Das Letzte, was der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk wollte: seinem US-Erzrivalen Eli Lilly im Rennen um den milliardenschweren Markt für Abnehmmedikamente auch noch Schützenhilfe leisten. Doch genau das ist mit den jüngsten Studiendaten zum Hoffnungsträger ‌CagriSema ⁠geschehen.

«Ihre Studie hat buchstäblich gezeigt, dass das Produkt von Lilly besser ist», bringt Evan Seigerman, Analyst bei BMO Capital, das Debakel auf den Punkt. ⁠Die Quittung an der Börse folgte umgehend: Die Aktie von Novo Nordisk brach zu Wochenbeginn um 16 Prozent ein, während die Papiere von Eli Lilly um fünf Prozent zulegten.

Die ‌am Montag veröffentlichten Ergebnisse aus einer entscheidenden klinischen Studie zeigten nicht nur, dass CagriSema hinter Lillys ‌Zepbound zurückblieb. Sie deuteten zudem darauf hin, dass der Gewichtsverlust mit ​Zepbound sogar höher ausfiel als in Teilen früherer Lilly-Studien. Das Ergebnis ist ein herber Rückschlag für Novo Nordisk. Der Konzern hatte mit seinem Medikament Wegovy den Markt für moderne Abnehmspritzen 2021 erst geschaffen und war dadurch 2024 zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen Europas aufgestiegen.

Seither sind die Wege der beiden Rivalen jedoch deutlich auseinandergedriftet. Während Eli Lilly eine Billionen-Dollar-Bewertung erreichte, sah sich Novo mit Gewinnwarnungen, Führungswechseln und ‌stockenden Verkäufen konfrontiert. Die jüngste Studie zu CagriSema sollte zeigen, dass das Mittel das Zeug zum nächsten Blockbuster hat – mindestens ebenso wirksam wie Tirzepatid, der aktive Wirkstoff in Lillys Zepbound, das ausserhalb der USA unter dem Namen Mounjaro verkauft wird.

Doch stattdessen erreichten Patienten mit CagriSema über 84 Wochen eine ​Gewichtsreduktion von 23 Prozent, während die Vergleichsgruppe mit Tirzepatid 25,5 Prozent verlor. Zwar entsprach das CagriSema-Ergebnis früheren ​Daten, doch lag der Effekt von Zepbound über dem Niveau einiger früherer Lilly-Studien – wenn auch ​über kürzere Laufzeiten.

«Sie haben es zweimal versucht und jetzt zweimal ​enttäuscht»

Novo-Chef Mike Doustdar versuchte, die Ergebnisse herunterzuspielen und sprach von einer «Anomalie» bei der Leistung von Zepbound, die auf das Studiendesign zurückzuführen sei. Doch das kauften ‌ihm die meisten Analysten und Investoren nicht ab. «Die Studienergebnisse sind, wie sie sind», sagte ein Novo-Aktionär, der anonym bleiben wollte, und wies die Argumentation des Managements als «lahme Ausrede» zurück.

Analysten sehen die Vormachtstellung von Eli Lilly nun zementiert. Der Markt für Diabetes- und Adipositas-Medikamente werde sich «wahrscheinlich um das Portfolio von ​Lilly scharen», schrieben ​die Analysten der Deutschen Bank. Auch JP Morgan sieht es als ⁠zunehmend schwierig an, dass Novo Marktanteile von Lilly zurückgewinnen kann, da Zepbound bereits gut ​etabliert sei.

Auf einer Telefonkonferenz mit ⁠Investoren spitzte sich die Kritik zu, als Emmanuel Papadakis von der Deutschen Bank fragte, ob CagriSema als Weiterentwicklung von Wegovy inzwischen «obsolet» sei. Novo-Chef Doustdar ‌verteidigte das Medikament und erklärte, dass CagriSema nach einer Zulassung das beste zugelassene Wirkprofil haben werde. Forschungsvorstand Martin Holst Lange bat zugleich um Geduld, um das volle Potenzial des Medikaments zu erkennen.

Doch nach zwei enttäuschenden Studien zu CagriSema innerhalb von ‌etwas mehr als einem Jahr scheint diese jedoch aufgebraucht. «Sie haben es zweimal versucht und jetzt zweimal ​enttäuscht. Warum sollten wir also glauben, dass es dieses Mal anders sein wird?», fragt BMO-Analyst Seigerman. Für die Analysten von Barclays steht Novo nun vor einem Dilemma: Es werde schwer, Ärzte und Patienten davon zu überzeugen, CagriSema einem «wirksameren und besser verträglichen Zepbound» vorzuziehen. Damit habe Novo «kaum noch etwas entgegenzusetzen – ausser ‌dem Preis».

(Reuters)