Wer Aktien kauft und sie lange genug hält, gewinnt, heisst es. So haben Anleger, die ab 1909 in Schweizer Aktien investiert und diese laufend für mindestens 14 Jahre gehalten haben, stets positive Renditen erzielt. Das ergab die im März veröffentlichte und aktualisierte Langzeitstudie des Vermögensverwalters Pictet.
Doch was für den Gesamtmarkt gilt, trifft nicht unbedingt auf jede einzelne Aktie zu. Die drei Beispiele ABB, UBS und Zurich Insurance zeigen, dass gefallene Einzeltitel auch über 14 Jahren nach dem Erreichen ihrer Allzeithochs noch im Minus stehen können.
Die Anteilsscheine des Industrieunternehmens ABB waren Anfang 2000er-Jahre in der Spitze 41,70 Franken wert. Bis Ende 2002 fielen sie auf einen Tiefstand von 1,08 Franken. Erst ab Frühling 2024 überquerten die Aktien des schweizerisch-schwedischen Konzerns die Marke von 42 Franken wieder und zogen damit auf den Stand an, den sie kurz nach der Jahrtausendwende erreicht hatten. Anleger von damals mussten sich also 24 Jahre gedulden, bis sie mit den ABB-Titeln wieder ins Kursplus kamen.
Derweil sitzen Langzeitanleger bei der UBS nach wie vor auf einem Aktienkursverlust. Die Valoren waren Anfang 2007 auf den Rekordwert von 72 Franken gestiegen und dann während der Finanzkrise abgestürzt. Seither ist die vollständige Erholung ausgeblieben. Der Titel notiert bei 43 Franken noch immer 40 Prozent unter dem Allzeithoch. Auch wer früher, zum Beispiel im Herbst 2005, eingestiegen ist, verbucht bis heute unter dem Strich keinen Gewinn.
Die Titel von Zurich Insurance standen Ende 1998 bei 916 Franken auf ihrem Allzeithoch. Nach einem jähen Kursverfall landeten die Titel auf dem Tief bei 85 Franken. Eine Rückkehr auf den inzwischen 28 Jahre alten Rekordwert steht bis heute aus. Die Aktie notiert gegenwärtig trotz steigender Tendenz bei 617 Franken und daher etwas mehr als 30 Prozent tiefer als damals. Entsprechend rot gefärbt sind die Depots der treuesten Anleger.
Gibt es Aussichten auf positive Kursrenditen für Langzeitinvestoren?
ABB hat die mehrjährige Phase gedämpfter Kursentwicklung klar hinter sich gelassen. Im Juni dieses Jahres wurde bei 89 Franken eine neue Rekordmarke erreicht, die inzwischen aber wieder preisgegeben wurde. Dennoch wurde schliesslich belohnt, wer langfristig investiert blieb - sei es mit Buch- oder realisierten Gewinnen
Nach CEO-Wechseln von Ulrich Spiesshofer, der glücklos agierte, zu Björn Rosengren und von diesem zum aktuellen Konzernchef Morten Wierod entwickelte sich das Unternehmen immer mehr zum Liebling der Investorinnen und Investoren. Getragen wird der Erfolg vor allem durch die Elektrifizierungssparte, die gleich von mehreren Wachstumstrends profitiert: dem Aufkommen von Rechenzentren für künstliche Intelligenz sowie der Verlagerung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Stromquellen, wobei beispielsweise Lösungen zum Netzausbau und für die Elektromobilität gefragt sind. Zudem sehen Analysten in der jüngst bekannt gegebenen Übernahme von Rotork eine Stärkung des Automatisierungsgeschäfts, die allerdings teuer erkauft werde.
«ABB ist im Zentrum langfristiger Trends in Elektrifizierung und Automatisierung positioniert», unterstrich CEO Morten Wierod, als er Mitte Juli den Halbjahresbericht vorstellte.
Auch bei Experten kommen das Industrieunternehmen und seine Aktie gut an: «Ich traue ABB durchaus zu, das jüngste Allzeithoch von 89 Franken nicht nur zeitnah wieder zu erreichen, sondern mittelfristig – also innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre – klar zu übertreffen», sagt Stephan Sola von Sola Capital auf Anfrage von cash.ch. Er begründet seine Zuversicht mit den verschiedenen strukturellen Trends, von denen ABB profitiert.
