Die ‌Europäische ⁠Zentralbank (EZB) habe bereits im Sommer 2023 mit der Abschaffung der Verzinsung der Mindestreserve eine Art «Zusatzsteuer» ⁠für die Banken im Euroraum eingeführt, erklärte Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, am Mittwoch. Falls sie die unverzinsten Mindestreserve ‌weiter erhöhe, verschärfe sie diese Situation: Sie binde zusätzlich Liquidität, schwäche ‌die Ertragskraft der Institute und verringere ihren ​Spielraum für Investitionen und Kreditvergabe: «Dadurch geraten deutsche und europäische Banken im globalen Wettbewerb weiter ins Hintertreffen», warnte Herkenhoff.

Währungshüter debattieren zurzeit darüber, den Anteil der Kundeneinlagen, den Geldhäuser unverzinst bei der Notenbank parken müssen, von einem auf zwei Prozent zu erhöhen, wie sechs mit dem Vorgang vertraute ‌Personen Reuters sagten. Eine Entscheidung werde bis zum Herbst erwartet. Der EZB-Rat habe den Vorschlag bislang jedoch nicht offiziell diskutiert. Ein Sprecher der Notenbank lehnte eine Stellungnahme ab.

Die EZB verlangt von ​Kreditinstituten, auf Girokonten bei den nationalen Zentralbanken Pflichteinlagen zu unterhalten: Diese werden ​als «Mindestreserven» bezeichnet. Die Überschussliquidität bildet alle darüber hinausgehenden freiwilligen Einlagen ​der Banken bei der Zentralbank.

Eine Verdopplung dieser nicht verzinsten Mindestreserve würde Notenbanken in liquiditätsreichen Ländern wie Deutschland helfen, ‌Verluste aus der Verzinsung von Überschussreserven zu verringern. Diese waren durch die Anleihekaufprogramme des vergangenen Jahrzehnts auf Billionenhöhe angewachsen. Aktuell zahlen die EZB und die 21 nationalen Zentralbanken der Euro-Zone 2,25 Prozent ​Zinsen ​auf Überschussliquidität in Höhe von rund 2,16 Billionen ⁠Euro, was jährliche Ausgaben von etwa 48,7 Milliarden Euro ​bedeutet. Eine Verdopplung der ⁠unverzinsten Mindestreserve würde diese Zinslast um fast vier Milliarden Euro verringern.

Die Kosten waren zuletzt gestiegen, ‌nachdem die EZB den Einlagensatz in diesem Monat von zwei auf 2,25 Prozent angehoben hatte, um die Inflation infolge des Iran-Kriegs einzudämmen. Hohe Verluste der Zentralbanken ‌gelten als politisch heikel, da sie die Ausschüttungen an die Staatshaushalte ​belasten. Die Mindestreserve war auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise im Jahr 2012 von zwei auf ein Prozent gesenkt worden.

(Reuters)