Börse - «In den nächsten zwölf Monaten könnte der SMI überdurchschnittlich abschneiden»

Barclays-Experte Julien Lafargue sieht den Schweizer Aktienmarkt mittelfristig im Vorteil. Die expansive Notenbankpolitik und die steigende Inflation werden die Börsen noch lange beschäftigen, glaubt er.
24.06.2021 14:28
Interview: Marc Bürgi
Börsenkurse auf einer Anzeigetafel.
Börsenkurse auf einer Anzeigetafel.
Bild: imago images / McPHOTO

Chinas wirtschaftliche Rolle dürfte noch bedeutender werden - ist das ein Grund, auf chinesische Obligationen zu setzen - könnten Renminbi-Anleihen gar zu den neuen US Treasury Bonds werden?

Julien Lafargue: Chinesische Obligationen könnten irgendwann zu einem weiteren Safe-Haven-Asset werden, genau wie US-Staatsanleihen. Um dies zu erreichen, muss sich die chinesische Wirtschaft jedoch weiter für externes Kapital öffnen, und die Anleger müssten Vertrauen in das regulatorische und geopolitische Umfeld haben. Auch wenn an diesen Fronten Fortschritte erzielt wurden, bestehen zum jetzigen Zeitpunkt noch erhebliche Risiken.

Vor knapp zwei Jahren startete die chinesische Technologiebörse Star - Chinas Antwort auf die US-Börse Nasdaq. Kommt der Markt auch für Schweizer Anlegerinnen infrage?

China ist auf dem besten Weg, bis zum Ende des Jahrzehnts die grösste Volkswirtschaft der Welt zu werden. Hochinnovative Unternehmen, wie sie im "Star Market" enthalten sind, werden wahrscheinlich zu denen gehören, die das zukünftige globale Wachstum vorantreiben. Aus diesem Grund sind viele Anleger an einem Engagement in der Region und in diesem Markt interessiert.  Kurzfristig mag er zwar volatil sein, langfristig bietet er aber interessante Wachstumsperspektiven.

Wie dürfte sich der Ölpreis entwickeln? Und wird sich der Ölpreis auf die Börse auswirken?

Die Aussichten für die Ölpreise sind positiv, da jahrelange Minderinvestitionen sowie die Fokussierung der grössten Ölkonzerne auf den Wert statt auf die Menge das Produktionswachstum wahrscheinlich einschränken werden. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Öl robust, weil viele Alternativen noch nicht völlig praktikabel sind. Aus Sicht des Aktienmarktes werden die Auswirkungen der höheren Ölpreise in zweierlei Hinsicht zu spüren sein. Erstens könnten Aktien mit Bezug zu Öl profitieren. Allerdings bilden diese typischerweise einen relativ kleinen Anteil an den meisten Indizes. Zweitens, und das ist vielleicht am wichtigsten, könnten höhere Ölpreise die Inflationserwartungen anheizen. Die Auswirkungen wären hier erheblich, da eine höhere Inflation die Zentralbanken im Extremfall zu einer Straffung der Geldpolitik zwingen könnte, was die Bewertungen der Aktienmärkte belasten könnte.

Die Energiewende wird gewisse Rohstoffe sehr gefragt machen. Lohnt es sich, in die Stromwirtschaft der Zukunft zu investieren - und welches Vorgehen bietet sich dafür an?

Der Trend einer stark steigenden Nachfrage nach erneuerbaren Energiequellen wird wahrscheinlich anhalten, da die Welt versucht, die globale Erwärmung zu bekämpfen und bis zur Mitte des Jahrhunderts netto emissionsfrei zu werden. Diese langfristige Entwicklung kann ein fruchtbares Terrain für Anleger sein, wobei Rohstoffe nur eine Möglichkeit für potenzielle Wertsteigerungen darstellen. Anleger könnten die gesamte Wertschöpfungskette von Rohstoffen bis hin zu Herstellern und Dienstleistern in Betracht ziehen. Während Rohstoffe von einer höheren Nachfrage profitieren können, besteht das Risiko, dass auch das Angebot wächst und die Preise nach unten drückt. Die Konzentration auf die Bereiche, in denen die grösste Wertschöpfung erzielt wird und in denen es ein spezifisches Know-how oder einen Wettbewerbsvorteil gibt, ist eine Überlegung wert, insbesondere für langfristig orientierte Anleger.

