Nach der Explosion bei den Ölpreisen rechnen Investoren mit einer anhaltenden Phase stark schwankender Preise. «Die Volatilität auf dem Ölmarkt ist sprunghaft angestiegen und erreicht Werte, die über denen während des Ukraine-Konflikts liegen und ‌nur mit ⁠denen der Corona-Krise vergleichbar sind», sagte Luis Ruiz, Analyst beim Broker CMC Markets. Die Achterbahnfahrt am Rohölmarkt reisse dabei auch die Aktien-, Anleihe- und Devisenmärkte mit. Nach dem historischen Sprung von rund 29 Prozent ⁠auf bis zu 119,50 Dollar je Fass bei der Nordsee-Rohölsorte Brent zum Wochenstart, brach der Preis am Dienstag um bis zu elf Prozent auf 88,05 Dollar ein.

Auslöser für den Preisrutsch waren Aussagen von US-Präsident Donald Trump, dass der Krieg der ‌USA und Israels gegen den Iran bald abgeschlossen sein könnte. Washington sei seinem ursprünglich geschätzten Zeitrahmen von vier bis fünf Wochen «sehr weit ‌voraus». Insidern zufolge erwägt der US-Präsident zudem Massnahmen zur Marktberuhigung. Dazu könnten eine Lockerung der Ölsanktionen gegen ​Russland sowie die Freigabe strategischer Reserven gehören.

Risiko bleibt hoch

«Die Kursbewegungen zeigen, wie sensibel die Märkte derzeit auf politische Schlagzeilen reagieren», kommentierte Maximilian Wienke, Marktanalyst bei eToro. «Schon ein einzelner Satz kann deutliche Bewegungen auslösen.» Anstatt auf Basis fundamentaler Entwicklungen, handelten Anleger momentan häufig getrieben von Schlagzeilen. «Solange der Krieg nicht endet und die Strasse von Hormus nicht vollständig geöffnet wird, bleibt das Risiko hoch.» Investoren warten deshalb auf Bestätigungen, dass sich die geopolitische Lage tatsächlich entspannt.

«Vor allem muss nun der Beweis erbracht werden, dass die Strasse von Hormus wieder sicher für die Passage von Dutzenden Tankern ist, die Öl und Gas in die ‌Welt exportieren wollen», sagte Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. «Der Ölpreis ist derzeit der sprichwörtliche Schwanz, der mit dem Hund wedelt.» Aktien reagierten auf kleinste Preisveränderungen. Anleger warteten nun auf den Beweis für Trumps Aussagen. «Bleibt dieser aus, dürfte die Nervosität schnell wieder zunehmen.»

Auch die Strategen der Deutschen Bank betonten, dass der Zeitpunkt einer möglichen Lösung des Konflikts höchst unklar bleibe. «Zudem bestehen Zweifel an der Bereitschaft Teherans zur Deeskalation.» Die Revolutionsgarden erklärten, ​eine Blockade von Ölexporten werde so lange andauern, bis die Angriffe der USA und Israels beendet seien. Trump drohte daraufhin auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social: «Wenn ​der Iran irgendetwas unternimmt, das den Ölfluss in der Strasse von Hormus unterbricht, werden sie von den Vereinigten Staaten von ​Amerika zwanzigmal härter getroffen als bisher.»

Kein Vergleich zu Ukraine-Krieg

Die Preise an den Tankstellen von mehr als zwei Euro pro Liter erinnern Autofahrer an den Preissprung zu Beginn des Ukraine-Kriegs vor vier Jahren. Die Lage ist Analysten zufolge aber nicht vergleichbar mit ‌der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise. «Deutschland importiert nur gut sechs Prozent seines Erdöls und einen noch geringeren Anteil seines Gasbedarfs aus den Golfstaaten, daher ist die Versorgungssicherheit aktuell gesichert», kommentierte Claus Niegsch, Ökonom bei der DZ Bank. «Das meiste Öl kommt aus der Nordsee, aus den Vereinigten Staaten und aus Libyen.» Mit einem Anteil von 4,2 Prozent liefere der Irak den grössten Anteil aus der Krisenregion nach Deutschland.

Auch wenn keine Engpässe ​drohen, treffen die ​gestiegenen Energiepreise die deutsche Wirtschaft. «Da der Ölpreis ein Weltmarktpreis ist, spielt die Herkunft des Öls für Deutschland bei ⁠der Preisgestaltung keine Rolle», erläuterte Niegsch.

Preisdruck auch beim Gas

Auf Achterbahnfahrt gingen nicht nur die Rohölpreise, sondern auch der europäische ​Gaspreis. Der europäische Future rauschte am Dienstag ⁠um bis zu 18 Prozent auf 46,40 Euro je Megawattstunde nach unten, nachdem er am Montag um knapp 19 Prozent auf 63 Euro hochgeschnellt war. Asiatische Staaten, die viel stärker auf Gas aus dem ‌Nahen Osten angewiesen seien, versuchten ihren Bedarf aus anderen Regionen zu decken, sagte Ökonom Niegsch. «Damit treten sie vermehrt in direkte Konkurrenz zu den europäischen Nachfragern.» Dies spreche für einen anhaltenden Preisdruck auch beim Gas.

Das gestiegene Preisniveau mache dabei nicht nur Unternehmen zu schaffen. «Es erschwert und verteuert gleichzeitig die Wiederbefüllung der in diesem Jahr besonders stark geleerten Gasspeicher in ‌Deutschland und der Europäischen Union.» Entscheidend für die Auswirkungen der höheren Energiepreise ist vor allem, wie lange Unternehmen und Verbraucher die gestiegenen Preise verkraften ​müssen.

Das hängt stark davon ab, wie schnell sich die Schifffahrt in der Strasse von Hormus wieder normalisiert. Durch die Meerenge wird etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgases transportiert. Dem Datenanalyseunternehmen Kpler zufolge würde es jedoch selbst bei einer sofortigen Öffnung der Meerenge sechs bis sieben Wochen dauern, bis die Exporte aus der Golfregion wieder ihre volle Kapazität erreichen. Aufgrund der weiterhin unklaren Situation erklärten die Analysten von Goldman Sachs, ihre Ölpreisprognose für Brent ‌nicht zu ändern und sie bei 66 Dollar pro ​Barrel im vierten Quartal 2026 zu belassen.

(Reuters)