"Die geopolitischen Spannungen stellen teilweise ganze Geschäftsmodelle in Frage", sagte Andreas Gerber, Leiter Firmenkunden Schweiz bei der Grossbank, an einer Medienkonferenz am Donnerstag. Dies erfordere viel Flexibilität vonseiten der Unternehmen und eine hohe Anpassungsfähigkeit in nur kurzer Zeit. Mit dem Inkrafttreten von Sanktionen etwa könnten ganze Märkte über Nacht "zu" sein.

In den vergangenen drei Jahren haben hiesige Unternehmen den Studienergebnissen zufolge eine deutliche Zunahme der Geschäftsrisiken registriert. Dies sei zwar in Russland und in der Ukraine besonders stark der Fall gewesen, aber auch in Argentinien, Iran und Neuseeland würden die Geschäftsrisiken die Chancen überwiegen.

Rückzug aus Russland

Die Liste der Länder, aus denen sich Schweizer Unternehmen in den vergangenen drei Jahren zurückgezogen haben, wird nicht überraschend von Russland angeführt: Rund 6 Prozent aller befragten Unternehmen hätten das Land verlassen. Bei den Grossunternehmen liege der Anteil sogar bei 24 Prozent.

Gerade unter den Grossunternehmen seien jedoch bereits auch ein paar Firmen zu finden, die eine (Wieder-)Aufnahme der Geschäftstätigkeit in Russland planten. Ausserdem habe man gleichwohl etwa auch gesehen, dass eine komplette Abkehr von gewissen Ländern trotz erhöhten geopolitischen Spannungen unrealistisch sei, sagte Studien-Mitautor Pascal Zumbühl. Ein Beispiel etwa sei China: Dieser Markt biete einfach nach wie vor zu viele Geschäftschancen.

Für die KMU-Studie 2023 wurden 650 Schweizer Unternehmen befragt. In der diesjährigen Umfrage wurden nebst KMU auch 50 Grossunternehmen mit 250 oder mehr Mitarbeitern befragt, um auf grössenspezifische Unterschiede eingehen zu können.

Sanktionen belasten Geschäftsbeziehungen

"Je kleiner das Land desto grösser das Ausland", sagte CS-Ökonom Zumbühl weiter. Eine kleine Volkswirtschaft wie die Schweiz sei vielseitig vom Ausland und vom Aussenhandel abhängig. Selbst sehr kleine Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern seien oft auf verschiedenen Ebenen mit dem Ausland verbunden.

Die Auswirkungen der geopolitischen Spannungen beschränken sich laut der Umfrage auch keineswegs lediglich auf Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen zu Hochrisikoländern: Rund 40 Prozent der befragten Unternehmen verspüren offenbar negative Reaktionen seitens Geschäftspartner wegen des Entscheids der Schweiz, die internationalen Sanktionen gegen Russland mitzutragen.

"Als der Ukrainekrieg im Frühjahr 2022 begann, befand sich die Welt schon in einer angespannten Situation", sagte Zumbühl. Die auf offenen Märkten und Vertiefung der Handelsbeziehungen beruhende Weltordnung habe bereits durch die globale Finanzkrise und die Pandemie Risse bekommen. "Der Ukrainekrieg habe die daraus entstandenen Trends beschleunigt."

Trend zur Regionalisierung

Die Pandemie und der Ukraine-Krieg hätten gezeigt, wie "vulnerabel" etwa die Wertschöpfungsketten seien. Darauf würden die Unternehmen unter anderem mit einem Trend zur Regionalisierung hin reagieren. Die Unternehmen setzten mehrheitlich auf eine Erhöhung der Vorräte, fokussierten bei Zulieferern mehr auf geografisch näher gelegene Anbieter und diversifizierten ihre Zulieferer insgesamt mehr. Fast jedes dritte Unternehmen hat gemäss der Umfrage in den vergangenen drei Jahren zudem Aktivitäten in die Schweiz zurückverlagert.

Gerber, Leiter Firmenkunden Schweiz, sieht die hiesigen Unternehmen und damit auch die KMU - als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft - vergleichsweise gut aufgestellt. Die Schweiz habe eine relativ teure Wirtschaft, und die Unternehmen hätten schon früher flexibel und anpassungsfähig sein müssen. Das habe das Land schon lernen müssen beim "Franken-Euro-Schock". Hilfreich sei auch, dass die Wirtschaft grundsätzlich eher im höhermargigen Bereich tätig sei.

ys/uh

(AWP)