cash.ch: Herr Birchler, wie die zuständige Ständeratskommission beschlossen hat, soll die UBS ihre Auslandtöchter mit 50 Prozent hartem Kernkapital und 50 Prozent AT1-Anleihen unterlegen. Damit sollen Wettbewerbsfähigkeit der systemrelevanten Bank und Finanzstabilität möglichst gewahrt werden. Was von diesem Vorschlag überzeugt Sie?
Urs Birchler: Gar nichts. Denn schon der angebliche Grundkonflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit besteht gar nicht. Eine gut kapitalisierte Bank ist langfristig immer wettbewerbsfähiger als ein schlecht kapitalisiertes Institut. Die Beispiele der Credit-Suisse-Krise von 2023 und der UBS-Krise von 2008 haben es bewiesen: Wenn man als Bank Erfolg haben will, braucht man satte Eigenmittel - ohne geht es eben nicht.
Wenn Sie hartes Kernkapital und AT1-Anleihen vergleichen. Wie schneiden die Anleihen ab?
Die ursprüngliche Idee der AT1-Anleihen ist gut. Wenn eine kriselnde Bank von niemandem mehr Geld bekommt, können die Anleihen in Eigenkapital umgewandelt und die Bank so zumindest teilsaniert werden. Theoretisch. Praktisch ist es nicht so einfach.
Warum?
Erstens muss man den Auslöser - Trigger - bestimmen, der die Wandlung von Fremd- in Eigenkapital in Gang setzt. Das kann beim Unterschreiten einer gewissen Eigenkapitalquote, per Automatismus oder auf behördliche Anordnung sein. Hier aber ist der Knackpunkt. Es wird öffentlich erkennbar, dass die Bank ernste Probleme hat. Dann retten sich diejenigen mit den besten Turnschuhen, damit sie beim Bankrun zuerst am Schalter sind - beziehungsweise jene mit dem schnellsten Handy.
Eigenmittel sind teuer - womöglich so teuer, dass sie die Konkurrenzfähigkeit der Bank schwächen. Das spricht doch auch für den Kompromissvorschlag - 50 Prozent hartes Kernkapital, 50 Prozent AT1-Anleihen?
Nein, das tut es eben nicht. Ich verstehe nicht, weshalb AT1-Anleihen für die UBS billiger sein sollen als hartes Kernkapital. Mindestens jene Anleihen, die Verluste noch vor den Aktien tragen, sind riskanter. Für sie zahlt die Bank auch eine höhere Risikoprämie.
Warum genau?
Eigenmittel - oder eben hartes Kernkapital - sind ein Polster. Die Bank kann einen Teil möglicherweise eintretender Verluste selber tragen. Wenn zu wenig Eigenmittel vorhanden sind, müssen andere die Verluste tragen - konkret: die Fremdkapitalgeber. Die machen das aber nicht gratis, sondern verlangen eine Risikoprämie, die umso grösser ist, je weniger Eigenkapital die Bank hat. Deshalb gleichen sich die Kosten unter dem Strich aus. Das Aufteilungsverhältnis von Eigenkapital und Fremdkapital wie AT1-Anleihen spielt aus Kostensicht absolut keine Rolle.
Diese Überlegung wird in der öffentlichen Diskussion kaum gemacht …
… mag sein. Doch den meisten Ökonomen ist sie klar. Die Forschung, die dahintersteckt und auf die Ökonomen Franco Modigliani und Merton Miller zurückgeht, wurde mit einem Nobelpreis ausgezeichnet. Man kann sich gerne am Gegenbeweis versuchen.
Auch wenn die Kosten einerlei sind, so tragen Eigenkapital und AT1-Anleihen doch unterschiedlich zur Finanzstabilität bei.
Das absolut! Mit mehr hartem Kernkapital können wir eine grössere Sicherheit erzeugen, ohne der UBS höhere Kosten aufzubürden. Davon abgesehen spielt die Frage nach der Kapitalisierung der UBS für den Bund eine wichtige Rolle. Er leistet sozusagen die Letzt-Versicherung, wenn die Bank scheitert. Denn er kann nicht zuschauen, wie eine systemrelevante Bank untergeht. Starke Eigenmittel der UBS schützen also nicht nur die Bank, sondern auch den Bund und letztlich den Steuerzahler - ohne volkswirtschaftlich erhöhte Kosten zu verursachen.
Die UBS rechnet aber mit Milliardensummen, die sie bei verschärften Kapitalvorschriften aufbringen müsste.
Das ist – mit Verlaub – «Chabis»: Die Bank schüttet Milliarden an die Investoren aus. Wenn die UBS ihre Aktienrückkaufprogramme und Gewinne zurückbehält, hat sie das erforderliche Kapital recht schnell beisammen. Vor allem aber: Die zusätzlichen Milliarden Eigenkapital sind - zweitens - keine Kosten. Das ist einfach Geld, das die Bank für schlechte Zeiten zur Seite legt. Geld ist ja nicht weg, es gehört nach wie vor der Bank - und zwar eben in Form von Eigenmitteln.
