Aktienrückkäufe und die Folgen für Anleger

Die Firmenkassen sind voll. Die Unternehmen brauchen das Geld oft dazu, eigene Aktien zurückzukaufen. Wie Anleger davon profitieren und was es zu beachten gilt.
10.11.2014 01:00
Von Ivo Ruch und Frédéric Papp
Aktienrückkaufprogramme sind oft mehrere Milliarden Franken schwer.

ABB, Adidas, Bravofly, Google und Toyota haben zwei Dinge gemeinsam: Ein schwacher Aktienkurs - und ein Aktienrückkaufprogramm. Die Liste der Unternehmen liesse sich beliebig verlängern. Denn Aktienrückkäufe sind zurzeit weltweit en vogue und werden oft zur Aktienkurspflege verwendet.

Unternehmen kaufen in der Regel dann eigene Aktien, wenn sie auf vollen Kassen sitzen. Das ist derzeit vielerorts der Fall. Die Gründe dafür: Das tiefe Zinsniveau, was Fremdkapital gegenüber Eigenkapital stark vergünstigt. Der Abbau von Eigenkapital kann zu einer Reduktion der Gesamtkapitalkosten führen, den Firmenwert mithin kräftig steigern. Zudem fand eine Fokussierung auf das Kerngeschäft statt, geschäftsfremde Firmenteile wurden abgestossen.

Das Zauberwort der Kurspflege heisst "Gewinnverdichtung". Werden bei Rückkaufprogrammen Aktien vernichtet, dann steigt in der Regel der Gewinn pro Aktie – im Fachjargon "Earnings per Share" (EPS) genannt. Gleichzeitig reduziert sich aber das Eigenkapital, was das Konkursrisiko indes tendenziell erhöht.

Das hat Folgen auf dem Markt: "Trotz höherem Gewinn pro Aktie muss darum nicht zwangsläufig ein höherer Aktienkurs resultieren", sagt Philipp Lütolf, Professor für Finance und Banking an der Hochschule Luzern, zu cash. Auch andere Faktoren können als Spielverderber wirken.

Sich nicht blenden lassen

Dies zeigt der Kursverlauf der Nestlé-Aktie exemplarisch. Kurz nach der konkreten Ankündigung des Aktienrückkaufs im Umfang von 8 Milliarden Franken Ende August zog die Nestlé-Aktie zwar deutlich an, musste die Gewinne aber im Zuge der allgemeinen Börsenbaisse ebenso schnell wieder abgeben. In der Zwischenzeit hat sich die Aktie wieder erholt. Genauso erging es dem ABB-Kurs, nachdem das Unternehmen ein 4 Milliarden Franken schweres Rückkaufprogramm angekündigt hatte.

Zwar wäre der Kurs ohne ein Rückkaufprogramm vermutlich noch tiefer gefallen, aber die Beispiele zeigen, dass Anleger bei Rückkaufprogrammen nicht blindlings zugreifen sollten, sondern auch andere kursrelevante Aspekte wie das allgemeine Börsenumfeld oder die Quartalszahlen in ihre Kaufentscheide miteinbeziehen sollten.

Verführerische tiefe Zinsen

Ein Rückkauf eigener Aktie bietet dem Unternehmen mehr Flexibilität als eine Dividendenerhöhung. Die Aktienrückkäufe können jederzeit gestoppt werden, wenn sich die Bedürfnisse des Rückkäufers ändern sollten. "Vor allem während der Finanzkrise kam es vermehrt zu Abbrüchen von Aktienrückkaufprogrammen", sagt Lütolf. Dagegen ist die Hemmschwelle für ein Unternehmen grösser, eine einst erhöhte Dividende in der kommenden Saison wieder zu kürzen.

Doch was auf den ersten Blick wie eine besonders grosszügige Behandlung der Aktionäre aussieht, kann auch Tücken haben. Insbesondere dann, wenn es verpasst wird, in die eigene Zukunft zu investieren. Ein Beispiel: IBM gab in der Vergangenheit doppelt so viel für eigene Aktien aus, wie für Forschung und Entwicklung.

ABB und UBS einst in der Liquiditätsfalle

Auch ABB musste sich dem Vorwurf der Ideenlosigkeit stellen. So sagte ABB-CEO Ulrich Spiesshofer im September zu cash, das Milliarden-Programm sei keine defensive Aktion, sondern "ein starkes Zeichen des Vertrauens, dass wir in Zukunft mehr herausholen werden". Der Verlauf der ABB-Aktie über die letzten Jahre gleicht einem Nullsummenspiel.

Derselbe Konzern tappte in der Vergangenheit in die Liquiditätsfalle: So kaufte ABB 2001 für 1,2 Milliarden Franken eigene Aktien zurück. Bei einer damalig äusserst schmalen Eigenkapitaldecke von 15 Prozent ein risikoreiches Spiel. Es kam, wie es kommen musste. Zwei Jahre später musste der Technologiekonzern 3,3 Milliarden Franken aufnehmen, um wieder liquide zu sein.

Oder die UBS: Zwischen 2000 bis 2007 kaufte die Grossbank Aktien in Milliardenhöhe zurück. "Wären die Mittel nicht für Aktienrückkäufe eingesetzt worden, hätte man in der Finanzkrise weniger Kapitalerhöhungen machen müssen", sagt Lütolf.

Die Beteiligung am Aktienrückkaufprogramm ist für Privatanleger aus steuerlichen Gründen ohnehin nicht sinnvoll. Falls Nestlé beispielsweise eigene Aktien für 70 Franken zwecks Kapitalherabsetzung zurückkauft, hat der private Anleger die Differenz zwischen Rückkaufspreis und dem Nominalwert von 0.10 Franken als Einkommen zu versteuern. Falls der Rückkauf zu einer Kurswertsteigerung führt, was jedoch nicht zwingend der Fall ist, profitiert der Privatanleger vom Rückkauf. "Dann kann er die Wertsteigerung nämlich steuerfrei realisieren", sagt Lütolf.