Rudolf Strahm im Interview - «Die nächste Krise kommt immer unerwartet»

Der Ökonom Rudolf Strahm rät von spekulativen Anlagen ab. Im grossen cash-Interview äussert sich der ehemalige Preisüberwacher und Alt Nationalrat über Aktienmärkte, Bitcoin, die SNB und über das Problem der Linken.
03.12.2017 22:42
Interview: Ivo Ruch und Daniel Hügli
«Einzelanleger schlagen den Markt auf Dauer nicht.»: Ex-SP-Nationalrat Rudolf Strahm.
«Einzelanleger schlagen den Markt auf Dauer nicht.»: Ex-SP-Nationalrat Rudolf Strahm.
Bild: Heinz Dahinden

 

Dieses Interview ist Teil des am 1. Dezember 2017 erschienenen Anlegermagazins «VALUE» von cash. Sie können das Magazin als E-Paper lesen, als PDF herunterladen oder gratis als gedruckte Ausgabe bestellen.

 

cash VALUE: Herr Strahm, darf man sich in ­Ihrer Partei, der SP, als Privatanleger zu erkennen geben – oder wird man gleich als Kapitalist abgestempelt?

Rudolf Strahm*: Das ist in der SP kein entscheidendes Kriterium. Das frühere Bankenpersonal war ja sehr SP-nah, und auch heute gibt es immer noch viele Bankfachleute, die in der SP sind. Einige sind sogar nach der Finanzkrise in die Partei zurückgekehrt, weil sie sich verraten fühlten.

Verfolgen Sie das Börsengeschehen?

Ich habe zwar eher eine makroökonomische Perspektive. Aber die Wirrnisse an den Kapitalmärkten interessieren mich extrem. Über die irrationalen Effekte an den Finanzmärkten weiss man heute viel mehr als noch vor einigen Jahren.

Inwiefern bilden die Börsen die ­realökonomischen Verhältnisse ab?

Nur zu einem kleinen Teil. Es gibt sehr viele politische und psychologische Ein­flussfaktoren auf das ­Börsengeschehen. Die Börsen sind gleichzeitig Treiber und Destabilisator der Globalisierung. Das kann Auswirkungen auf die einzelnen Firmen und die Volkswirtschaft haben. Jeder Husten wird schnell zu einer Pandemie und wirkt sich dann auf die Realwirtschaft aus. So können sich politische Wirrnisse auf die Aktienwerte von Infrastrukturunternehmen wie ABB niederschlagen. Das ist zum Teil irrationaler Überschwang. Ich finde es auch schädlich und realitätsfern, dass ­börsenkotierte Industriefirmen alle drei oder sechs Monate eine Bilanz vorweisen müssen. Ich will nicht das ganze Börsensystem verdammen, möchte aber die Anleger warnen.

Wie halten Sie es mit neuartigen Geldphänomenen wie der Bitcoin-Entwicklung?

Das ist ganz klar eine Blase. Leute, die damit spekulieren, müssen wissen: Hinter den Digitalwährungen steht kein echter Wert. Die Währungen der Notenbanken basieren immerhin auf einer Währungsreserve und einer staatlichen Volkswirtschaft im Hintergrund. Bitcoin wird nie zu ­einer Anlagewährung werden, sondern bleibt höchstens eine Transaktionswährung. Ich sehe zwei Probleme: Digitalwährungen wer-
den zu einem neuen Element in der Geldwäscherei. Andererseits ist in der Schweiz neben dem Franken kein anderes Zahlungsmittel erlaubt. Dazu gibt es verschiedene Bundesgerichtsentscheide. Dies wird die Schweizerische Nationalbank regeln müssen.

Wie kümmern Sie sich um Ihre ­eigenen Finanzen? Gehören Sie zu den Privatanlegern?

Ich bin bei Anlagen konservativ. Aktien halte ich nur noch wenige. Das meiste Geld habe ich in ein Mehrfamilienhaus investiert. Mit einer langfristigen Strategie können Aktien aber ein sinnvolles Investment sein.

Gibt es ein Schweizer Unternehmen, in das Sie investieren würden?

Wer zum Beispiel bereits Nestlé-Aktien hat, soll diese ruhig behalten. Ich würde aber beim Kaufen eher auf eine Fondslösung setzen, zum Beispiel auf ETF, also Exchange Traded Funds (Anm. der Red.: börsenkotierte Indexfonds). Denn einzelne Anleger oder Anlageberater schlagen den Markt auf Dauer nicht. Schon als Preisüberwacher habe ich häufig von geprellten Anlagekunden gehört. Noch heute sind viele Probleme ungelöst, zum Beispiel die verdeckten Provisionen der Banken und Anlageberater. Ich rate Kleinanlegern Folgendes: Keine spekulativen Fonds wie Hedgefonds kaufen und auf Dauer auch Dollar-Anlagen meiden, weil dieser langfristig stetig an Wert verliert. Die USA haben sich ja in der Wirtschaftsgeschichte immer über die Dollar-Abwertung entschuldet.

