Nach dem Rücktritt des langjährigen UBS-Vermögensverwaltungschefs von vergangener Woche kommt es auch bei der Versicherungsgruppe Helvetia zu einem hochkarätigen Abgang: Pierin Vincenz tritt mit sofortiger Wirkung von seiner Rolle als Verwaltungsratspräsident zurück. Für ihn übernimmt bis zur nächstjährigen Generalversammlung die bisherige Vizepräsidentin Doris Russi Schurter.
Hintergrund ist eine laufende Untersuchung der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) im Zusammenhang mit der Handhabung von Interessenskonflikten während der Zeit bei Raiffeisen Schweiz. Für Beobachter kommt der Rücktritt Vincenz' deshalb nicht überraschend.
Die Anleger reagieren erleichtert. Zur Stunde gewinnt die Helvetia-Aktie an der Schweizer Börse SIX 1,5 Prozent auf 551,50 Franken. Die Tageshöchstkurse liegen gar bei 553 Franken.
Ein interner oder doch ein externer Nachfolger?
Georg Marti von der Zürcher Kantonalbank erklärt sich diese Reaktion damit, dass Vincenz auch unter den Helvetia-Aktionären als polarisierende Persönlichkeit galt und die Investoren in der Vergangenheit nicht mit allen strategischen Entscheiden des von ihm angeführten Verwaltungsrats einverstanden waren. Allerdings warnt der Versicherungsanalyst, dass sich die geschaffenen Tatsachen mit dem Rücktritt nicht ändern werden.
Marti gäbe einem internen Nachfolger ganz klar den Vorzug. Gute Chancen räumt er dem erst seit April dem Verwaltungsrat angehörenden Ivo Furrer ein. Seines Erachtens verfügt Furrer über langjährige Erfahrungen in der Versicherungsbranche mit wichtigen Positionen bei der Winterthur und bei Swiss Life. Marti stuft die Helvetia-Aktie bis auf weiteres mit "Marktgewichten" ein.
Auch sein Berufskollege bei Julius Bär begrüsst den Rücktritt des von ihm als "kontrovers" bezeichneten Verwaltungsratspräsidenten. Er fühlt sich davon in seiner Kaufempfehlung für die Aktie von Helvetia bestätigt und wiederholt das Kursziel von 600 Franken. Der Analyst sieht in der Aktie weiterhin eine interessante Alternative zu jener des Rivalen Bâloise.
Ähnlich äussert sich Daniel Bischof von Baader-Helvea. Der Versicherungsanalyst begrüsst den Wechsel an der Spitze des Verwaltungsrats. Das Unternehmen könne mit einem wichtigen Kapitel abschliessen und den Blick nach vorn richten. Als Nachfolger hält er sowohl einen internen als auch einen externen Kandidaten für möglich. Die Helvetia-Aktie wird bei Baader-Helvea wie bis anhin mit einem Kursziel von 590 Franken zum Kauf empfohlen.
Vincenz habe sich lange gegen einen Rücktritt gewehrt. Letztendlich sei der öffentliche Druck dann allerdings zu gross geworden, so kommentieren Händler die neusten Entwicklungen. Viele sehen die Versicherungsgruppe nun in der Pflicht, im Vorfeld der nächsten Generalversammlung einen kompetenten Nachfolger zu präsentieren.
Wichtiger Unsicherheitsfaktor fällt bei der Aktie weg
Ansonsten fallen die Kommentare eher unterschiedlich aus. Während die einen Händler den Rücktritt Vincenz‘ von der Spitze des Verwaltungsrats als ein Verlust für Helvetia bezeichnen, verweisen die anderen auf die damit wegfallenden Reputationsrisiken.
Da die Finma-Untersuchung gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef in den letzten Wochen bei Helvetia spürbar auf die Aktienkursentwicklung drückte, wird dessen Rücktritt an der Börse als ein Befreiungsschlag erachtet. Noch immer errechnet sich seit Jahresbeginn ein leichtes Minus von 0,9 Prozent. Zum Vergleich: Der Swiss Performance Index legte in dieser Zeit um fast 20 Prozent zu.

