Das lange Warten auf die Benzinpreissenkung

Die Preise für Erdöl sinken seit Monaten. Doch statt ebenfalls nachzugeben, steigt der Benzinpreis in der Schweiz sogar an. Konsumentenschützer sind empört, die Erdöl-Vereinigung beschwichtigt.
06.08.2015 00:05
Von Ivo Ruch
Benzin ist im Juli teurer geworden.

Auto- und Töfffahrer haben gefühlsmässig immer wieder ein Déjà-vu: Steigt der Preis für Erdöl an, verteuert sich der Benzinpreis prompt. Sinkt hingegen der Wert des "schwarzen Goldes", verändert sich an der Zapfsäule lange mal nichts.

Gleiches war in den letzten Monaten wieder feststellbar. Seit Anfang Mai ist der Preis für Rohöl der Nordseesorte Brent von 70 auf unter 50 Dollar gefallen. Das ist nur noch halb so viel wie vor einem Jahr und nur wenig entfernt vom Stand vom Januar, als mit 45 Dollar ein Sechs-Jahres-Tief erreicht wurde.

Die Preise für Benzin haben sich in den letzten drei Monaten aber nicht verbilligt – im Gegenteil. Ein Liter Bleifrei 95 kostete im Mai im Durchschnitt 1,53 Franken. Im Juli kletterte dieser Wert sogar auf 1,57, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.

Entwicklung des Ölpreises (Brent) in den letzten drei Monaten, Quelle: cash.ch

Bei der Erdöl-Vereinigung begründet man diesen Anstieg im Juli folgendermassen: "Der Transportpreis auf dem Rhein hat sich im Juli mehr als verdoppelt. Gründe dafür sind Probleme in einer deutschen Raffinerie und der relativ niedrige Wasserstand", so Geschäftsführer Roland Bilang gegenüber cash. Zudem sei der Dollar weiterhin stark, was sich ebenfalls stützend auf die Benzinpreise auswirke.

Laut Angaben der Erdöl-Vereinigung setzt sich der Preis für einen Liter Bleifrei 95 in der Schweiz wie folgt zusammen: 61 Prozent für Steuern und Abgaben, 28 Prozent für Einkauf und Fracht. 11 Prozent beträgt die Handelsspanne.

Für Konsumenten unverständlich

Ganz anderer Meinung sind die Konsumentenorganisationen. "Beim Benzinpreis läuft es ähnlich ab wie bei den Mieten", sagt Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforum. Mit einer Senkung werde immer so lange zugewartet, bis es wieder einen Grund zur Erhöhung gebe. "Nach oben werden die Preise schneller angepasst als nach unten. Für Konsumenten ist dieses Vorgehen unverständlich", so Sigg zu cash.

Auf einen weiteren Aspekt macht Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) aufmerksam: "Man kann seit Jahrzehnten beobachten, dass Benzinpreise in der Schweiz an Ostern und während den Ferien ansteigen, unabhängig davon, wie sich die Preise für Erdöl entwickeln."

Ein Blick auf die Statistik der letzten 22 Jahre zeigt tatsächlich einen Anstieg der Benzinpreise jeweils zwischen März und April. "Die Benzin-Firmen nutzen also die erhöhte Nachfrage aus, was ich nicht korrekt finde", so Stalder weiter. Wenn die Kosten für Erdöl einen Einfluss auf den Benzinpreis haben sollten, dann müssten die Preisschwankungen auch entsprechend weitergegeben werden.

Preise für Bleifrei 95 in den letzten 12 Monaten, Quelle: erdoel.ch

Für Erdöl-Vertreter Bilang ist das durchaus möglich. Falls die anderen Faktoren, welche den Benzinpreis beeinflussen, sich nicht ändern würden, dürfte sich ein tieferer Rohölpreis auch auf die Preise an der Zapfsäule niederschlagen. "Mit einer gewissen Verzögerung natürlich", wie er anfügt.

Die Schweiz ist machtlos

SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder rät Konsumentinnen und Konsumenten schon heute, die Preisunterschiede zwischen den Tankstellen ausnutzen und dort zu tanken, wo es am billigsten ist. In der Regel ist das Benzin auf Autobahnen und in Städten am teuersten. Im Tessin oder in ländlichen Regionen tankt man hingegen häufig am günstigsten, wie der Preisvergleich auf benzin-preis.ch oder tanktipp.ch zeigt. Fahrzeughalter, die grenznah wohnen, profitieren seit der Aufhebung der SNB-Kursuntergrenze von den tieferen Dieselpreisen in Deutschland und Frankreich (Liter Diesel um 1,20 Euro).

In Zukunft sollten Tankstellen allerdings sofort reagieren, wenn sich der Preis für Rohöl drastisch verändert, und zwar in beide Richtungen, sagt Babette Sigg. "Für uns Konsumenten spielt der Wettbewerb zu wenig – das riecht nach Absprachen und Kartell." Um dagegen vorzugehen, wäre aber laut Sara Stalder eine Aktion auf europäischer Ebene notwendig, wie sie sagt. "Die Schweiz kann alleine nichts gegen dieses Vorgehen unternehmen."