Marc Strub, Leiter Portfolio Management der Privatbank Reichmuth, ist bei ABB vor allem von der Qualität der Transformation überzeugt. «Der Konzern hat sich von einem hoch verschuldeten Mischkonzern zu einem fokussierten Technologie- und Infrastrukturunternehmen entwickelt. Die Positionierung in den Bereichen Elektrifizierung, Stromnetze, Automatisierung und Rechenzentren könnte kaum besser sein», sagt er gegenüber cash.ch.
Risiken beziehungsweise heikle Punkte sehen die Experten in einer vorübergehenden Investitionszurückhaltung der Industrie, in der Bewertung und in den hohen Markterwartungen. Die jüngsten Zahlen hätten gezeigt, dass sogar rekordhohe Auftragseingänge nicht mehr automatisch zu steigenden Kursen führen, erklärt Strub.
Die UBS liefert unter CEO Sergio Ermotti Quartal für Quartal starke Ergebnisse ab. Zudem läuft die Integration der im Frühjahr 2023 gescheiterten und anschliessend von der UBS übernommenen Credit Suisse (CS) planmässig, wie die Grossbank beim Zweitquartalsbericht von Ende Juli wiederum vermeldete.
Allerdings ist die Aktie der einzigen global aktiven Schweizer Grossbank nach wie vor weit von ihrem Höchststand entfernt, der vor der Finanzkrise erreicht wurde. Wesentlich ist hierbei auch eine sukzessive Verwässerung, wie Marc Strub feststellt. Er stellt in Rechnung, dass nach der Finanzkrise und auch bei der CS-Übernahme zahlreiche neue Aktien ausgegeben wurden. «Der Gewinn verteilt sich heute also auf wesentlich mehr Titel als früher. Das kompensieren auch die Dividendenausschüttungen nicht und es macht den alten Rekordkurs zu einer hohen Hürde», so der Anlagespezialist.
Stephan Sola ist ebenfalls vorsichtig, was neue Aktienkursrekorde betrifft: «Das Potenzial für neue Höchstkurse über 75 Franken wäre zwar durchaus vorhanden, der Weg dorthin dürfte aber anspruchsvoll bleiben.» Zudem scheinen Anleger dem Bankensektor seit der Finanzkrise von 2008 dauerhaft einen Bewertungsabschlag aufzuerlegen, führt der Aktienexperte aus.
Derweil überzeugt das Geschäftsmodell der UBS, speziell die Vermögensverwaltung und damit verbunden die Fähigkeit, Neugelder zu akquirieren. Die Bank von heute ist auch nicht mehr eins zu eins mit der Bank der Nullerjahre vergleichbar. Etwa sei die Ertragsbasis heute deutlich breiter und robuster als vor der Finanzkrise, so Strub.
Belastend wirkt hingegen weiterhin die im Raum stehende Verschärfung der Kapitalvorschriften. Stand heute dürfte das Parlament in Bern den Vorschlag des Bundesrates abschwächen und einen Mittelweg einschlagen. Es wird wohl den Steuerzahler vor einer weiteren Bankenkrise schützen, zugleich aber die Wettbewerbsfähigkeit der UBS möglichst erhalten wollen. Wie gut der Balanceakt gelingt, wird sich im Laufe des anstehenden parlamentarischen Prozesses zeigen.
Für die Titel von Zurich Insurance haben in jüngerer Vergangenheit mehrere Analysten hohe Kursziele gesetzt. Der Experte der Royal Bank of Canada hat die Abdeckung mit einem «Outperform»-Rating und dem Preisziel von 670 Franken Ende Juli aufgenommen. Klar höher ging der zuständige Analyst der Privatbank Berenberg, Michael Huttner: Er hat Zurich Insurance im Juni mit «Buy» eingestuft und traut der Aktie 902 Franken zu. Damit sieht er sie sich dem Rekordstand von Ende der 1990er-Jahre annähern.
Der Experte begründete seine positive Einschätzung unter anderem mit der Übernahme des britischen Spezialversicherers Beazley. Von dieser werde ein positiver Effekt auf den Gewinn je Aktie ausgehen. Auch das Geschäftsmodell und die Bewertung des Versicherungskonzerns seien sehr attraktiv. Zudem verwies Huttner auf die starke Solvenzquote im ersten Quartal von 265 Prozent.
Natürlich bleibt auch ein Versicherer nicht von Grossschäden, steigenden Schadenkosten, schlechten Kapitalmarktentwicklungen und anderen belastenden Faktoren verschont. Entscheidend ist jedoch, wie konsequent die Risiken bepreist und Kapital eingesetzt werden. «Genau hier hat Zurich in den vergangenen Jahren überzeugt. Ich halte es deshalb für gut möglich, dass die Aktie früher oder später auch die Marke von 900 Franken überschreitet und ihren langfristigen Aufwärtstrend fortsetzt», sagt Sola. Aus heutiger Sicht erscheine dieses Kursziel allerdings noch sehr ambitioniert.
