Dass in Japan seit mehr Windeln für alte Leute hergestellt werden als für Babys, darüber mag man im ersten Augenblick noch versteckt schmunzeln. Aber Japan nimmt oft wichtige Entwicklungen vorweg, die uns sensibilisieren sollten. Und zum Lachen ist das Windel-Beispiel ganz und gar nicht. Es deckt bloss das grösser werdende Problem alternder Bevölkerung in den Industrienationen.

Die Überschussproduktion von Senioren-Windeln in Japan geht auf das Jahr 2011 zurück. Auch in der Schweiz gibt es Wendepunkte bei der Bevölkerungsentwicklung. Zum Beispiel 2025: Die Zahl der Menschen ab 65 Jahren überstieg erstmals jene der unter 20-Jährigen. Oder das Jahr 2019: Seither gehen hierzulande jedes Jahr mehr Menschen in Pension, als junge Erwerbstätige nachrücken. Jährlich fehlen somit 30’000 Menschen, welche die AHV finanzieren, in die Pensionskassen einzahlen oder Steuern begleichen. 

Es gibt weitere Demografie-Trends aus der Schweiz, welche das Ausmass der Entwicklung zeigen: Derzeit leben über 1500 über 100-Jährige in der Schweiz, 2050 werden es laut Hochrechnungen rund 15'000 sein. Laut dem Bundesamt für Statistik ist die Geburtenrate in der Schweiz auf ein Allzeit-Tief von 1,29 Kindern pro Frau gesunken. Die Quote verzeichnet insbesondere seit 2021 einen deutlichen Rückgang. Damit die Schweizer Bevölkerung ohne Zuwanderung nicht schrumpft, müsste durchschnittlich jede Frau 2,1 Kinder gebären.

«Retten Einwanderer aus Afrika die Schweiz?», titelte eine Sonntagszeitung zum Thema vor zwei Jahren. Klar, die Headline ist überspitzt und die Antwort wahrscheinlich «nein». Aber die demografische Entwicklung muss alte Denkmuster aufbrechen lassen und wirft viele Zukunftsfragen auf. Teils sehr unangenehme. Weil der Wandel, den die alternde Bevölkerung für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringt, schleichend ist, wird er von einer breiten Bevölkerung noch viel zu wenig wahrgenommen. Es sind Themen, mit denen sich auch Wählerinnen und Wähler im Vorfeld der Abstimmung «Keine 10-Millionen-Schweiz» am 14. Juni auseinandersetzen sollten.

«Die Entwicklung erfordert ein Umdenken am Arbeitsmarkt, eine Neuorientierung von Geschäftsmodellen und eine Anpassung jedes Einzelnen», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Manuel Buchmann, Projektleiter bei Demografik in Basel, im cash-Interview. Mit dem Gespräch starten wir eine Artikel-Serie zum Thema «Finanzdemografie». Die relativ junge Forschungsrichtung untersucht, wie sich demografische Veränderungen auf die Vorsorge, auf Aktienmärkte, auf Immobilien oder die Kapitalmärkte auswirken. Die Prognosen von Manuel Buchmann mögen nicht allen behagen. Aber man muss den Problemen ins Auge sehen.