Wie geht es den «PIIGS» heute?

Über Griechenland sprechen alle. Aber 2010, als sich die Schuldenkrise zuspitzte, gab es noch andere Wackelkandidaten. Fünf Jahre später sind die Unterscheide zwischen den damals «PIIGS» genannten Ländern beträchtlich.
15.06.2015 01:02
Von Marc Forster
Spanien hat sich deutlich erholt: Börse in Madrid.

In einem Zeitalter, wo es für alles einen griffigen – und mit einem Hashtag versehbaren – Begriff geben muss, machte nach Beginn der Schuldenkrise vor fünf Jahren eine relativ unschmeichelhafte Abkürzung die Runde: PIIGS, stehend für Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Diese am stärksten in den Schuldensumpf verstrickten Länder wurden zum Synonym für Krise. Heute sieht die Lage anders aus – bei einigen Ländern. Ein genauerer Blick verdeutlicht dies:

Portugal: Der südwesteuropäische Atlantik-Staat schlüpfte 2011 unter den in der Krise geschaffenen Euro-Rettungsschirm und führte Strukturreformen durch, wie dies von den Geldgebern EU, Internationaler Währungsfonds und Europäische Zentralbank (EZB) gefordert wurde. Seit Mai letzten Jahres steht das Land wieder auf eigenen Beinen: Anleihen der Regierung können wieder normal an den Märkten gehandelt werden.

Die Kehrseite des Erfolgs, den Portugal bei der Bewältigung der Krise durchlebt hat, sind soziale Einschnitte, die das gesellschaftliche Gefüge des Landes eher destabilisieren: Die Arbeitslosigkeit liegt aktuell bei 13,9 Prozent. Anders als in Griechenland mit Syriza oder Spanien mit der Bewegung Podemos gibt es in Portugal aber keine grosse populistische Bewegung, die den Reformprozess in Frage stellt oder umkehren will.

Im vergangenen Jahr wuchs das Land mit 0,9 Prozent. Der Weltwährungsfonds sagt dem Land für das laufende Jahr 1,6 und das nächste Jahr 1,5 Prozent Wachstum voraus. Der Aktienmarkt hingegen entwickelte sich zuletzt gut: Anfang 2015 lag der Hauptindes PSI20 noch auf einem Zweieinhalbjahres-Tief, doch das Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den portugiesische Aktien wie überall in der Eurozone kräftig Auftrieb gegeben. Mit 5800 Punkten ist der Index von mit Mehrjahreshoch im ersten Quartal 2014, das bei über 7300 Punken gelegen hatte, noch ein Stück entfernt.

S&P-Rating: BB, Ausblick positiv (März 2015)

Italien: Italien ist eines der am höchsten verschuldeten Industrieländer Europas, verfügt aber auch vor allem in Norden des Landes über wettbewerbsfähige Wirtschaftsektoren. Was Italien ebenfalls angerechnet wird, ist eine vergleichsweise tiefe Verschuldung im Privaten. Auf dem Höhepunkt der Krise 2011/12 liess indessen die Vorstellung, ein Bail-Out für die neuntgrösste Volkswirtschaft der Welt einleiten zu müssen, die europäische Politik und die Märkte erschaudern. Italien wäre für den Euro-Rettungschirm wohl zu gross gewesen.

Zu diesem Szenario kam es aber nicht. 2014 schrumpfte die Wirtschaft immer noch um 0,4 Prozent, im Jahr davor waren es -1,7 Prozent gewesen. Vieles hängt von den politischen Reformen ab, die der sozialdemokratische Premierminister Matteo Renzi angestossen hat. Renzi ist seit Februar 2014 Regierungschef in Rom. Weil die EZB im grossen Stil auch italienische Anleihen kauft, kann sich das Land günstig verschulden – die Renditen italienischer Obligationen sind mit 2,2 Prozent tiefer als jene der USA, verzerrt durch die EZB-Geldschwemme. Das wirkt dem Reformdruck tendenziell entgegen.

Eines der ehrgeizigsten Projekte der Regierung Renzi, die Deregulierung des Arbeitsmarktes, passierte aber trotz Widerstands namentlich der Gewerkschaften schon bis Ende 2014 das Parlament. Ausserdem schraubt Renzi auch am lethargischen Staatsapparat, der modernisiert werden soll. Der Reformeifer in Italien ist nicht so ausgeprägt wie etwa in Spanien, doch deutlich stärker als in Frankreich. Einige Ökonomen sind deshalb optimistisch für das Land.

Italien hat die Rezession abgeschüttelt und der Weltwährungsfonds sagt für dieses und nächstes Jahr Wachstum von 0,5 bzw. 1,1 Prozent voraus. Der Mailänder Leindindex FTSE MIB liegt mit über 23'000 Punkten heute um 12 Prozent über dem Wert von vor fünf Jahren. Den Tiefstand hatte er 2012 bei 12'300 Punkten.

S&P-Rating: BBB-, Ausblick stabil (Mai 2015)

Irland: Irland stürzte vor allem wegen seiner Banken in die Krise. Die Regierung musste schwer verspekulierte Banken mit Milliarden auffangen. Ansonsten zeigte sich die Wirtschaft des Inselstaates, der Mitte des 20. Jahrhunderts noch eines der ärmsten Länder in Westeuropa gewesen war, vergleichsweise robust.

