Nicht nur sackte die Aktie von Nestlé am Dienstagnachmittag ab, auch am Mittwoch verbucht der Titel weitere Einbussen. So erweitert sich die Jahresbilanz am Vormittag um weitere 0,9 Prozent auf über 6 Prozent Kursverlust seit Silvester. 

Die negativen Headlines um den Nahrungsmittelmulti aus Vevey hören derzeit nicht auf - da hilft auch die Hoffnung in das neue Führungsteam nicht. Nach dem jüngsten Rückruf möglicherweise giftbelasteter Babynahrung in über 30 Ländern, droht dem Konzern aufgrund eines Todesfalls weiterer Gegenwind. Noch in der vergangenen Woche hatte der neue CEO von Nestlé, Philipp Navratil, in einer Videobotschaft versucht Kunden zu beruhigen. 

Dennoch hat das französische Gesundheitsministerium nach dem Tod eines Säuglings eine epidemiologische und lebensmittelhygienische Untersuchung angekündigt, um festzustellen, ob ein Zusammenhang mit den zurückgerufenen Produkten besteht. Eltern haben von zahlreichen Fällen berichtet, in denen Säuglinge Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen und Durchfall zeigten. Französischen Medien zufolge sollen erste Ergebnisse in den kommenden Tagen vorliegen.

Wie Bloomberg berichtet, teilte Nestlé der Zeitung «Le Parisien» mit, dass es keinen bestätigten Fall eines direkten Zusammenhangs mit den zurückgerufenen Produkten gebe.  Auch das Ministerium bestätigte, dass derzeit noch nicht erwiesen sei, ob der Tod in Verbindung mit der Verabreichung von Nestlé-Milchnahrung stehe. 

Jean-Philippe Bertschy, Head of Swiss Equity Research bei Vontobel, betitelt die Lage als «Albtraum für das neue Führungsteam». «Dieser Vorfall dürfte weitere Fragen zu den Qualitätskontrollstandards von Nestlé an seinen Produktionsstandorten und zu möglicherweise unzureichenden Investitionen in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Kostensenkungsprogramm des Konzerns aufwerfen», so der Analyst. Nestlé stehe mit dem Rücken zur Wand.

Während Nestlé die finanziellen Folgen bislang herunterspielt, liegt der Fokus vor allem auf den mittelfristigen Risiken. Der Rückruf mache laut Nestlé weniger als 0,5 Prozent des Jahresumsatzes aus, dennoch könnten Vertrauensverluste bei Produkten und Marken laut Experten zu spürbaren Umsatzeinbussen führen. Auch Bertschy warnt vor einem «Imageschaden». 

Die Marktkapitalisierung von Nestlé ist seit dem Rückruf um fast 10 Milliarden Franken gesunken. Das übersteigt den von Bloomberg geschätzten maximalen Umsatzrückgang von 1,3 Milliarden Franken (1,5 Prozent des Umsatzes) deutlich – selbst für den Fall, dass alle betroffenen Konsumenten den Anbieter wechseln würden. Der Markt preist damit weniger den unmittelbaren Schaden als vielmehr langfristige Reputations- und Vertrauensrisiken ein. 

Sein Kursziel lässt Vontobel-Analyst Bertschy derzeit noch unangetastet bei 90 Franken - ein Niveau, welches die Aktie letztmals vor einem Jahr hielt. Damit reiht er sich in der Mitte der Spannbreite ein - die Kursziele reichen von 71 bis 97 Franken. Ob mittelfristig Anpassungen folgen werden, bleibt abzuwarten.

Aisha Gutknecht arbeitet seit Juli 2024 als Redaktorin für cash.ch.
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