Das russische Volk und die Streitkräfte hätten gegen die rebellierenden Wagner-Kämpfer zusammengestanden, sagte Präsident Wladimir Putin am Dienstag in einer Dankesrede vor rund 2500 Angehörigen der Sicherheitskräfte, der Nationalgarde und der Armee. Den Aufständischen wäre es nie gelungen, Moskau zu erreichen, betonte die Führung der Nationalgarde. Die Einheit soll aber nun mit Panzern aufgerüstet werden.

Als "Hysterie" wies Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow Darstellungen zurück, wonach Putins Machtposition erschüttert worden sei. Unterdessen verdichteten sich Hinweise auf ein Exil von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin in Belarus. Prigoschin hatte den Aufstand angeführt.

Putin rief bei der Veranstaltung im Kreml zu einer Schweigeminute zu Ehren der russischen Militärpiloten auf, die während der Rebellion getötet wurden. Damit räumte er zum ersten Mal öffentlich ein, dass es Todesopfer bei dem Aufstand gab. Putin hatte die Revolte zunächst niederschlagen wollen und sie mit den Ereignissen verglichen, die 1917 zur Russischen Revolution geführt hatten. Wenige Stunden später wurde aber eine Einigung mit Prigoschin erzielt. Putin wurde bei seiner Dankesrede begleitet von Verteidigungsminister Sergej Schoigu, dessen Entlassung die Aufständischen gefordert hatten.

Putins Sprecher Peskow betonte vor Journalisten, die Ereignisse zeigten, wie sehr die russische Bevölkerung hinter dem Präsidenten stehe. Zu Vermutungen über eine Schwächung Putins sagte Peskow: "Unter Fachleuten, Pseudo-Fachleuten, Politikwissenschaftlern und Pseudo-Politikern gibt es derzeit eine Menge ultra-emotionaler Hysterie... Mit der Realität hat das nichts zu tun."

Russland: keine Voraussetzungen für Friedensgespräche

Die Revolte hatte vor allem im Westen zu der Vermutung geführt, dass Putins Macht 16 Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine wankt. Prigoschin hat jedoch in einer Audiobotschaft nach Ende des Aufstands erklärt, er habe keinen Umsturz beabsichtigt. Ihm sei es um Protest gegangen. Er hatte dem russischen Militär einen Angriff auf seine Truppe vorgeworfen, bei dem mehrere Kämpfer getötet worden sein sollen.

Der 62-Jährige hatte sich zuletzt gegen Anordnungen zur Wehr gesetzt, seine Truppen unter das Kommando des Verteidigungsministerium zu stellen. Prigoschin lieferte sich monatelang lautstark einen Machtkampf mit Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow. Er wirft ihnen Fehler bei der Kriegsführung vor.

Die russische Führung sieht nach eigenen Angaben auch aktuell keinen Grund für Friedensgespräche mit der Ukraine. Angesprochen auf einen Medienbericht, wonach solche Gespräche im Juli beginnen könnten, winkte Präsidialamtssprecher Peskow ab. Es gebe derzeit keine Anzeichen dafür, dass die Voraussetzungen dafür gegeben seien. Russland hatte in der Vergangenheit erklärt, dass jegliche Friedensgespräche den "neuen Realitäten" Rechnung tragen müssten.

Das ist ein Verweis auf vier ukrainische Regionen, die Russland nach eigener Lesart annektiert hat - was die Ukraine und ihre Verbündeten nicht akzeptieren. Die Regierung in Kiew hat erklärt, sie werde erst dann mit der Führung Moskau verhandeln, wenn der letzte russische Soldat die Ukraine verlassen habe.

Zukunft von Wagner offen - für Brutalität berüchtigt

Während des Marschs von Wagner-Kämpfern auf Moskau waren Einheiten der Nationalgarde zur Sicherung der Hauptstadt im Einsatz. Die Truppe soll nun mit schweren Waffen und Panzern ausgerüstet werden, kündigte der Chef der Nationalgarde, Viktor Solotow, laut der russischen Nachrichtenagentur RIA an.

Wie es mit der für Brutalität berüchtigten Söldner-Truppe Wagner weitergeht, blieb zunächst unklar. Kreml-Sprecher Peskow erklärte, er habe keine Übersicht über die Anzahl der Wagner-Söldner, die das Putins Angebot annehmen und einen Vertrag mit der Armee unterzeichnen würden. Auch sei der Verbleib Prigoschins dem Präsidialamt unbekannt.

Am Dienstag flog allerdings ein Jet, der laut US-Angaben mit Prigoschin in Verbindung gebracht wird, Flugdaten zufolge von Russland nach Belarus. Die Maschine war laut der Flugbeobachtungsseite Flightradar24 zuerst über der Stadt Rostow am Don aufgetaucht, wo Wagner-Söldner vorübergehend Militäreinrichtungen unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Bei der belarussischen Hauptstadt Minsk ging das Flugzeug demnach in den Landeanflug. Auch anderen Wagner-Söldnern war von Russland nahegelegt worden, nach Belarus zu gehen.

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Belta, sein Land wolle von der Kriegserfahrung von Wagner-Kommandeuren profitieren. Belarus habe nichts von den Söldnern zu befürchten. "Wir werden sie genau im Auge behalten." 

(Reuters)