Anleger erwartet 2013 kaum ein «Sell in May»

Die Börsenweisheit «Sell in May and go away» werde sich dieses Jahr kaum bewahrheiten, sagen Börsenexperten. Wie sich Anleger in den kommenden Wochen verhalten sollen, und wo der SMI Ende Jahr erwartet wird.
08.04.2013 06:00
Von Frédéric Papp
Ab Mai sei nicht mit stark fallenden Kursen zu rechnen, so Anlageprofis.

Die seit dem Sommer des vergangenen Jahres andauernde Aktienhausse im Swiss Market Index (SMI) scheint vorerst beendet. Seit Donnerstag letzter Woche korrigierte der Schweizer Leitindex über 3 Prozent. Und dies dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.

"Bis in den Sommer rechnen wir mit einer Korrektur von fünf bis maximal zehn Prozent", sagt Sven Bucher, Chefanalyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) auf Anfrage von cash. Laut Bucher werden Anleger einen Teil der Gewinne realisieren, was kurzfristig zu tieferen SMI-Ständen führen dürfte. Der Schweizer Leitindex ist seit Mitte des vergangenen Jahres um satte 34 Prozent gestiegen. Bei den Einzelaktien liegt Holcim mit einer Performance von 54 Prozent an der Spitze, gefolgt von Swatch und Credit Suisse mit Kursgewinnen von gut 50 Prozent (zum Artikel).

Auch Panagiotis Spiliopoulos, Researchleiter bei der Bank Vontobel, rechnet mit leicht tieferen Kursen: "Ich erwarte bis zu den Veröffentlichungen der Halbjahreszahlen im Herbst eine Seitwärtsbewegung im SMI mit einer Handelsspanne von 10 Prozent." Eine solche Seitwärts- statt Abwärtsbewegung gab es letztmals im Krisenjahr 2009.

Kein "Sell in May" in Sicht

Ein klassisches "Sell in May" sehen aber beide Anlageprofis in diesem Jahr nicht. "Die Wahrscheinlichkeit ist klein", sagt Panagiotis Spiliopoulos, Researchleiter bei der Bank Vontobel.

Jeweils im April erinnern sich Anleger an die altbekannte Börsenweisheit: "Sell in May and go away". Es stellt sich die Frage, ob man im Mai seine Aktien verkaufen und die Börse bis auf Weiteres meiden soll. Der Blick auf die Börsenentwicklung der vergangenen 14 Jahre zeigt: Zwischen 1998 und 2012 war diese Strategie in 10 von 14 Jahren erfolgreich.

Tatsächlich erreichte der Swiss Market Index (SMI) zehnmal im April oder Mai einen Höhepunkt, während die folgenden Sommermonate den Anlegern teils erhebliche Kursverluste einbrachten. Durchschnittlich büsste der SMI 17 Prozent ein. Die Gründe für die Kurskorrektoren sind in der Regel mangelnde Impulse. Denn die Zahlensaison ist vorüber, und die den Kurs treibende Dividendenperiode neigt sich dem Ende zu.

Spiliopoulos führt noch einen weiteren Punkt ins Feld, der dieses Jahr für eine Seitwärtsbewegung und gegen eine starke Korrektur spricht: "Das prognostizierte Gewinnwachstum der meisten SPI-Unternehmen ist gering oder in Einzelfällen negativ. Entsprechend verhalten sind die Erwartungen an die Erstquartalszahlen und damit das Enttäuschungspotenzial." Dies wiederum sei eine gute Ausgangslage für weiterhin stabile Börsen, so der Anlageexperte.

"Come back in September"

Gegen eine scharf Korrektur spricht auch die konzentrierten Geldmengenexpansion der Notenbanken. Die Folge: Das Papiergeld wird an Wert verlieren. Deshalb treibt es verstärkt Anleger in Sachwerte wie Aktien. Das Potenzial für weiter steigende Kurse ist somit gegeben, falls die Lage in Nordkorea nicht eskaliert.

"Der SMI hat per Ende Jahr relativ zum heutigen Stand noch ein Potenzial von gegen 6 Prozent", sagt Bucher. Und auch Spiliopoulos erwartet einen SMI ab der zweiten Jahreshälfte von über 8000 Punkten, gegeben die Halbjahreszahlen überzeugen und die Eurozone findet wieder auf den Wachstumspfad zurück. Während der erste Teil der Börsenregeln "Sell in May and go away" in diesem Jahr wohl nicht eintreffen wird, gilt dies indes für den zweiten Teil: "Come back in September". In den vergangenen Jahren stiegen die Börsen im zweiten Halbjahr teilweise deutlich an.

Anleger, die in den ersten drei Monaten die Aktienquote erhöhten, sollten diese beibehalten, empfiehlt Spiliopoulos. Für risikotolerante Anleger seien kleinere und mittlere Qualitätstitel wie zum Beispiel Sulzer, Clariant oder Dätwyler ein Kauf, so der Vontobel-Mann. ZKB-Analyst Bucher sieht noch Gewinnchancen bei Nebenwerten wie AFG oder APG.