Müssen wir hingegen Jahrzehnte mit einem starken Franken leben?

Der Aufwertungstrend im Schweizer Franken wird bestehen bleiben. Durch die ständige Aufwertung unserer Währung verschenken wir die Produktivitätssteigerungen unserer Exportwirtschaft ans Ausland. Die Schweizer Volkswirtschaft hat seit der Aufhebung des Mindestkurses im Januar 2015 in Bezug auf Kaufkraft im Innern nichts dazugewonnen. Und die Hochpreisinsel bei den Importen ist unverändert geblieben.

Wären denn der Negativzins und die Deviseninterventionen der Nationalbank vermeidbar gewesen?

Ich hatte die Freigabe der Euro-Untergrenze damals kritisiert. Aber heute sage ich: Der Negativzins ist derzeit die am wenigsten schlechte Lösung. Solange die EZB und die US-Zentralbank eine Politik des billigen Geldes betreiben, hat die SNB gar keine andere Wahl. Trotzdem kritisiere ich SNB-Präsident Thomas Jordan und sein Team.

Rudolf Strahm im Gespräch mit cash-Chefredaktor Daniel Hügli und cash-Redaktor Ivo Ruch auf der Grossen Schanze in Bern. (Bild: Heinz Dahinden)

Weshalb?

Trotz der Freigabe des Euro-Wechselkurses haben wir seit Januar 2015 eine starke Ausdehnung der Nationalbank-Bilanz erlebt. Diese Kosten zur Schwächung des Frankens sind seit der Aufhebung des Mindestkurses etwa gleich hoch wie davor.

Also war die Aufhebung der Euro-Untergrenze ein Fehlentscheid?

Ja. Die Leitung der SNB ist stark geprägt von Modelldenken und von der Angst, dieses Modell zu verletzen. Doch ich muss einräumen, dass sie de facto nicht unabhängig ist: Einerseits muss die SNB zum Beispiel auch auf die Meinung der Industrie hören. Andererseits kann Thomas Jordan gar keine von Europa und den USA unabhängige Geldpolitik durchziehen.

Inwiefern gibt es bei der SNB ­Verbesserungspotenzial?

Erstens haben wir ein Governance-Pro­blem. Eine Führung in Form eines Dreier­gremiums ist anachronistisch, das gibt es sonst praktisch nirgends. Eine riesige volkswirtschaftliche Verantwortung wird auf wenigen Schultern verteilt. Auch die Einrichtung des Bankrats, der als Aufsicht aus Laien besteht, ist überholt. Zweitens stellt sich die Frage, was mit den grossen Devisenreserven geschehen soll. Braucht es nicht die teilweise Auslagerung in einen Staatsfonds? Und drittens haben wir das Problem der Bilanzierung: Die Buchgewinne und die realen Gewinne aus dem Vermögensertrag landen heute in einem Topf. Die realen Gewinne sollten aber an Bund und Kantone ausgeschüttet werden. Wir haben also Handlungsbedarf.

Wer könnte diese Veränderungen ­anstossen?

Die Politik ist gefordert. Aber von einem Finanzminister, dessen Erfahrung sich auf das Buchhalteramt einer landwirtschaftlichen Genossenschaft beschränkt, darf nicht allzu viel erwartet werden. Und im Parlament spielen häufig irrationale und ideologische Positionen eine Rolle. Mit einer schwachen politischen Führung ist es schwierig, eine Notenbankgesetzgebung zu ändern.

Der SP mangelt es an kompetenten Stimmen zur Wirtschaft. Hat das ­damit zu tun, dass die SP eine Partei von Lehrern, Beamten und Juristen geworden ist?

Es gibt wenige SP-Exponenten, die in der Privatwirtschaft tätig sind. Die Sicht der SP auf die Wirtschaft ist sehr elitär und ideologielastig geworden. Es fehlen Leute, die sich mit dem Arbeitsmarkt und der Realwirtschaft beschäftigen. Das hängt damit zusammen, dass sich die Gewerkschaften von der SP entfernt haben. Und: Die SP hat ein sehr elitäres Verständnis von Bildung.

Was meinen Sie damit?

