EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der britische Premierminister Boris Johnson erklärten am Sonntag gemeinsam, sie hätten ihre Teams mit der Fortsetzung der Unterredungen beauftragt. Ursprünglich hatten Johnson und von der Leyen eine endgültige Entscheidung bis Sonntag gefordert, sich in einem persönlichen Telefonat dann aber doch auf weitere Gespräche verständigt.

Weniger als drei Wochen vor dem Ende der Übergangsphase, in der sich nach dem EU-Ausstieg der Briten Ende Januar kaum etwas geändert hat, setzen die Gemeinschaft und Grossbritannien damit auf eine Lösung in letzter Minute.

"Trotz der Erschöpfung nach fast einem Jahr Verhandlungen, trotz der Tatsache, dass immer wieder Fristen versäumt wurden, glauben wir, dass es verantwortungsvoll ist, jetzt noch die Extra-Meile zu gehen", hiess es in der Erklärung Johnsons und von der Leyens am Sonntag. Am Freitag hatten beide gesagt, dass Grossbritannien und die EU wohl ab Januar ohne Handelsabkommen dastünden. Am 31. Dezember endet die Übergangszeit, in der die Briten nach dem Brexit noch EU-Regeln anwenden müssen.

Fischereirechte und Wettbewerb umstritten

Hauptstreitpunkte für eine Einigung für die Zeit danach waren zuletzt vor allem Fischereirechte und Regeln für einen fairen Wettbewerb. Aus EU-Kreisen verlautete am Sonntag, hier habe es seit Freitag trotz einiger allgemeiner Fortschritte keinen Durchbruch gegeben. Johnson erklärte nach der Verschiebung, in einigen Kernfragen seien beide Seiten noch sehr weit auseinander. "Aber da wo Leben ist, da ist Hoffnung." Man werde sehen, was man machen könne. "Grossbritannien wird die Verhandlungen sicher nicht abbrechen."

Der britische Aussenminister Dominic Raab sagte Sky News kurz vor der Entscheidung zur Verlängerung, Grossbritannien wolle von der EU wie "jede andere unabhängige Demokratie mit Selbstachtung" behandelt werden. "Wenn die EU das auf der politischen Ebene akzeptieren kann, dann gibt es allen Grund zur Zuversicht, aber ich glaube, es ist noch ein weiter Weg zu gehen." Die spanische Aussenministerin Arancha Gonzalez Laya erwiderte in derselben Sendung, Sinn eines Handelsvertrags sei nicht, seine eigene Unabhängigkeit durchzusetzen, sondern die gegenseitige Abhängigkeit zu regeln.

Bei einem harten Bruch drohen grössere Verwerfungen für die Wirtschaft wie bei den eng zwischen Grossbritannien und den verbleibenden EU-Ländern verzahnten Lieferketten. An den Grenzen werden Verzögerungen erwartet, Handelsunterbrechungen und die Erhebung von Zöllen dürften Firmen belasten und könnten auch die Finanzmärkte erschüttern.

Merkel will weiter Lösung 

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich dafür aus, alles zu tun, damit bei den Brexit-Verhandlungen doch noch eine Lösung gefunden wird. "Natürlich bin ich der Meinung, dass wir alles versuchen sollten, ein Ergebnis zu bekommen", sagte Merkel kurz vor der Erklärung Johnsons und von der Leyens. "Jede Möglichkeit, noch zu einem Ergebnis zu kommen, ist hochwillkommen." Beim Ausscheiden Grossbritanniens aus dem Binnenmarkt müsse auf faire Wettbewerbsbedingungen geachtet werden, betonte Merkel.

In dieser Frage sei mit einiger Kreativität durchaus eine Lösung zu finden, sagte der irische Ministerpräsident Micheal Martin der BBC. Wenn es nicht gelänge, insgesamt einen Vertrag auszuhandeln, wäre dies ein "entsetzliches Scheitern der Staatskunst".

Der irische Aussenminister Simon Coveney twitterte nach der Verlängerung der Gespräche, dies sei ein gutes Zeichen. "Zeit, die Nerven zu behalten und den Unterhändlern zentimeterweise Fortschritt zu ermöglichen, sogar zu diesem späten Zeitpunkt." Eine Einigung sei zwar eindeutig sehr schwierig, aber möglich.

«Keep Calm and Carry On»

Die britische Regierung treibt unterdessen ihre Vorbereitungen für ein Scheitern der Verhandlungen voran. So plant sie Zeitungsberichten ein Hilfsprogramm für besonders stark betroffene Branchen wie der Automobil- und Chemieindustrie sowie der Schafzucht und der Fischerei. Zum Schutz der heimischen Fischer stellt das Londoner Verteidigungsministerium vier Patrouillen-Boote für Kontrollen ab. Es sind Befürchtungen laut geworden, dass es zu Konflikten kommen könnte, wenn Fischer beispielsweise aus Frankreich nicht mehr in bestimmten britischen Gewässern fischen dürfen.

Frankreich zeigte sich von der Entsendung von Patrouillen-Booten unbeeindruckt. Ein Vertreter des Pariser Präsidentenamts sagte dazu zu Reuters: "Ruhigbleiben und weitermachen" ("Keep calm and carry on") - ein britischer Slogan aus Kriegszeiten.

(Reuters)