Finanzinstitute - Banken stecken in der Zinsfalle - «Gefährlicher Cocktail»

Mit der Lockerung der Geldpolitik hat Mario Draghi den Banken in der Euro-Zone einen Schlag versetzt. Für sie wird Geld verdienen immer schwieriger. Ein Geschäftsmodell in der Krise?
12.09.2019 19:45
Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: Pixabay

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) kündigte am Donnerstag eine Lockerung der Geldpolitik an und schob die von den Instituten sehnsüchtig erwartete Zinserhöhung in weite Ferne. Die seit Jahrhunderten bewährte Vorgehensweise von Banken – Spargelder einsammeln, Kredite vergeben und überschüssige Einlagen anlegen - wirft immer weniger ab.

Gleichzeitig steigen die Kosten für Regulierung und die Risikovorsorge für faule Kredite. "Für die Banken braut sich ein gefährlicher Cocktail zusammen", sagt Bankenanalystin Alexandra Annecke von der Fondsgesellschaft Union Investment. Experten warnen, dass den Instituten am Ende nichts anderes übrigbleiben könnte, als höhere Risiken einzugehen.

«Langfristig ruinieren die Niedrigzinsen das Finanzssystem»

Volkswirte rechnen in Europa mit japanischen Verhältnissen: Dort gibt es seit Jahrzehnten kaum Zinsen, geringe Inflation, die Wirtschaft wächst fast gar nicht mehr. Doch während Banken dort durch Eigenhandel und den Kauf von risikoreicheren Papieren zumindest teilweise gegensteuern können, sei den Geldhäusern in Europa dieser Weg wegen einer strikteren Regulierung weitgehend versperrt, räumt Wirtschaftsprofessor Gunther Schnabl von der Universität Leipzig ein.

Doch nicht nur die Leitzinsen von 0,0 Prozent sind für die Banken in der Euro-Zone problematisch. Hart trifft sie auch der Strafzins für Einlagen bei der EZB, der nun auf 0,5 Prozent erhöht wurde. Fast alle deutschen Institute haben überschüssige Spareinlagen, die sie zumindest teilweise bei der Zentralbank parken müssen. 2018 zahlten sie dem Bankenverband BdB zufolge 2,3 Milliarden Euro an Strafzinsen auf ihre Einlagen bei der Bundesbank. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing warnte Anfang September bei einer Branchenkonferenz eindringlich vor der EZB-Geldpolitik. "Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem."

Streben nach mehr Provisionseinnahmen

Viele Institute suchten in den vergangenen Jahren ihr Heil darin, mehr Darlehen an Kunden auszureichen. Die Bundesbank hat bisher zwar kein Aufweichen der Kreditvergabestandards auf breiter Front festgestellt. Kritiker befürchten jedoch, dass Banken zu grosse Risiken eingehen könnten und sich damit künftige Kreditausfälle ins Haus holen. Wegen der Konjunkturabkühlung müssen Banken jetzt schon mehr für faule Kredite zurücklegen. "Man sieht einen Trend zur Normalisierung der Risikovorsorge. Aber das kommt natürlich zur Unzeit für die Banken", sagt Bankenanalyst Bernd Ackermann von der Ratingagentur S&P Global.

Ein weiterer Weg, um aus der Zinsfalle herauszukommen, wäre auch eine Steigerung der Provisionseinnahmen, der zweiten grossen Ertragssäule der Banken. Dazu zählen Gebühren für Fondsprodukte, Überweisungen oder Kontoführung. "Das Streben nach höheren Provisionserträgen muss ganz oben auf der Agenda eines jeden Bankvorstandes stehen", sagt Ulrich Hoyer, Partner bei der Beratungsgesellschaft zeb.

"Allerdings ist das ganz schön harte und detaillierte Marketing- und Vertriebsarbeit. Der Wettbewerb ist massiv." Auch Annecke von Union Investment ist skeptisch: "Wenn man wie viele deutsche Banken stark abhängig ist von den Zinserträgen, ist es sehr schwierig dem Ertragsdruck über steigende Gebühren entgegen zu wirken."

In anderen Ländern sind die Bedingungen für Banken besser: So ist es etwa in Grossbritannien oder den USA üblich, Kontogebühren zu verlangen. Banken in Frankreich verdienen gut mit dem Verkauf von Versicherungen. In Deutschland gibt es dagegen immer noch Häuser wie die Commerzbank, die kostenlose Girokonten anbieten oder Prämien bezahlen für den Kontowechsel.

Eldorado für Diebe

BaFin-Chef Felix Hufeld fordert ein striktes Umdenken der Branche. "Es reicht nicht, über die vermeintlichen Schandtaten einer EZB zu lamentieren." Stattdessen müssten die Institute Geschäftsmodelle vereinfachen, die Zins-Abhängigkeit verringern und Kosten drücken. Das tun sie zwar bereits - Filialen werden geschlossen, unrentable Geschäftsbereiche wie der Aktienhandel der Deutschen Bank dichtgemacht, zehntausende Stellen abgebaut - aber es reicht oft nicht. "Banken müssen künftig noch extremer auf die Kosten schauen als bisher", sagt Berater Hoyer.

Immer häufiger auf den Tisch kommt die Forderung, Strafzinsen für Einlagen auch an Kleinsparer weiterzugeben. Bei Unternehmen und Kunden mit hohen Einlagen ist das längst gängige Praxis. Auch bei Kleinsparern dürften Banken dies bald testen, meint Finanzprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Allerdings drohe dann womöglich ein Banken-Run. "Die Kunden heben ihr Geld ab und lagern das Bargeld daheim. Das wäre ein Paradies für Diebe."

(Reuters)