Derweil gilt der Versicherungskonzern unter Anlegern als Qualitätswert sowie als einer der zuverlässigen Dividendenzahler am Schweizer Aktienmarkt. Das sind Punkte, die in Phasen weltpolitischer Fragilität und erhöhter Nervosität an den Märkten besonders zählen und auch dann für einen Titel sprechen, wenn er an der Börse schwach oder nur mässig abschneidet.
Strub hält Zurich Insurance sogar für einen der besten europäischen Qualitätstitel im Versicherungssektor und sagt: «Zurich hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bewiesen, dass das Unternehmen auch durch schwierige Marktphasen hindurch hohe Gewinne erwirtschaften und einen grossen Teil davon an die Aktionäre ausschütten kann. Die Kapitalallokation ist diszipliniert, die Dividendenpolitik berechenbar und die Eigenkapitalrenditen attraktiv.» Für den Leiter Portfolio Management der Privatbank Reichmuth spricht jedoch wenig dafür, dass die Aktie schnell wieder auf 900 Franken kommt.
Wie Anleger sich schadlos halten können
Während die Titel von ABB die langjährige Flaute hinter sich gelassen und vor kurzem einen neuen Rekordstand erreicht haben, warten Anleger nach wie vor auf die vollständige Erholung der Aktienkurse von UBS und Zurich Insurance. Geduld ist offenbar gefragt.
Schadlos halten konnten sich Langzeitinvestoren nur, wenn sie die Dividenden konsequent reinvestiert und so über die Zeit hinweg eine über den Kursverlauf hinausgehende Gesamtrendite erzielt haben. Beispielhaft hierfür steht Zurich Insurance. Wer seit dem Allzeithoch von 1998 die Ausschüttungen an die Aktionäre nicht verkonsumiert, sondern immer wieder in Anteilsscheine gesteckt und so vom Thesaurierungseffekt profitiert hat, liegt heute klar im Plus - auch wenn der Aktienkurs noch unter dem Allzeithoch vom Januar 2001 steht. «Dank der hohen und über viele Jahre zuverlässig ausbezahlten Dividenden hat sich das ursprünglich investierte Kapital rund verzweieinhalbfacht», hält Marc Strub fest.
Bei der UBS zeigt sich indes ein weniger ansprechendes Bild: Wer die Aktie bei den Höchstkursen im Jahr 2007 gekauft hat, kommt auch nach striktem Reinvestieren der Dividenden bis heute kaum über den Einstand hinaus, konnte aber die insgesamt mässige Kursperformance knapp auffangen. Das verdeutlicht auch, wie lange die Folgen der Finanzkrise nachwirken und die Depots der Anlegerinnen und Anleger belasten.
Für langjährige Investoren von ABB kommt ein anderer Effekt hinzu: Der Spin-off von Accelleron. Dessen Abspaltung vom schweizerisch-schwedischen Technologiekonzern erfolgte in Form einer Sachdividende. Dabei wurde den bestehenden ABB-Aktionären für zwanzig ABB-Aktien anteilig eine Aktie von Accelleron als Sachdividende zugeteilt. Das ist relevant, weil die Anteilseigner von ABB in den Besitz von Valoren des sodann sehr gut laufenden Turboladerherstellers aus Baden kamen. Seit dem Börsengang im Oktober 2022 haben sich die Accelleron-Titel um mehr als 310 Prozent verbessert und den Anlegern so entsprechend hohe Gewinne beschert.
Mit einem Spin-off, der dann zu einem Erfolg an der Börse wird, können Anleger freilich nicht rechnen. Den Entscheid, was mit den ausbezahlten Dividenden geschieht, haben sie hingegen in der Hand: Den erhaltenen Betrag ausgeben oder wieder investieren? In der Rückblende zeigt das Beispiel von Zurich Insurance, dass sich das Reinvestieren lohnt und Kursverluste über längere Zeit auffangen und sogar überkompensieren kann. Mit dem Blick nach vorne stellt sich aber wohl die Frage, ob sich das gleiche Vorgehen bei anderen gefallenen Aktien ebenfalls auszahlen wird. Kandidaten sind Nestlé, Sika und Partners Group.

