Ruedi Noser im Interview - «Die Schweiz darf nicht zum Sonderling werden»

Unternehmer und Ständerat Ruedi Noser ist Querdenker. Im cash-Interview äussert er sich über die Schweizer Demokratie, die Digitalisierung und über seine Geldanlagen. Darunter befindet sich auch eine spezielle US-Aktie.
30.05.2018 23:00
Interview: Pascal Züger und Daniel Hügli
Ruedi Noser: «Wer nur von einem Trend profitieren will, ist kein Unternehmer.»
Ruedi Noser: «Wer nur von einem Trend profitieren will, ist kein Unternehmer.»
Bild: Nik Hunger

 

Dieses Interview ist Teil des am 1. Juni 2018 erscheinenden Anlegermagazins «VALUE» von cash. Sie können das Magazin als E-Paper lesen, als PDF herunterladen oder gratis als gedruckte Ausgabe bestellen.

 

cash VALUE: Herr Noser, Sie bezeichnen sich selbst als «Unternehmer-Dinosaurier». Das müssen Sie erklären.

Ruedi Noser*Wenn man wie ich bereits im Jahr 1984 als Eigentümer-Unternehmer angefangen hat, fühlt man sich heute wie eine aussterbende Spezies. Ich will das nicht mit einem Attribut wie «gut» oder «schlecht» versehen. Es ist heute einfach komplett anders als früher.

Was ist denn heute anders?

Ich war kürzlich an einer Startup-Messe in Finnland. Da sitzen 20-jährige Leute und versuchen, ihre Geschäftsideen an Investoren zu verkaufen. Ich hingegen suchte seit jeher Kunden, nicht Investoren. Das ist eine Umkehr des ganzen Mechanismus.

Sie sind in der Schweiz auch so etwas wie ein «Startup-Papst». Ihr wichtigster Tipp für Jungunternehmer?

Mit dieser Bezeichnung fühle ich mich etwas unwohl. Denn ein ganz wichtiger Tipp ist, dass Jungunternehmer nicht auf Berater oder vermeintliche Gurus hören sollen. Startups sind heute im Trend, aber aufgepasst: Wer nur von einem einzigen Trend profitieren will, ist kein eigentlicher Unternehmer. Ein solcher ist über mehrere Marktzyklen hinaus erfolgreich.

Was empfehlen Sie im Umgang mit Investoren?

Einer meiner Grundsätze war immer: «Wer nicht mitarbeitet, darf nicht dreinreden.» Man muss selbst eine Vision haben und wissen, was man will. Wenn man mit vielen Investoren zusammenarbeitet, muss jede Meinung abgeholt werden. Investoren sollten gezielt gewählt werden. Man darf auch mal einen Geldgeber ablehnen.

Wie schätzen Sie das Umfeld für ­Unternehmen in der Schweiz ein?

Bei uns Schweizern ist das Gegenteil von «schlecht» nicht «gut», sondern «nicht schlecht». Wir sind Weltmeister darin, uns selber klein zu machen. Im globalen Vergleich ist die Schweiz sicher einer der besten Unternehmensstandorte. Es ist auch falsch zu behaupten, in anderen Ländern seien die Bedingungen besser.

Wo gibt es noch Verbesserungs­potenzial?

Es ist zum Beispiel rufschädigend für die Schweiz, wenn wir über Vorlagen wie Grundeinkommen oder Vollgeldsystem abstimmen. Die meisten Schweizer werden zwar sofort sagen, die Vorlagen seien chancenlos. Ein internationaler Konzern mit Hauptsitz im Ausland kann das nicht so gut einschätzen und stellt sich dann die Frage bei solchen Abstimmungen, was in der Schweiz los ist. Die Welt schaut auf uns. Dessen sind wir uns zu wenig bewusst.

Aber solche Abstimmungen gehören zu unserer Demokratie.

Genau. Aber Demokratie verlangt Verantwortung. Man kann nicht einfach irgendwelche experimentelle Initiativen starten, die keine Chance auf eine Mehrheit besitzen. Die Schweiz als Sonderfall ist etwas Positives, aber wir dürfen nicht zum Sonderling werden. Das wäre schlecht für unseren Ruf.

Ruedi Noser (rechts) im Gespräch mit cash-Chefredaktor Daniel Hügli (Mitte) und cash-Redaktor Pascal Züger.

Sie sind Legastheniker und sind in relativ bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Inwiefern hat Sie das geprägt?