Die Euro-Rettungspolitik funktionierte im Falle Irlands. Schon 2013 verliess das Land den Rettungsschirm und Strukturreformen, die Konsolidierung des Haushalts und die Stabilisierung des Finanzplatzes schickten das Land zurück auf den Wachstumspfad. 2012 noch in der Rezession, schnellte die Wirtschafsleistung im vergangenen Jahr auf 4,8 Prozent hoch. Die Arbeitslosigkeit reduzierte sich in der gleichen Zeit von 14,7 auf 11,3 Prozent und soll laut IWF-Prognose weiter sinken. Der irische Leitindex ISEQ Overall Index hat seinen Kurs innerhalb von fünf Jahren ohne massive Korrekturen in etwa verdoppelt.

S&P-Rating: A+, Ausblick stabil (Juni 2015)

Griechenland: Ohne Rettungsschirm, zwei Schuldenschnitte und Milliarden-Bürgschaften der EU, des Weltwährungsfonds und der EZB wäre das hochverschuldete Land vermutlich schon 2010 pleite gegangen. Die Forderung der Geldgeber des Landes ist seit fünf Jahren: Unterstützung gegen Reformen.

Athen stiess vor fünf Jahren einen Reformkurs an, der schliesslich zu einer zaghaften Wachstumshoffnung führte: 2014 legte das die Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent, nachdem etwa 2012 die Wirtschaft um 8,9 Prozent geschrumpft war. Die äusserst unpopulären Spar- und Veränderungsmassnahmen führten im vergangenen Januar zur Abwahl der Regierung der seit Mitte 2012 amtierenden Regierung von Antonis Samaras von der Nea Dimokratia. Seitdem ist die linkspopulistische Syriza-Partei unter Alexis Tsipras an der Macht, die zwecks Parlamentsmehrheit mit einer kleinen rechtspopulistischen Partei koaliert. Das wichtigste Syriza-Wahlversprechen war es, die Sparpolitik zu beenden.

Seit über vier Monaten betreibt die Regierung in Athen mit den Geldgeber ein Katz-und-Maus-Spiel und die Weiterführung des Reformprogramms. Ohne Hilfskredite geht dem Land wohl demnächst das Geld aus (wann genau, ist Gegenstand fast täglicher Spekulationen - die Deadline ist auch schon mehrfach verschoben worden). Die Möglichkeit des "Grexit", dem griechischen Austritt aus dem Euro, wird täglich diskutiert – wobei EU-Chefkommissar Jean-Claude Juncker zum Beispiel stets betont, dies werde nie geschehen.

Ohne eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft, einen effizienteren und schlankeren Staatsapparat, unbequeme Reformen des Sozialsystems und vor allem höhere Steuereinnahmen wird Griechenland schwer aus der Krise kommen. Die sozialen Probleme sind enorm, die Arbeitslosigkeit betrug letztes Jahr 26,5 Prozent. Der Athener Aktienmarkt ist extrem volatil: Innert eines Jahres hat der Leitindex Athex Composite 40 Prozent seines Wertes eingebüsst.

S&P-Rating: CCC, Ausblick negativ (Juni 2015)

Spanien: Die schwere Wirtschaftskrise in Spanien, zu der auch ein verheerender Kollaps des Immobilienmarktes gehört hatte, führte Ende 2011 zur Abwahl der Sozialisten. Die seither regierenden Konservativen unter Mariano Rajoy haben Reformen durchgezogen. Als Frage des nationalen Prestiges galt es, dass 2012 nicht das ganze Land, sondern nur das extrem marode Bankensystem des Landes unter den Euro-Rettungsschirm gestellt wurde.

Als Erfolg der Regierung Rajoy gilt, dass der Arbeitsmarkt dereguliert werden konnte: Die starren Regeln hatten davor dazu beigetragen, das die Jugendarbeitslosigkeit zeitweise bei rund 50 Prozent gelegen hatte, weil junge Jobsuchende schwer zu Festanstellungen kamen. Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist mit 24,5 Prozent (2014) freilich immer noch sehr hoch und dürfte nur langsam unter 20 Prozent sinken.

2014 wuchs die spanische Wirtschaft erstmals seit 2010 wieder, und zwar mit 1,4 Prozent. Die Risiken Spaniens sind derzeit eher politisch: Die "staatstragenden" Parteien, der konservative Partido Popular und der sozialdemokratische PSOE, haben wegen der Sparpolitik und wegen massiven Finanzskandalen in ihrem Ansehen enorm gelitten. Zulauf erhält nun die linke Podemos-Bewegung,  die sich einen ähnlichen Umbau Spaniens vorstellt, wie das der Syriza in Griechenland vorschwebt.

Ende Jahr sind Wahlen. Es ist fraglich, ob die traditionellen Parteien zumindest zusammen noch eine Mehrheit erhalten. Beobachter scheinen aber auch zu erkennen, dass die populären Protestbewegungen Podemos und die bürgerlichere Ciudadanos dabei sind, ihren Zenit zu überschreiten.

Der IBEX 35, Leitindex der Madrider Börse, hat seinen Stand seit seinem Tiefpunkt Mitte 2012 bis in diesen Frühling fast verdoppelt.

S&P-Rating: BBB, Ausblick stabil (Mai 2015)