkte zu besprechen, und sei von seiner Leidenschaft für die Makromärkte beeindruckt.

«Er hat keine Angst davor, gegen den Konsens zu stehen», sagte Raggi.

In seiner Zeit bei Nomura arbeitete Rochester eng mit dem geopolitischen Analysten Alastair Newton zusammen, von dem er lernte, wie Ölpreise und geopolitische Entwicklungen Währungen beeinflussen. Eine zentrale Erkenntnis sei gewesen, dass eine Schliessung der Strasse von Hormus ein extremes Ereignis mit weitreichenden Folgen darstellen würde.

«Und genau das ist jetzt passiert», sagte Rochester. «Das hat mich zu der Einschätzung gebracht, dass der Markt völlig falsch liegt und aufwachen muss.»

Seiner Ansicht nach würde eine nachhaltige Trendwende an den Anleihemärkten mehrere Voraussetzungen erfordern: ein Ende der iranischen Angriffe, ein Abschluss der US-Militäroperationen, die Sicherung der Strasse von Hormus durch Verbündete oder ein weiterer Ölpreisanstieg, der Risikoanlagen belastet und Kapital zurück in Anleihen lenkt.

Gleichzeitig ist sich Rochester bewusst, dass sich die Lage schnell ändern kann und seine Einschätzungen hinfällig werden könnten. Als ihn ein Hedgefonds-Kunde für seine frühe Prognose von Zinserhöhungen lobte, blieb er gelassen.

«Dieser Job ist wie ein Hamsterrad - der Zirkus zieht weiter», sagte er. «Ich könnte bei einem Waffenstillstand völlig falsch liegen und wir sehen eine massive Bewegung in die andere Richtung. Man darf nicht in der Vergangenheit leben. Es geht immer nur um den nächsten Trade.»

(Bloomberg/cash)

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