Die Valoren von DocMorris avancierten seit Wochenbeginn um 10 Prozent, nachdem der niederländische Konkurrent Redcare Pharmacy zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten den Ausblick angehoben hatte. Seit Jahresbeginn haben sich die Valoren der Frauenfelder Onlineapotheke mehr als verdoppelt.

Nach den happigen Kursverlusten der letzten Jahre können die Aktionäre von DocMorris nun also etwas aufatmen. Das Unternehmen steht auf solideren Beinen, nachdem der strategische und operative Turnaround schrittweise ab Frühjahr 2023 mit dem Verkauf des Schweizer Apothekengeschäfts eingeleitet wurde und nun erste Früchte trägt.

Die Versandapotheke ist mittlerweile auf Kurs, noch im laufenden Jahr die operative Gewinnschwelle auf Stufe bereinigtem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zu überschreiten, wie das Unternehmen anlässlich der Präsentation der Halbjahreszahlen Mitte August mitteilte.

Am Montag erhöhte Urs Kunz, Analyst von Research Partners, das DocMorris-Kursziel auf 14,60 von zuvor 13,60 Franken mit der unveränderten Einstufung «Kaufen». Er begründete dies mit einer erwarteten starken Umsatzentwicklung im dritten Quartal bei verschreibungspflichtigen Medikamenten (Rx). Der Anstieg sollte bei 59 Prozent zu stehen kommen, was deutlich über dem Analystenkonsens von 47 bis 48 Prozent liegt.

Der Experte von Research Partners verweist dabei auch auf die verbesserte Wechselkurssituation. Da der Wechselkurs des Euros zum Franken im Vergleich zum dritten Quartal 2025 nahezu unverändert blieb, dürften sich die Wachstumswerte in Schweizer Franken und in Lokalwährung nur marginal unterscheiden. Entsprechend sollte im vierten Quartal ein positiver bereinigter Ebitda erreicht werden.

Intakte Wachstumsperspektiven

Bezüglich der mittelfristigen Wachstumsperspektiven zeigt sich Kunz von Research Partners etwas zurückhaltender als die Onlineapotheke selbst. Laut DocMorris solle bis im Jahr 2030 eine Ebitda-Marge von 8 Prozent erreicht werden. Für das Jahr 2030 prognostiziert der Experte von Research Partners hingegen «nur» eine EBITDA-Marge von 5,9 Prozent. «Erst für das Jahr 2034 sehen wir eine Marge von 7,9 Prozent in der Nähe der Zielgrösse von DocMorris voraus. Bis 2030 will DocMorris die Aussenumsätze um jährlich 15 Prozent steigern. Unsere Schätzungen gehen von einem durchschnittlichen Wachstum von 10,6 Prozent pro Jahr bis 2030 aus.»

Trotz hoher Refinanzierungskosten hält Research Partners an der Kaufempfehlung fest, nachdem DocMorris im September eine Privatplatzierung einer Wandelanleihe über 97 Millionen Franken mit Fälligkeit 2031 erfolgreich durchführte und gleichzeitig die Wandelanleihe mit Verfall 2028 vollständig zurückkaufte. Damit hat sich die Finanzierungssituation weiter verbessert. 

Durch die erfolgreiche Refinanzierung sowie durch die Schätzungsanpassungen erhöhe sich das auf dem diskontierten Cashflow basierende Kursziel auf 14,50 nach 13.60 Franken, argumentiert der Analyst von Research Partners. Dabei verwendete er hohe Eigenkapitalkosten von 12 Prozent und Fremdkapitalkosten von 8 Prozent. Insofern seien seine mittelfristigen Schätzungen konservativer als die von DocMorris. «Trotzdem zeigt unser Modell ein hohes Kurspotenzial an», so Kunz abschliessend.

DocMorris versus Redcare

Trotz der positiven Perspektiven stellen sich einige Anlegerinnen und Anleger die Frage, ob nun DocMorris oder Redcare Pharmacy der interessantere Wert ist. Im Vergleich zu DocMorris (+104 Prozent seit Jahresbeginn) kann der Konkurrent Redcare Pharmacy (+3,0 Prozent) bei der Aktienkursentwicklung kurzfristig nicht mithalten.

Ein Blick zurück über die letzten drei Jahre zeigt indes ein anderes Bild. Während DocMorris im Vergleich zum Herbst 2023 50 Prozent tiefer notiert, beträgt der Kursverlust bei Redcare nur 30 Prozent. Für langfristig orientierte Anleger war die Periode bei beiden Titeln also zum Vergessen.

Ein Blick auf den Börsengang zeigt jedoch, wie sehr viel schlechter DocMorris abgeschnitten hat. Seit dem IPO im Sommer 2017 hat der Titel der Schweizer Onlineapotheke 80 Prozent an Wert verloren, während es für die Valoren von Redcare um 75 Prozent nach oben ging. 

Wachstum und Gewinnschwelle in Sicht

An Potenzial mangelt es beiden Firmen nicht, wie ein Blick auf die Einschätzungen der Deutschen Bank zeigt. Deren Experte Jan Koch vergibt beiden Titeln ein Rating «Buy». Das Kurspotenzial divergiert hingegen. Während die Schätzung für DocMorris bei 12,50 Franken und somit unter den am Mittwoch bezahlten Kursen steht, sieht Koch von der Deutschen Bank den Titel von Redcare Pharmacy auf 100 Euro anziehen. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von 42 Prozent. 

Insgesamt sieht der DB-Analyst Redcare beim E-Rezept im dritten Quartal 2026 mit geschätzten 53 Prozent schneller wachsen als DocMorris mit 47 Prozent. Anleger werden deshalb gespannt darauf achten, ob DocMorris diesen Wert - wie von Research Partners erwartet - übertreffen kann. 

Gemäss Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg erwarten die Analysten sowohl bei DocMorris wie bei Redcare eine Verdoppelung des Umsatzes bis ins Jahr 2032. In diesem Jahr dürfte der Gewinn gemäss Analystenkonsens von DocMorris bei 0,60 Franken und von Redcare bei 6,5 Euro zu stehen kommen. Das ergibt basierend auf dem Aktienkurs vom Dienstag ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 24x für DocMorris und eines von 12x für den niederländischen Konkurrenten. 

Dieses KGV mag auf den ersten Blick für die Valoren von Redcare sprechen. Allerdings gilt es, dies richtig einzuordnen. Redcare erzielt doppelt so viel Umsatz wie DocMorris, hat keine Restrukturierung hinter sich und kann sich voll auf die Umsetzung der Wachstums- und Expansionsstrategie konzentrieren. Das erleichtert die Einpreisung der Zukunftserwartungen, weshalb eine konservativere Bewertung Sinn ergibt.

Dennoch bleibt DocMorris ein risikoreicherer, aber interessanter Wert. Gelingt es dem Management, die optimistischen Prognosen der Analysten in Zukunft zu übertreffen, liegen bei der Frauenfelder Onlineapotheke weitere Kursgewinne drin. Am 15. Oktober wissen Anlegerinnen und Anleger mehr, wenn DocMorris sein Trading-Update für das dritte Quartal offenlegt. Der Kapitalmarkttag folgt am 12. November. 

Thomas Daniel Marti
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