Die Partei hat sich von der Berufsbildung weitgehend verabschiedet. Doch zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen machen eine Berufslehre. Für diese Leute hat die SP wenig im Angebot.

Auch bei der Ausländerthematik weichen Sie von der Parteilinie ab. Nimmt die SP das Thema zu wenig ernst?

Die Auswirkungen der Migration auf den Arbeitsmarkt zeigen sich am deutlichsten bei den unteren Schichten und den über 50-Jährigen. Bei diesen findet ein Verdrängungseffekt statt. Stossend finde ich vor allem, dass in Branchen mit relativ hoher Arbeitslosigkeit, etwa im Service, ausländische Arbeitskräfte rekrutiert werden.

Die Migration ist für viele Leute zu einem zentralen Thema geworden. Wir behaupten: Die Masseneinwanderungsinitiative würde heute deutlicher angenommen.

Vermutlich haben Sie recht. Nehmen Sie den sogenannten Fachkräftemangel. Den gibt es praktisch nur bei den Ärzten, beim Pflegepersonal und bei den mathematisch-techni­schen Berufen. Das ist aber grösstenteils hausgemacht und geht auf den Numerus clausus und die sprachlastigen Gymnasien zurück. Wer keine Begabung für Fremdsprachen hat, kommt nicht ins Gymnasium. Hier haben wir ungenutztes Potenzial. Berechnungen des Kantons Zürich zeigen, dass nur 20 Prozent der Arbeitskräfte, die mittels Personenfreizügigkeit aus dem EU-Raum kommen, echt in den Bereich des Fachkräftemangels fallen.

Wird die Personenfreizügigkeit lang­fristig zu einer Senkung des Lohnniveaus in der Schweiz führen?

Wo Tausende ausländische Arbeitskräfte rekrutiert werden, werden die Löhne unter Druck kommen. Ähnliches dürfte bei jungen Akademikern der Fall sein. Das heisst, es braucht gewisse Lohnschutzmassnahmen, um die politische Akzeptanz gegenüber der Migration zu retten. Es wird zur Schlüsselfrage, ob der Inländervorrang effizient und wirksam durchgeführt wird. Ein psychologisches Problem ist: Die Bevölkerung unterscheidet nicht zwischen Personenfreizügigkeit, Arbeitskräften aus Drittstaaten und Asylrecht. Die Zuwanderung ist damit auch die grösste Falle für die Linke. Die SP ist gefangen in einem idealistischen Multikulti-Migrationsverständnis.

Inwiefern wird die Digitalisierung den Schweizer Arbeitsmarkt beeinflussen?

Repetitive, niederschwellige Berufe werden unter Druck kommen. Aber in der Schweiz ist das Potenzial an Arbeiten, die von Robotern ausgeführt werden könnten, klein. Gleichzeitig haben wir Firmen, die Automaten bauen, programmieren, vernetzen und warten. Auch in der Finanzbranche sehe ich aufgrund der Digitalisierung weniger Arbeitsplätze in Gefahr als vielerorts befürchtet. Vermögende Personen werden auch in Zukunft noch mit ihrem Bankberater zusammensitzen wollen.

Dennoch nimmt die Bedeutung der Finanzindustrie für die Schweizer Wirtschaft laufend ab.

Diese Entwicklung ist nicht falsch. Die frühere Grösse des Bankenplatzes war auch eine Blasenerscheinung im spekulativen Investmentbanking, die von den hohen Erträgen und den Boni getrieben war. Mittlerweile ist politisch eine Akzeptanz ­entstanden, dass internationale Spielregeln übernommen werden müssen. In der Branche hat sich ein Realismus durchgesetzt, indem die spekulativen Bilanzteile abgebaut wurden. Die Banken sollten ihre  Eigenmittel aber noch mehr erhöhen. Der Staat soll nicht alles regulieren. Aber er muss simple, nachprüfbare und justiziable Grenzwerte setzen.

Wird die Schweiz noch mal eine Bank mit Steuergeldern retten müssen?

Die nächste Krise kommt immer dann und dort, wo man sie nicht erwartet.

*Der Emmentaler Rudolf Strahm (74) arbeitete nach einer Laborantenlehre und einem ­Chemiestudium fünf Jahre in Basel. Nach einem zusätzlichen Wirtschaftsstudium arbeitete er als Zentral­sekretär der SP Schweiz und sass für die Partei von 1991 bis 2004 im Nationalrat. Danach amtete Strahm vier Jahre als Preisüberwacher. Strahm, der einen Sohn hat, erhielt 2011 die Ehrendoktorwürde der Universität Bern.