Einig ist man sich über die Landesgrenzen und die meisten politischen Grenzen hinaus, dass sich die Nutzung von Social Media durch Jugendliche unter 16 oder 15 Jahren negativ auf die psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken kann. Nicht einig ist man sich in der Schweiz allerdings, ob ein Verbot der richtige Weg für einen wirksamen Jugendschutz sein kann.
Das ist in vielen weiteren Ländern - auch in allen, die an die Schweiz angrenzen - anders. Den Anfang machte im Dezember 2025 Australien mit der Einführung eines Nutzungsverbots für Unter-16-Jährige. In Frankreich haben bis Ende März beide Parlamentskammern einem Verbot für Unter-15-Jährige zugestimmt. Es könnte das erste EU-Land sein, das ein solches einführt.
Aber nicht das einzige, in dem sich ein entsprechendes Verbot auf der politischen Tagesordnung befindet. Die österreichische Bundesregierung hat ein solches beschlossen, in Italien ist ein entsprechender Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht worden, in Deutschland, Spanien, Tschechien und Grossbritannien gibt es adäquate Vorstösse. Die EU-Kommission hat eine Expertengruppe beauftragt, Vorschläge für einen Online-Jugendschutz inklusive die Einführung eines Mindestalters zu prüfen.
Skepsis in der Schweiz
In der Schweiz hat die Kleine Kammer Mitte März 2025 ein entsprechendes Postulat von Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL) an den Bundesrat überwiesen. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider äusserte sich in der damaligen Debatte allerdings zurückhaltend. Der Bundesrat sei sich der aufgeworfenen Fragen bewusst und von der Notwendigkeit überzeugt, die Frage der Nutzung sozialer Netzwerke zu analysieren, sagte sie.
Baume-Schneider wies aber darauf hin, dass unter Experten kein Konsens herrsche, wie sich die Social-Media-Nutzung auf das körperliche und psychische Wohlbefinden von Jugendlichen auswirken könne.
Auch zu den Folgen des Social-Media-Verbots in Australien liegen noch kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vor, gab Olivier Steiner vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe an der Fachhochschule Nordwestschweiz Auskunft. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA schätzte der Professor ein Social-Media-Verbot in der Schweiz zum jetzigen Zeitpunkt als voreilig ein.
Es gebe hingegen erste Hinweise darauf, dass viele australische Jugendliche das Verbot umgehen würden. «Damit entzieht sich ihre Mediennutzung noch stärker der Begleitung durch Erwachsene», so Steiner. Ihm zufolge könnten die Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen dadurch zunehmen.
Die vom Bundesrat eingesetzte ausserparlamentarische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) sprach sich in einem am 20. November 2025 veröffentlichten Positionspapier gegen ein Verbot aus. Sie plädierte «für partizipativ erarbeitete Regeln statt pauschale Verbote, sowie für die Förderung von Medienkompetenz und eine gesetzliche Regelung der grossen Online-Plattformen».
Die EKKJ verwies auf die UN-Kinderrechtskonvention, die neben dem Jungendschutz auch «das Recht auf altersgerechten Zugang zu Informationen und Bildung sowie das Recht auf Teilhabe an digitalen Angeboten» beinhalte. Es müsse darum gehen, auch die Vorteile und Möglichkeiten von Social Media nutzbar bleiben zu lassen.
Lebensrealität junger Menschen verkannt
Ähnlich äussert sich auch Pro Juventute. Ein pauschales Verbot verkenne die Lebensrealität junger Menschen und verhindere wichtige Lernprozesse, teilte die Stiftung im Februar mit. «Digitale Medien sind längst fester Bestandteil im Alltag von Kindern und Jugendlichen.» Sie würden helfen, sich in der Welt zu orientieren , Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und Interessen an neuen Themen zu entwickeln.
Die Schweizer Bevölkerung denkt aber offensichtlich anders: In einer im Januar veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Forschungsinstituts Marketagent befürworteten 83 Prozent der Befragten ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung von Social Media.
(AWP)