In der Schule hatte ich in einem Diktat 22 Fehler, wenn ich dafür nicht gelernt hatte. Mit Lernen waren es 12 Fehler, für die Note 1 reichten aber bereits 10 Fehler. So hat mir die Schule beigebracht, dass sich das Lernen für die Rechtschreibung für mich nicht lohnt. Dank meines gesunden Elternhauses, das mir viel Selbstvertrauen mitgab, hatte ich mit dieser Schwäche keine Probleme.

Ihren Werdegang in Politik und Wirtschaft schreiben Sie dem Zufall zu. Wir haben etwas Mühe, Ihnen das zu glauben.

Man sollte genau wissen, was man will. Aber gleichzeitig muss man auch für Opportunitäten offen sein. Der Freisinn ist für mich nicht nur eine Partei, sondern auch eine Lebenseinstellung. Ich muss denken und sagen können, was ich will. Vielleicht sind ja dies die Ingredienzen, die zum Erfolg geführt haben.

Die «Weltwoche» hat Sie einmal «der Biegsame» genannt, Sie seien zu «wetterwendig».

Nun, wenn die «Weltwoche» dies schreibt, betrachte ich es als Kompliment (schmunzelt). Ich würde mich sicherlich als pragmatisch bezeichnen. Man muss auch mal dazu bereit sein, von einer Überzeugung Abstand zu nehmen. Die Lösung ist mir wichtiger als einfach nur ein Dogma. Ideologien führen dazu, dass man weniger denken muss. Mir ist es egal, woher eine Idee kommt, wenn sie gut ist.

In den 90er-Jahren war ein Börsengang Ihrer Noser-Gruppe ein Thema. Wie sieht es heute damit aus?

1999 wurde mir ein Börsengang vorgeschlagen. Doch damals noch auf den Zug aufzuspringen, kam für mich nicht mehr in Frage. Auch heute ist das kein Thema. Für mich ist es besser, eine Firma zu 100 Prozent zu besitzen, als an einer zehnmal grösseren Firma nur 20 Prozent zu halten.

Handeln Sie privat mit Aktien?

Ja. Ich investiere mein Geld aber ziemlich strategielos (lacht). Ich lege das Erworbene ins Depot und vergesse es. Ich setze auch auf Investments, die sonst kaum jemand kauft. Als die Rohstoffpreise massiv unter Druck standen, habe ich mich mit Rohstoff-Aktien eingedeckt.

Auf welche Aktien setzen Sie sonst?

Ich habe viele Firmen aus der IT-Branche. Beim Softwareanbieter Crealogix halte ich knapp über 3 Prozent (Wert beläuft sich auf etwa 7 Millionen Franken, Anm. der Red.). Ich setze auch auf «Spielereien», bei denen ich Potenzial sehe. Vor langer Zeit hatte ich etwa Twitter-Aktien erworben. Auch beim Börsengang der US-Datenbankfirma Mongo DB Ende 2017 griff ich zu. Dieser Firma wird ein hohes Potenzial attestiert.

Investieren Sie in Immobilien?

Ich investiere nur in mein Eigenheim. Immobilien als Renditeobjekte zu halten, finde ich zu wenig spannend.

Sie fordern von Schweizer Banken mehr «Silicon-Valley-Groove». Was meinen Sie damit?

Banken müssen keine Technologieunternehmen werden. Sie müssen aber in einer sich schnell wandelnden Welt intensiv über Hierarchien und Abteilungsgrenzen hinaus zusammenarbeiten. Aktuelles Wissen wird immer wichtiger für den Geschäftserfolg. Der Verwaltungsratspräsident muss mit den Leuten im Unternehmen sprechen, welche dieses Wissen besitzen. Das kann der Lehrling sein und nicht der Direktor.

Silicon-Valley-Firmen wirken arrogant und abgehoben.

Ein Firmenwert von nahezu 500 Milliarden Dollar wie Facebook verleitet vielleicht zu einer gewissen Arroganz. Aber immerhin hat Facebook in bloss zehn Jahren den Aufstieg zu den wertvollsten Firmen überhaupt geschafft. Neben Grossfirmen wie Facebook, Google oder Apple existieren Tausende andere Firmen, die so arrogant gar nicht sein können. Denn sie kämpfen jeden Tag ums Überleben.

Sie sind einer der Antreiber bei der Standortinitiative «DigitalSwitzerland». Viele Leute fürchten sich vor der Digitalisierung.

Wir brauchen in der Gesellschaft einige geniale Leute mit Ideen, die vielleicht von der Mehrheit nicht verstanden werden. Schon bei der ersten Industrialisierung in der Schweiz war dies so. Oft waren es auch Talente aus dem Ausland, welche die Schweiz voranbrachten. Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Situation.

