Cryptopolis - Chiasso will zum Fintech-Mekka werden

Im Tessin soll ein weiteres Zentrum der Finanztechnologie entstehen. Wie stehen die Chancen dazu? Und welche Rolle spielt Italien? cash hat mit beteiligten Personen gesprochen.
24.11.2017 12:35
Von Ivo Ruch
Blick auf die Tessiner Gemeinde Chiasso.
Blick auf die Tessiner Gemeinde Chiasso.
Bild: iNg

Die Deutschschweiz hat mit Zug und Zürich zwei Zentren der Finanz- und Blockchain-Technologie. Genf zieht vor allem französischsprachige Fintech-Startups an. Und das Tessin? Hier soll nun ebenfalls ein Hub für junge Unternehmen im Bereich Bitcoin und anderer Digitalwährungen entstehen. "Cryptopolis" nennt sich die neue Szene in Chiasso. Dies in Anlehnung an das Zuger "Crypto Valley".

Wieso ausgerechnet die Grenzstadt Chiasso? "Wir haben Chiasso vor allem aus regulatorischen Gründen gewählt", sagt Amelia Tomasicchio vom Startup Eidoo, das eine digitale Brieftasche für Kryptowährungen entwickelt hat. Über ein ICO (Initial Coin Offering, eine Art digitaler Börsengang) hat Eidoo kürzlich knapp 28 Millionen Dollar eingenommen.

Entscheidend ist für die Fintech-Startup in Chiasso auch die Nähe zu Italien. "Chiasso hat eine wichtige strategische Position zwischen der grossen Fintech-Szene in Mailand und dem Marktzugang in der Schweiz", sagt Tomasicchio. Das betrifft insbesondere die Angestellten: Ein Grossteil von ihnen stammt aus Italien. Neben Eidoo haben sich bisher rund ein Dutzend Fintech-Startups in Chiasso angesiedelt.

Die Banken bleiben wichtig

Ein weiterer Punkt, der für Chiasso spricht: die lange Tradition des Tessins als Finanzplatz. Denn "Fintech kann nie ohne die Unterstützung traditioneller Banken existieren", sagt Lars Schlichting, Partner beim Beratungsunternehmen KPMG in Lugano. Banken fungieren zum Beispiel als Zwischenstelle zwischen der Welt des herkömmlichen Fiat-Geldes und den Digitalwährungen. Auch bei der Zusammenarbeit mit der Regulierungsbehörde seien die Banken für Fintech-Startups ein wichtiger Ansprechpartner mit Fachwissen, so Schlichting.

Die Bankenbranche im Tessin hat - bedingt durch die Nähe zu Italien - tatsächlich Tradition. Doch durch die Aufweichung des Bankgeheimnisses und die Verfolgung unversteuerter Kundengelder flossen in den letzten Jahren viele Kundengelder ab. Wird nun der Fintech-Standort Tessin erneut zur Geldwäscherei missbraucht?

Blockchain-Experte Schlichting verneint: "Ich schätze diese Gefahr als gering ein." Entscheidend seien die User und der behördliche Umgang mit den Aktivitäten der User. So ist derzeit noch unklar, inwiefern der Kauf von sogenannten Token (digitale Münzen basierend auf der Blockchain) dem Geldwäschereigesetz untersteht. Bereits hat die Finma begonnen, bei der Ausgabe solcher Token mittels ICO wegen Verdacht auf Betrug genauer hinzuschauen und Anleger zu warnen.

Steuern bezahlen mit Bitcoin

Um die Bekanntheit der Tessiner "Cryptopolis" zu steigern, helfen auch die Behörden marketingmässig kräftig mit. Wie beim Namen gilt dabei Zug als Vorbild: Ab 2018 sollen Einwohner von Chiasso behördliche Dienstleistungen mit Bitcoin bezahlen können – im Unterschied zu Zug gar Steuerzahlungen in einer Höhe bis zu 250 Franken.

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Bürgermeister Bruno Arrigoni schrieb im September in einer Medienmitteilung: "Chiasso wird international anerkannt als Epizentrum einer Bewegung, die technologisches und wirtschaftliches Wachstum schafft – für den Kanton und die Schweiz". Auch auf kantonaler Ebene ist das Interesse an weiteren behördlichen Initiativen vorhanden. 

Eine solche Offensive ist auch nötig, denn Chiasso hat noch Rückstand im Wettlauf um aufstrebende Fintech-Firmen. Beim Schweizer Fintech-Verband gibt man sich jedenfalls zurückhaltend: "Chiasso ist in unserem Fintech-Verein noch nicht explizit als Standort hervorgetreten", schreibt Thomas Brändle von Swiss Finance Startups auf Anfrage. Ergänzt aber, Fintech-Startups entstünden überall in der Schweiz.

Und so gelten die Gefahren, die Jungunternehmen für ihren Standort sehen, für die gesamte Schweiz. Weil Krypto-Experten noch relativ selten und international sehr gefragt sind, wäre ein strengeres Einwanderungs-Regime der grösste Stolperstein. "Das wäre schlecht für unser Geschäft und das gesamte Schweizer Umfeld, speziell in der Krypto-Industrie", sagt Amelia Tomasicchio von Eidoo.