An den Märkten ist heute oft von «Secular Stagnation» die Rede - die Theorie, welche eine langfristig schwache Nachfrage und wenig Wachstum voraussagt. Was steckt hinter der These und welche Schlüsse sollten Anlegerinnen und Anleger daraus ziehen?

Langfristige Veränderungen, wie zum Beispiel eine ungünstige demografische Dynamik (d. h. eine alternde Bevölkerung), eine höhere Verschuldung und ein mangelndes Produktivitätswachstum, das oft mit einem geringeren Innovationstempo verbunden ist, bergen das Risiko einer secular stagnation, also einer anhaltenden Stagnation. Solcherlei Bedenken kommen und gehen, meist im Zusammenhang mit Krisen. Während das Wachstum im Laufe der Zeit wahrscheinlich abnehmen wird, bleibt die Innovation sehr lebendig und technologische Fortschritte dürften uns davor bewahren, in eine Stagnation zu verfallen. Insbesondere das Aufkommen einer grünen Wirtschaft und die Digitalisierung unseres Lebens könnten zwei bedeutende Wachstumstreiber für die kommenden Jahrzehnte sein.

Blicken wir auf das allgemeine Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?

Die COVID-19-Krise hat weitreichende Auswirkungen auf die Finanzmärkte gehabt. Alles, von Obligationen, Rohstoffen, Aktien bis hin zu Währungen, wurde durch das beispiellose Ausmass an geld- und fiskalpolitischen Stimuli beeinflusst, die zur Unterstützung der Volkswirtschaften auf der ganzen Welt bereitgestellt wurden. Infolge der zusätzlichen Liquidität und der niedrigeren Zinsen sind die Bewertungen gestiegen, die Verschuldung ist in die Höhe geschnellt, die Inflation schleicht sich nach oben und wir haben eine grössere Streuung in der Performance zwischen und innerhalb der Anlageklassen gesehen als üblich. Dies sind keine kurzfristigen Probleme, und es ist wahrscheinlich, dass wir noch jahrelang mit den Nachwirkungen dieser Krise zu kämpfen haben werden. Nach Angaben des Institute of International Finance hat die weltweite Verschuldung im Verhältnis zum BIP einen historischen Höchststand von 355 Prozent erreicht. Um die Schulden wieder zu senken sind erhebliche Anpassungen in den Staats- und Privathaushalten und den Bilanzen der Unternehmen erforderlich.

Im Zuge des Schuldenabbaus dürfte das Wachstum geringer ausfallen, während die Zinssätze auf einem erträglichen Niveau bleiben müssen, um die Volkswirtschaften nicht zu sehr unter Druck zu setzen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?

Der Schweizer Markt ist seit Jahresbeginn hinter seinen europäischen Konkurrenten zurückgeblieben. Dies ist wahrscheinlich eine Folge seiner defensiven Ausrichtung. Tatsächlich ist der SMI mit seinem hohen Anteil in den Sektoren Gesundheitswesen und Konsumgüter in der Regel nicht die erste Wahl der Anleger in einem starken zyklischen Erholungsprozess. Allerdings dürften der Optimismus und das Momentum in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 nachlassen. Dies sollte defensivere Teile des Marktes unterstützen und folglich für den SMI von Vorteil sein.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?

Angesichts der hohen Bewertungen und der nachlassenden Dynamik dürften die Aktienmärkte in Zukunft insgesamt niedrigere Renditen erwirtschaften. In den nächsten zwölf Monaten könnten die Aktien im günstigsten Fall 5 bis 10 Prozent höher liegen. In diesem Kontext könnte der SMI leicht überdurchschnittlich abschneiden, insbesondere wenn die Erholung nicht so stark ausfällt wie derzeit erwartet.

Das Interview wurde schriftlich geführt und erschien in der vollständigen Version zuerst auf handelszeitung.ch unter dem Titel "Chinesische Obligationen könnten zu einem Safe-Haven-Asset werden".

 
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