Weshalb?

Grosse Veränderungen hat es schon immer gegeben. Und ich behaupte, dass der Wandel heute nicht schneller voranschreitet als früher. Nehmen Sie die Schweizer Textilindustrie. Die veränderte sich damals extrem schnell. Von 1880 bis 1920 gingen 400 000 Stellen verloren bei insgesamt etwa 1,7 Millionen Industriejobs.

Aber werden die Job-Ängste wegen der Digitalisierung ernst genommen?

Leider gibt es zu viele Leute, welche diese Angst schüren. Die Digitalisierung wird mehr Jobs schaffen, als sie vernichtet. Vielleicht wird es einige Härtefälle geben, bei denen eine Umschulung unmöglich ist. Hier muss eine Lösung gefunden werden. Wenn die Schweiz bei einer grundlegend neuen Entwicklung erfolgreich an vorderster Front dabei ist, können ganz viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Also keine Nachteile durch die ­Digitalisierung.

Doch, aber eher nicht in der Schweiz. Billiglohnländer könnten wirklich Nachteile erleiden. Was bedeutet es etwa für Bangladesch, wenn Computer plötzlich die Jeans herstellen? Das wird schwierige, auch geopolitische Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten kann.

Ist die Schweiz bezüglich Digitalisierung gut unterwegs?

An der Schweiz gefällt mir, dass der Staat in der Wirtschaft nicht viel zu sagen hat. Daher gibt es viel Eigeninitiative. Wenn ich sehe, was im «Crypto Valley» in Zug und auch in anderen Städten passiert, dann muss ich sagen: Wir sind gut unterwegs. Bei der Digitalisierung ist der Staat selber fast 20 Jahre im Rückstand. Es muss doch möglich sein, dass die Handelsregister voll elektronisch sind. Drei bis vier Handelsregisterämter würden dann reichen. Aktuell hat aber jeder Kanton eins. Auch bei der digitalen Identität sollte man die Frage stellen, ob diese auf der Internet-2.0- oder doch eher auf der moderneren Blockchain-Technologie basieren soll. Das grösste Problem der Digitalisierung in der Schweiz ist, dass der Staat gut funktioniert. So besteht keine Not zur Veränderung.

Hält die Schweizer Gesetzgebung mit den Entwicklungen Schritt?

Die Schweiz ist gut positioniert. Den  Lauf über 100 Meter gewinnt die Schweiz hier zwar nicht, den über 5000 Meter schon. Finanzmarktaufsicht und Bundesrat haben innert zweier Jahre alles gemacht, damit die Fintech-Branche und Blockchain gute Rahmenbedingungen haben. Die aktuelle Regulierung ist für den Standort Schweiz richtig und genügend. Ich gehe davon aus, dass die EU unsere Gesetzgebung in diesem Bereich übernehmen wird.

Wie sehen Sie die Zukunft von Krypto­währungen wie Bitcoin?

Dass Bitcoin nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ist wohl allen klar. Die Idee war zwar genial, aber der Aufwand beim Schaffen von digitalen Währungen wurde komplett vergessen. Bei Kryptowährungen werden wir sicher bessere Modelle sehen.

Welche Ziele und Ambitionen haben Sie noch als Politiker?

Ich habe eigentlich die Ziele erreicht, die man sich setzen darf.

2010 waren Sie im Rennen als Nachfolger von Rudolf Merz als Bundesrat, gewählt wurde Johann Schneider-Ammann. Wird eine Kandidatur nochmals ein Thema?

(überlegt lange) 2010 hätte mir dieses Amt sicherlich Freude bereitet. Das heisst nicht, dass dies nun acht Jahre später immer noch der Fall ist. Eine Wahl in den Bundesrat steht für mich derzeit nicht im Vordergrund. Ich bin auch der Überzeugung, dass es für den Freisinn jetzt wieder einmal an der Zeit wäre, eine Frau zu wählen.

*Der gebürtige Glarner Ruedi Noser (57) ist seit 2015 FDP-Ständerat des Kantons Zürich und war zuvor während zwölf Jahren Nationalrat. Noser lernte Maschinenmechaniker und machte mehrere Weiterbildungen. Seit 1996 ist er Alleininhaber der Noser Group, die acht Unternehmen im Informatikbereich umfasst und mit rund 500 Mitarbeitenden etwa 90 Millionen Franken Umsatz erwirtschaftet.