Als die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen im März innert kurzer Zeit auf 1,7 Prozent kletterte, geriet die Wall Street in höchste Alarmbereitschaft. Die Börsianer sorgten sich, dass die US-Notenbank Fed ihre Unterstützung für die Wirtschaft während der Pandemie übertreiben und damit eine Inflation im Stil der 1970er Jahre riskieren könnte.

Drei Monate später befindet sich die Rendite der vielbeachteten US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bei 1,45 Prozent. Allein im Juni ist diese um 11,3 Basispunkte gesunken. Den Anstieg in Richtung 2 Prozent, den viele Strategen bis zum Jahresende erwartet haben, rückt in weite Ferne.

Was antizipiert der Anleihenmarkt? 

"Die zehnjährigen US-Staatsanleihen signalisieren, dass wir keine anhaltende Inflation über 2 Prozent erreichen werden", sagte Kathy Jones, Chefstrategin für festverzinsliche Wertpapiere am Schwab Center for Financial Research, gegenüber dem Finanzportal Marketwatch.

Es drohe dasselbe Szenario, das nach der Krise von 2008 eingetreten sei, als die Inflation trotz geöffneter Geldschleusen der Zentralbanken nicht ansprang. Am Anleihenmarkt bestehe zunehmend die Sorge, dass der Effekt durch die staatlichen Fiskalprogramme langsam verpuffe und die Wirtschaft nicht wirklich zu vollem Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit zurückkehre, fügte die Expertin hinzu. 

Eric Souza, Experte bei SVB Asset Management, streicht gegenüber Marketwatch einen zusätzlichen Grund hervor, warum die Inflation nicht hoch bleiben wird. Die Globalisierung und der technologische Fortschritt hätten in der Vergangenheit grosse Preiserhöhungen in Schach gehalten. Trotz tiefer Zinsen und Ausweitung der Bilanz tat sich die Fed in den letzten 25 Jahren schwer, das Inflationsziel von 2 Prozent zu erreichen.

Dazu komme, dass auch die Rekordstände bei den Aktienindizes professionelle Anleger wie Pensionskassen allmählich nervös mache. Diese entschieden sich zunehmend für den Verkauf von Aktien und für den Kauf von Anleihen, trotz immer noch historisch niedriger Zinsen.

(cash)