Auf den ersten Blick ist China im Rennen um die technologische Führung bei Künstlicher Intelligenz (KI) ganz vorn mit dabei: Fast 80 sogenannte grosse Sprachmodelle sind dort in der Entwicklung. Diese "Large Language Modells" (LLMs) bilden die Grundlage für Programme wie ChatGPT. Anders als der Chatbot der US-Firma OpenAI, der weltweit bereits mehr als 100 Millionen Nutzer zählt, ist aber bislang kein einziges der chinesischen Konkurrenzprodukte öffentlich zugänglich. Dabei wäre das für die Entwicklung wichtig, denn diese Programme lernen mit jeder Nutzung dazu.

Ein Hauptgrund für das Zögern der Regierung, KI freizugeben, sei die Befürchtung, unzensierte Chatbots könnten gesellschaftliche Ansichten in potenziell subversive Richtungen beeinflussen, sagt Mark Natkin, Geschäftsführer Research-Hauses Marbridge. Die Führung des Landes hatte im Frühjahr diese Technologie als wichtiges Zukunftsfeld definiert und angekündigt, Entwicklern grosse Freiheiten lassen zu wollen. Allerdings müssten die KI-Inhalte mit den sozialistischen Grundwerten des Landes übereinstimmen.

Tempolimit für Rennwagen

"Das ist, als ob man einen Rennwagen zu einem Tempolimit verdonnert", sagte Heatherm Huang, Mitgründer der KI-Firma Measurable AI. "Während die USA voranpreschen, tritt China mit immer neuen Regeln auf die Bremse."

Dabei gibt es in der Volksrepublik noch keine expliziten Gesetze zur Regulierung von KI. Allerdings veröffentlichte die Internet-Aufsicht vorübergehende Maßnahmen zur Regulierung sogenannter Generativer KI. So müssen sich Anbieter Sicherheitsbewertungen unterziehen und ihre Algorithmen bei den Behörden hinterlegen. Die Auflagen gelten aber nur dann, wenn ein Programm öffentlich zugänglich ist. Dies hindere Unternehmen daran, ihre Produkte einem grossflächigem Feldtest zu unterziehen, sagt Jialong Shi, Chef-Analyst für chinesische Internetwerte bei der Investmentbank Nomura. Im Mai hatte der Suchmaschinen-Betreiber Baidu mitgeteilt, auf die staatliche Freigabe für seine KI "Ernie" zu warten.

Insgesamt hat die Regierung in Peking die Daumenschrauben für den Technologiesektor in den vergangenen Jahren kräftig angezogen. So müssen Firmen für den Export bestimmte Daten einer Sicherheitsprüfung unterziehen lassen. "In den vergangenen Jahren gab es viele - wie ich es nenne - 'präventive Regulierungen'", sagt Henry Gao, Juraprofessor der Singapore Management University. "Sie ersticken definitiv die Innovation und verlangsamen die Fähigkeit chinesischer Unternehmen, aufzuholen."

Viele KI-Entwickler konzentrieren sich daher auf industrielle Anwendungsbereiche. Analysten zufolge deckt sich das mit den Prioritäten und Zielen der Regierung. Staatspräsident Xi Jinping verstärkte Bemühungen in diesem Bereich angemahnt, um die Abhängigkeit von westlicher Technologie zu reduzieren. So wird "Ernie" nach Angaben von Baidu in 300 Unternehmen für Marketing-Zwecke und im Kundendienst getestet. Der vor allem als Telekom-Ausrüster bekannte Konzern Huawei sieht das Einsatzgebiet seiner KI "Pangu" in der Medikamentenentwicklung oder bei Wettervorhersagen.

(Reuters)