Einst Garant für Wohlstand, kämpft der Südwesten Deutschlands mit den Folgen eines tiefgreifenden Strukturwandels - ‌vor allem in ⁠seiner Schlüsselindustrie, dem Autobau. Die wirtschaftlichen Sorgen überschatten den Landtagswahlkampf und nähren Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des deutschen Wirtschaftsmodells. Ein Beispiel für die Misere ist die Firma Dostech in Mössingen. Der kleine Zulieferer für ⁠Dichtungstechnik setzte 2018 auf die Elektromobilität. Nach anfänglichem Wachstum brach das Geschäft jedoch ein.

«Dieser Bereich wackelt», sagt Geschäftsführer und Mitgründer Steffen Braun der Nachrichtenagentur Reuters. «Der ist nicht mehr so stabil, man kann sich hier auf nichts verlassen und man tut sich ‌schwer mit Investitionen.» Das Unternehmen musste Personal abbauen.

Die Probleme von Dostech spiegeln die Lage im ganzen Bundesland wider. Baden-Württemberg ist die Heimat ‌von Mercedes-Benz und Porsche - Marken, die jahrzehntelang für deutsche Ingenieurskunst standen. Doch intensiver Wettbewerb, insbesondere aus China, eine ​holprige Umstellung auf E-Autos und steigende Kosten haben den Sektor erschüttert. Die sinkende Nachfrage trifft Hunderte kleinere Zulieferer und bedroht Arbeitsplätze sowie kommunale Haushalte. In Umfragen vor der Wahl am 8. März führt die CDU vor den Grünen, die in der Koalition mit der Union derzeit mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten stellen. Die wirtschaftlichen Sorgen bieten aber Nährboden für die rechtspopulistische AfD.

Die Wirtschaft Baden-Württembergs schrumpfte 2024 stärker als die deutsche Wirtschaft

Konjunktur-Daten zeichnen ein düsteres Bild. Die Wirtschaft Baden-Württembergs schrumpfte 2024 um 0,4 Prozent und damit stärker als die deutsche Wirtschaft insgesamt mit 0,2 Prozent. Auch für das vergangene Jahr wird mit einem Rückgang gerechnet, während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ‌bundesweit wieder zulegte. Als Deutschlands führende Exportregion ist der Südwesten besonders anfällig. Die Industrie trägt hier 38,1 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei, verglichen mit 28,5 Prozent im Bundesdurchschnitt. «Baden-Württemberg ist ein klassisches Beispiel», sagt Ökonom Robert Lehmann vom Münchner Ifo-Institut mit Blick auf die negativen Folgen von Handelskonflikten wie den US-Zöllen auf exportorientierte Bundesländer.

Die Folgen sind bereits sichtbar. Die Zahl der Insolvenzen stieg 2024 im zweiten Jahr in Folge und sogar ​um 30 Prozent auf 2445 - den höchsten Stand seit 2010. «Vor zehn Jahren war deutlich mehr Kapital im Markt, und im Rahmen von Insolvenzverfahren fanden sich ​häufig Investoren oder Nachfolger», sagt Cornelius Pleser, dessen Firma auf die Verwertung von Firmenvermögen spezialisiert ist. Die Zahl der Unternehmen ohne ​tragfähige Nachfolgelösung sei heute «erschreckend hoch». Matthias Bianchi vom Mittelstandsverband DMB spricht von einem Dominoeffekt, bei dem die Krise der Leitindustrien langsam nach unten durchsickere.

Auch der Jobmarkt gerät unter Druck. Die Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg stieg von 3,9 Prozent im Januar 2023 ‌auf 4,8 Prozent im Januar 2026. Ökonomen zufolge wird der wahre Zustand durch «Horten von Arbeitskräften» noch verschleiert: Unternehmen halten aus Angst vor künftigem Fachkräftemangel an Personal fest, obwohl die Nachfrage schwach ist. «Die Mitarbeiter, die ich hier angelernt habe, die kann ich nicht ersetzen», betont Dostech-Chef Braun. Die Zahl der offenen Stellen im Land ist zu 2022 um 30 Prozent gefallen. Bis 2030 sollen allein in der Autoindustrie 14.000 Jobs ​wegfallen. «Die Lage ist sehr ​angespannt», sagt Barbara Resch, Landeschefin der Gewerkschaft IG Metall. Zulieferer hätten viel in Elektromobilität investiert. «Jetzt kommt die ⁠Nachfrage nicht, und irgendwann geht ihnen finanziell einfach die Luft aus.»

Weichen für zukünftiges Wachstum stellen

Trotz der Krise ​im Autosektor gibt es auch Lichtblicke. «Es ist ⁠eine Asymmetrie, die man hier findet», sagt Bianca Schmitz, Gründungsdirektorin des Hidden Champions Institute an der Hochschule ESMT Berlin. Sie verweist auf schnell wachsende Unternehmen in der Automatisierung und Robotik, Medizintechnik sowie Software und ‌IT. Das Bundesland ist zudem ein Innovationsmotor: Mit einem Anteil von 5,7 Prozent des BIP sind die Investitionen in Forschung und Entwicklung fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Die Frage für die Politik lautet, wie sie den Wandel mitgestalten kann. Von Subventionen zum künstlichen Erhalt von Firmen raten Ökonomen ab. «Wir müssen einen Prozess räuberischer Konkurrenz zulassen, bei ‌dem neue Ideen die alten verdrängen», sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Stattdessen fordern viele Unternehmer Investitionen in die Infrastruktur wie ​schnelles Internet, Strassen und Schienen.

Die Bundesregierung hat zwar einen Fonds über 500 Milliarden Euro aufgelegt, von dem 13 Milliarden Euro nach Baden-Württemberg fliessen sollen. Hanno Kempermann, Geschäftsführer der IW Consult, nannte dies jedoch «einen Tropfen auf den heissen Stein», um die Defizite der vergangenen 20 Jahre aufzuholen. Die Herausforderung für die nächste Landesregierung wird es sein, Weichen für zukünftiges Wachstum zu stellen. «Wir müssen uns ansehen, was Baden-Württemberg tut und ob sie diesen Strukturwandel bewältigen», erklärt ‌Expertin Schmitz. «Das Land ist Vorreiter in dem, was derzeit ​in Deutschland passiert.»

(Reuters)