Die Banken reiben sich die Hände. Der Januar, so vernimmt man aus der Branche, war in Sachen Handelsvolumen noch viel besser als die Monate zuvor. Die Volumen lagen auch über den Januar-Kennzahlen vieler Vorjahre. Dabei ist der erste Monat des Jahres traditionell bereits einer der kommissionsstärksten im Jahr.

Vermögensverwalter berichten von nervösen Kunden. Diese fürchten mit Blick auf das Absacken der Edelmetallpreise und den Crash des Bitcoins ein Überschwappen der Negativstimmung auf den Gesamtmarkt.

Klar, wer anders als Donald Trump ist Mitverursacher des Investoren-Unbehagens? Die Intervention in Venezuela und Drohgebärden gegen den Iran schüren erhebliche Unruhe am Markt. Die Nominierung von Kevin Warsh hat die Zins- und Edelmetall-Spekulanten auf dem falschen Fuss erwischt.

Dennoch ist Trump bei weitem nicht alleine verantwortlich für die Unruhe. Immer hysterischer reagieren Anleger auf mögliche Disruptionen wegen der Künstlichen Intelligenz (KI) - und zwar branchenweit, ohne Grenzen. Und wie so oft gibt man an der Börse der Sache einen Namen: «AI Scare Trade».

Dieser Trade trifft derzeit beinahe jeden Tag eine andere Branche: Ein neues Werkzeug des KI-Assistenten Claude soll juristische Arbeiten erleichtern - das führte letzte Woche an einem Tag zu einem Wertverlust bei Software-Unternehmen von rund 300 Milliarden Dollar. Ein von der Firma Altruist entwickeltes Programm löste diese Woche kaskadenmässig einen Ausverkauf bei Finanzaktien aus. Zwischendurch traf der KI-Abverkauf die Versicherer - aus einem anderen KI-Grund.

Am Donnerstag kamen die Logistiker unter die Räder. Ein ehemaliges Karaoke-Unternehmen (sic!) namens Algorhythm (früherer Name: Singing Machine Co.), das neu im Bereich der KI arbeitet, plant eine Plattform mit einer möglichen Steigerung der Frachtvolumen für Kunden um bis zu 400 Prozent - ohne zusätzliche Jobs. Notabene: Es ist lediglich eine Ankündigung. Aber sie reichte, um etwa die Aktie des Schweizer Logistikriesen Kühne+Nagel innert drei Stunden um 13 Prozent absacken zu lassen. 

Absurd? Springen hier unbekannte Firmen auf den fahrenden KI-Zug auf, die obskure Business-Ideen vor sich her treiben und kurzfristig Geld machen wollen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Bemerkenswert ist jedenfalls der Sinneswandel an den Märkten: Bis vor wenigen Wochen und Monaten suchten Investoren nach Unternehmen mit möglichst viel KI-Ausrichtung. Heute sind es Firmen, die von den Veränderungen durch die KI möglichst nicht betroffen sind.

Anleger sollten, wie immer bei solch schnellen Bewegungen an den Märkten, die Nerven bewahren und die Gewitter vorerst vorbeiziehen lassen. Hypernervöse Märkte neigen zu Übertreibungen. Bei vielen abverkauften Firmen stimmen die Fundamentaldaten noch immer.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die KI die Firmenwelt grundlegend verändern und in vielen Branchen zu Produktivitätsschüben führen wird. Der CEO der Firma Altruist, die für den Ausverkauf der Finanzaktien verantwortlich war, zeigte sich zwar selbst überrascht vom Ausmass der Marktreaktion nach der Bekanntgabe seines neuen Tools. Er sagte aber auch: «Die Architektur, mit der wir Hazel bauen, kann jede Tätigkeit im Vermögensmanagement ersetzen. Normalerweise sind das Aufgaben für ganze Teams. Künftig werden sie effektiv von KI für 100 Dollar im Monat erledigt.» Es ist - trotz aller Hypernervosität - eine weitere Warnung für Investoren.

Daniel Hügli
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