EZB pumpt weiter billiges Geld in die Märkte

Die drohende Rückkehr der Schuldenkrise zwingt die EZB zu bislang nicht gekannter Offenheit und macht eine weitere Zinssenkung wahrscheinlich.
04.07.2013 15:58
Mario Draghi beglückt die Märkte: Die Zinsen sollen länger tief bleiben.

"Der EZB-Rat geht davon aus, dass der Schlüsselzins in der Euro-Zone noch für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen oder auch einem niedrigeren Niveau bleibt", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag und schickte damit den Euro auf Talfahrt. Mit anderen Worten: Die Europäische Zentralbank (EZB) legt sich für die nächste Zeit auf einen ultralaxen geldpolitischen Kurs fest, schließt niedrigere Zinsen nicht aus und betritt mit ihrer ungewohnten Klarheit Neuland wie vor ihr nur das US-Pendant Federal Reserve (Fed).

Die Notenbank werde ihren konjunkturstützenden Kurs so lange wie nötig fortsetzen, so Draghi. Zuvor hatte die EZB-Spitze bei ihrer Sitzung in Frankfurt beschlossen, den Leitzins auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent zu lassen. Der Italiener betonte, das sei "nicht die Untergrenze". Der EZB-Rat habe "intensiv" über eine sofortige Zinssenkung diskutiert und sei "offen für verschiedene Zinsvarianten". Der Ausstieg aus der seit Jahren extrem lockeren Geldpolitik sei in der Euro-Zone im Gegensatz zu den USA, wo sich die Fed langsam auf ein Ende ihrer milliardenschweren Bond-Käufe und auf mittlere Sicht auch eine Zinswende vorbereitet, noch "weit entfernt".

Anfang Mai hatte die EZB den Schlüsselzins wegen der harten Rezession in weiten Teilen der Euro-Zone zuletzt gesenkt. Im Juni hatte sich Draghi dann alle Optionen offen gelassen. Zuletzt hatten Hiobsbotschaften aus Portugal und Griechenland die Sorge vor einem neuerlichen Aufflammen der Schuldenkrise entfacht. So waren zum Beispiel die Zinsen, die Portugal am Kapitalmarkt Investoren bezahlen muss, im Zuge der dortigen Regierungskrise wieder auf mehr als acht Prozent geklettert. Auch in Griechenland droht weiteres Ungemach und eventuell ein neuerlicher Schuldenschnitt.

Effektiver Schutz

Die von der EZB vergangenen Sommer in Aussicht gestellten unbegrenzten Anleihe-Käufe kriselnder Staaten seien "nach wie vor ein effektiver Schutz" vor einer Eskalation der Krise, sagte Draghi. Das entsprechende, im Fachjargon OMT genannte Programm sei starklar und könne jederzeit aktiviert werden, sollte ein Land unter den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM schlüpfen. Mit der Konjunktur zeigte sich Draghi nur mäßig zufrieden. Die Wirtschaft schwäche sich zwar weiter ab, aber nicht mehr so stark wie zuletzt. Er erwarte aber im Laufe des kommenden Jahres eine Erholung der Konjunktur.

Die Äußerungen Draghis sorgten für steigende Aktienkurse, zum Beispiel stieg der Dax um mehr als zwei Prozent, während der Kurs des Euro unter 1,29 Dollar fiel. An den Rentenmärkten zogen die Kurse dagegen an, die Zinsen auf spanische und italienische Bonds gaben nach. Ulrich Wortberg von der Helaba glaubt, dass die EZB bei Bedarf ganz schnell an der Zinsschraube drehen kann: "Neu ist die Ankündigung, das Zinsniveau auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau für einen längeren Zeitraum zu halten. Damit versucht die EZB das Rendite-Niveau zu drücken und sich von den USA abzukoppeln. Zudem ist die Tür für eine Zinssenkung bei einer der kommenden Ratssitzungen weit geöffnet."

Neuer Mann in England

Vor der EZB hatte bereits die Bank von England unter ihrem neuen Chef Mark Carney ihren geldpolitischen Kurs bekräftigt und den Leitzins bei 0,5 Prozent belassen. Der erste Ausländer auf dem Chefsessel der rund 300 Jahre alten Finanzinstitution stockte auch die Staatsanleihen-Käufe, mit denen die Zentralbank versucht, mehr Geld in die darbende Wirtschaft zu pumpen, vorerst nicht auf. Volkswirte hatten damit gerechnet, dass Carney zu Beginn seiner Amtszeit noch keinen eigenen Akzent setzt. Der Kanadier ist erst seit dem 1. Juli im Amt und folgt Mervyn King, der genau zehn Jahre an der Spitze der britischen Notenbank stand.

Balsam für die Seele der Anleger

Mit ihrer Festlegung auf eine langfristig lockere Geldpolitik hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag für Erleichterung unter Europas Anlegern gesorgt. Notenbank-Chef Mario Draghi hatte unter anderem gesagt: "Die Zinsen werden für eine längere Zeit auf dem gegenwärtigen Niveau oder darunter liegen."

"Das Wesentliche ist dieser 'längere Zeitraum' und die Abwärtstendenz bei den Zinsen, von denen Draghi spricht", sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert. "Ich glaube, er will mit diesen Aussagen erst einmal das Marktzins-Niveau stabilisieren, und das hat er sicherlich erreicht. Ob die Zinsen tatsächlich noch einmal gesenkt werden oder ob wir sehr lange auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben, ist meiner Einschätzung nach noch offen." Sein Kollege Christian Lips von der NordLB resümierte: "Die EZB hat genau den Mittelweg gefunden zwischen hektischem Aktionismus und einer Beruhigung der Märkte."

Börsen verdoppeln ihre Gewinne

Dax und EuroStoxx50 verdoppelten als Reaktion auf die Draghi-Äußerungen ihre Kursgewinne und stiegen um jeweils knapp zwei Prozent auf 7967 Punkte und 2627 Punkte. Die Börsen der beiden hoch verschuldeten Euro-Staaten Spanien und Italien gewannen jeweils etwa 2,5 Prozent und der Lissaboner Leitindex sogar 3,7 Prozent. Am Rentenmarkt spiegelte sich die Entspannung in einem Rückgang der Renditen wider. Aber nicht nur bei südeuropäischen Bonds, sondern auch bei Bundestiteln griffen Investoren beherzt zu. Der Bund-Future gewann 61 Ticks auf 142,86 Euro. Der Euro geriet dagegen wegen der Spekulationen auf weitere Zinssenkungen unter Druck und fiel zeitweise auf ein Fünf-Wochen-Tief von 1,2884 Dollar.

Die Draghi-Äußerungen hellten die Stimmung der Anleger zusätzlich auf. Bereits zuvor hatten die Börsen in der Hoffnung auf eine schnelle Lösung der Regierungskrise in Portugal zugelegt. Staatspräsident Anibal Cavaco Silva suchte unter anderem das Gespräch mit der Opposition und dem Ministerpräsidenten Pedro Passos Coelho. Am Dienstag hatte der Rücktritt zweier Minister dessen Regierung ins Wanken gebracht und die Furcht der Anleger vor einem Wiederaufflammen der Schuldenkrise geschürt.

(Reuters)