Schwellenländer-Aktien - Indiens Börse auf dem Weg zum Allzeithoch

In Indien laufen Wirtschaft und Aktienmarkt sehr gut. Wie lange geht das noch so weiter und welche Möglichkeiten haben Anleger? Antworten darauf vom lokalen Aktien-Spezialisten Hiren Dasani.
02.03.2017 19:15
Von Ivo Ruch
Hiren Dasani, Head of India Equity Research bei Goldman Sachs Asset Management.
Bild: cash

Als Indiens Premierminister Narendra Modi im November in einer Nacht- und Nebelaktion die grössten Geldscheine des Landes für ungültig erklärte, war das anschliessende Chaos gross. Lange Schlangen bildeten sich vor den Bankfilialen, denen bald das Bargeld ausging. Die alten Scheine durften nur bis Ende Dezember und in sehr begrenztem Umfang gegen neues Geld eingetauscht werden.

Dementsprechend gross war auch die Überraschung, als die jüngsten Wachstumszahlen zur indischen Wirtschaft kaum Bremsspuren aufzeigten. Trotz der radikalen Bargeldreform wuchs das Bruttoinlandsprodukt im letzten Quartal um 7 Prozent. Wie Hiren Dasani im cash-Video-Interview ausführt, dürfte Indien tatsächlich bereits das Gröbste überstanden haben. "Mit jedem zusätzlichen Monat wird sich die Wirtschaft weiter erholen. In einem halben Jahr wird man kaum mehr darüber sprechen", sagt Dasani, der von Mumbai aus für Goldman Sachs Asset Management den indischen Aktienmarkt analysiert.

Ähnlich wie China, aber...

Die Absicht der Bargeldreform war in erster Linie die Reduktion von Schwarzgeld und die Vereinheitlichung der Besteuerung. Gerade das verbesserte Steuersystem dürfte sich positiv auf das Haushaltsdefizit und die Zinsen auswirken. Die jüngsten Wirtschaftszahlen stützen auch Premierminister Modi, der es sich in diesem Zusammenhang nicht nehmen liess, politische und wirtschaftliche Kritiker seiner Reform zurechtzuweisen.

Indiens Wirtschaft wächst schon lange weit über dem weltweiten Durchschnitt. Mittlerweile ist Indien zur drittgrössten Volkswirtschaft Asiens und zur Nummer sieben weltweit aufgestiegen. Wird Indien also zur nächsten jahrelangen Wachstumsstory à la China? "Indien wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren zu den am schnellsten wachsenden grossen Volkswirtschaften der Welt gehören", sagt Dasani im cash-Video-Interview. Angetrieben in erster Linie vom demographischen Vorteil, über den Indien verfügt.

Anders als China werde Indien allerdings kein vom Export, sondern vom Inlandkonsum getriebenes Wachstum erleben, so Dasani. In Bezug auf die Perspektiven seines Landes bevorzugt er deshalb vor allem Firmen, die auf dem Heimmarkt stark sind. Konkret sind das Finanzinstitute, Industrieunternehmen, Baufirmen oder Konsumgüter-Produzenten.

Die grössten Positionen des "India Equity Portfolio" von Goldman Sachs sind derzeit das Software-Unternehmen Infosys, der Automobilzulieferer Maruti Suzuki India, mehrere lokale Banken und der Konsumgüter-Multi ITC. Der entsprechende Anlagefonds übertrifft seinen Vergleichsindex schon seit längerem. Im laufenden Jahr ist er bereits 14 Prozent vorgerückt.

Diverse Indien-ETF erhältlich

Interessierte Anleger haben aber auch die Möglichkeit mit deutlich günstigeren ETF auf einen indischen Gesamtindex zu setzen. Solche Produkte gibt es von Lyxor, db x-trackers, Amundi oder iShares. Denn auch der Gesamtmarkt ist sehr gut unterwegs: Der Leitindex Sensex ist in diesem Jahr 9 Prozent auf 28'985 Punkte angestiegen und nicht mehr weit vom Allzeithoch aus dem Januar 2015 (29'682) entfernt, wie der folgende Chart zeigt.

Indischer Leitindex Sensex seit Anfang März 2012, Quelle: cash.ch

Aktien-Experte Dasani glaubt trotz dieser Rally immer noch an den indischen Aktienmarkt: "Indien bleibt einer der attraktivsten Schwellenländermärkte". Getrieben würden die zukünftigen Renditen von Unternehmensgewinnen, die nach drei Jahren der Stagnation nun vor einer Erholung stünden.

Ebenfalls wichtig für Anleger: Laut Bewertungskriterien ist Indien für ein Schwellenland traditionell ein teurer Markt. Derzeit steht das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei knapp 20, während es in Schanghai weniger als 15 beträgt. Gründe für diese strukturell hohe Bewertung sind die kleine Zahl an Staatsbetrieben, die in der Regel tiefer bewertet sind. Zudem sei die Rentabilität indischer Firmen höher, so Hiren Dasani. Das schlägt  sich ebenfalls in teureren Bewertungen nieder. Trotzdem: Ein Schnäppchen ist der Markt bestimmt nicht mehr.

Im Video-Interview mit cash äussert sich Hiren Dasani auch zu Nestlé und ABB und deren Perspektiven in Indien.