So tief sind die Schwellenland-Börsen gefallen

Die Anleger fuhren in diesem Jahr in Schwellenländern zum Teil massive Verluste ein. Welche Börsen in den letzten drei Monaten am meisten eingebrochen sind - und wie es bei «Emerging Markets» weiter geht.
22.08.2013 07:03
Von Frédéric Papp
Die Jubelstimmung an Schwellenland-Börsen wie Brasilien ist vorerst vorbei.
Die Jubelstimmung an Schwellenland-Börsen wie Brasilien ist vorerst vorbei.
Bild: ZVG

Eines lässt sich bereits heute sagen: 2013 wird kein Glanzjahr für die Börsen aufstrebender Länder. Innerhalb von nur acht Monaten sackte der MSCI Emerging Markets, der die Schwellenlandbörsen zusammenfasst, um über 12 Prozent ab. Der grosse Kurssturz wurde im Mai eingeleitet, als der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke die Möglichkeit einer vorzeitigen Drosselung des Anleihekaufprogramms ins Spiel brachte.

In den vergangenen drei Monaten ist die indonesische Börse am stärksten unter Druck gekommen. Der Jakarta-Composite-Index brach 30 Prozent ein (siehe Tabelle). Viel Geld verloren haben auch Anleger mit türkischen Wertpapieren. Der Istanbuler ISE-Index sackte 28 Prozent ab. Der Kurszerfall ist umso dramatischer, weil der türkische Aktienmarkt vergangenes Jahr noch mit einem Plus von 60 Prozent nach Venezuela die zweitbeste Performance erzielte.

Ähnlich verläuft die Entwicklung an der thailändischen Börse. Nach einem starken Jahr 2012 verlor der Aktienmarkt in den ersten drei Monaten gleich ein Viertel seines Wertes. Unter die Räder kamen auch Brasilien, Indien und China (siehe Tabelle).

Spekulantengeld wird abgezogen

Diese Beispiele zeigen einmal mehr, wie sensibel Anleger auf geldpolitische Ereignisse reagieren. Seit der Ankündigung der Fed im Mai ihre Obligationenkäufe aufgrund verbesserter US-Konjunkturdaten womöglich früher als erwartet zu reduzieren, ziehen Investoren ihre Gelder panikartig ab und kaufen stattdessen amerikanische oder europäische Aktien.

Allein 95 Milliarden Dollar wurden in diesem Jahr in börsengehandelte Indexfonds (ETF) mit US-Aktien investiert, während bei jenen aus den Schwellenländern 8,4 Milliarden Dollar abflossen, zeigen Daten von Bloomberg.

Dies erklärt denn auch den deutlichen Performanceunterschied zwischen den Industriestaaten und den Emerging Markets. Während der MSCI World, welcher die Börsen der Industriestaaten abbildet, seit Jahresbeginn rund 12 Prozent zulegte, sackte der MSCI Emerging Markets Index um denselben Prozentbetrag ab. Innerhalb von nur acht Monaten hat sich somit eine Lücke von 24 Prozent aufgetan.

Im Zuge dieser Marktkorrektur kam es zu einer kräftigen Abwertung zahlreicher Schwellenländer-Währungen gegenüber den Hauptwährungen.

Gespanntes Warten auf Fed-Entscheid

Wie es für die Schwellenländermärkte weitergeht, hängt von der US-Notenbank ab. Wird die Fed ihre geldpolitischen Zügel straffen oder weiterhin locker lassen?

Nicht wenige Marktbeobachter sind der Meinung, die amerikanische Notenbank werde bereits am FOMC-Meeting am 17. bis 18. September beschliessen, die Notenpressen langsamer laufen zu lassen. Die Wertpapierkäufe sollen von derzeit monatlich 85 auf neu 65 Milliarden Dollar reduziert werden. Eine solche Reduktion dürfte in den Märkten inzwischen eingepreist sein. Fällt die Straffung allerdings höher aus, wird dies die Schwellenländerbörsen noch stärker in die Tiefe reissen.

Vorsicht vor attraktiven Bewertungen

Die bisweil stark gefallenen Aktienkurse in den Emerging Markets haben die durchschnittlichenb Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) unter 10 fallen lassen. Trotz dieser optisch attraktiven Bewertung dürfen sich Anleger davon aber nicht in die Irre führen lassen.

So gelingt es Firmen in den Schwellenländern selbst in guten Zeiten nur schwer, die Gewinne zu vermehren. Dies zeigt ein Vergleich: Während die weltweite Wirtschaft seit 1995 im Schnitt nominal 6,1 Prozent pro Jahr wuchs, legten die Unternehmensgewinne weltweit um 6,5 Prozent pro Jahr zu. Nicht so in den Schwellenländern: Deren Wirtschaft wuchs im selben Zeitraum um 10,7 Prozent, die Unternehmensgewinne jedoch nur um 9,7 Prozent pro Jahr.

Hinzu kommt: Diverse Emerging Markets leiden unter einem "Gift-Cocktail", bestehend aus steigender Inflation, schwachem Wirtschaftswachstum, verpassten Strukturreformen und teils gewalttätigen Protesten. Dies ist zum Beispiel in Brasilien oder der Türkei der Fall.

Anleger brauchen langen Atem und starke Nerven

Dennoch gibt es gute Gründe, in Schwellenländer zu investieren. Die Länder haben in Sachen Infrastruktur einiges nachzuholen. Die Schwellenländer werden auch in den kommenden Jahren schneller wachsen als die Industrieländer. Die Wachstumsstory ist somit weiterhin intakt.

Insofern führt die gegenwärtige Konsolidierungsphase im Sinne eines Contrarian-Ansatzes durchaus noch zu interessanten Einstiegsmöglichkeiten. Allerdings brauchen Anleger einen langen Atem und eine gute Portion Resistenz gegenüber erhöhten Kursschwankungen.

 

Wertentwicklung von Schwellenländerbörsen der letzten drei Monate

Land Index Performance
Indonesien Jakarta Composite -30%
Türkei BIST-100 -28%
Thailand SET -25%
Brasilien IBOV -25%
Indien Sensex -24%
Chile IPSA -22%
Philippinen PSEi Index -19%
Malaysia FTSE KLCI Index -13%
China Shanghai Composite -13%
Hongkong Hang Seng -12%
Kasachstan KASE Stock Ex -12%

Quelle: Bloomberg