Moment. Die Aktionäre würden einen Ausschüttungsstopp so gut wie sicher nicht gutheissen. Sie würden sich zurückziehen, was die Bank ebenfalls schwächt.
Anleger, die sich so verhalten, sind keine guten Investoren. Wenn das Geld nicht ausgeschüttet wird, wird das Unternehmen, hier die UBS, wertvoller. Ausserdem ist es ein Mythos, dass Aktionäre durch Dividenden reicher werden: Das Geld gehört ihnen, auch wenn es in der Bank liegt.
Viele Anleger gehen aber genau davon aus: Sie stecken die Dividende wieder in Aktien und sehen, wie sich das im Laufe der Zeit kumuliert.
Das Geld wächst aber auch, wenn es in der Bank bleibt. Wie gesagt: Die Aktionärin erhält mit der Dividende nur, was ihr ohnehin gehört. Wenn das Geld im Unternehmen bleibt, liegt es zwar nicht auf dem eigenen Konto, aber es ist noch da und nicht verschwunden. Ganz einfach gesagt: Der Fünfliber ist nicht weg, wenn er ins Sparschwein fällt.
Verleitet eine dicke Kapitaldecke zu höheren Risiken?
Natürlich muss eine Bank Risiken eingehen. Doch die Finanzmärkte sind gnadenlos und wollen jedes Risiko entschädigt haben. Entscheidend ist deshalb, ob sich ein Risiko, das man eingeht, letztlich lohnt, sprich: Ob das Geschäft einen ausreichend hohen Ertrag abwirft.
Weitere Spieler, auf die es ankommt, sind die Konkurrenten der UBS, zum Beispiel die Grossbanken in den USA. Ist es daher nicht nachvollziehbar, dass die UBS möglichst wenig Regulierung will?
Möglichst wenig Regulierung bedeutet in diesem Fall, dass die Kapitalanforderungen möglichst tief und die Versicherungsleistungen des Bundes entsprechend hoch sind. Wenn das die Voraussetzungen für Wettbewerbsfähigkeit sind, haben wir die marktwirtschaftliche Ordnung verlassen.
Man muss davon ausgehen, dass auch die amerikanischen Grossbanken eine Staatsgarantie haben.
Das stimmt wohl, bedeutet aber, dass die globale Bankenindustrie nicht vereinbar mit freien, nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionierenden Märkten ist.
Was folgt daraus?
Dass Banken grundsätzlich vom Staat betrieben werden müssen oder dass die Bankentätigkeit erheblich eingeschränkt werden muss. Das kann aus meiner Sicht nicht der Weg sein. Deshalb plädiere ich für Eigenmittel. Sie spiegeln Eigenverantwortung, die Schwester der unternehmerischen Freiheit.
Der Untergang der Credit Suisse nährte die Auffassung, dass die Liquidität und nicht das Eigenkapital entscheidend ist. Was halten Sie davon?
Das Parallelargument lautet: Man stirbt nicht an einer Lungenentzündung, sondern am Fieber. Es ist haltlos. Denn schlechtes Management führt zum Verzehr von Eigenkapital, und der Verzehr von Eigenkapital führt zu Liquiditätsabflüssen. Mit dem klassischen Bankrun werden die Probleme spätestens sichtbar. Die dahinterliegenden Probleme - Missmanagement und schwindende Eigenmittel – lassen sich eine Weile verstecken.
Die Quartalszahlen der UBS überzeugen Mal für Mal. Der Aktienpreis hat sich in drei Jahren mehr als verdoppelt. Sehen Sie dennoch Schwachpunkte bei der UBS?
Banken können selbst verschuldete Schwierigkeiten - Missmanagement wie bei der Credit Suisse - oder makroökonomisch verursachte Probleme haben. Hierfür liefert die Weltwirtschaftskrise von 1929 bestes Anschauungsmaterial. Eine Mischung aus ungeschicktem Risikomanagement und makroökonomischen Problemen hat die UBS 2008 in Schieflage gebracht.
Wo ordnen Sie die UBS des Jahres 2026 ein?
Das zu bestimmen, wäre arrogant. Der aktuelle Geschäftsgang der UBS ist gut. Das war er aber auch 2007. Dabei gibt es im Moment gleich mehrere makroökonomische Risiken, allen voran die enorm hohe Verschuldung von Staaten wie den USA und die Übertreibung bei Aktien im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Kürzlich haben die Vereinigten Staaten und Japan gemeinsam am Devisenmarkt interveniert. Was dachten Sie dabei?
Das war ein Trick, den die Finanzmärkte rasch durchschaut haben, sodass der Effekt wieder verpuffte. Es war auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass die US-Regierung nervös ist, weil die Staatsschulden hoch sind und die Zinslast drückt - ein erhebliches Risiko für die Weltwirtschaft und eben auch für den Bankensektor.
Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz sagte am Tag nach dem Kommissionsbeschluss, dass eine nächste Grosskrise bloss eine Frage der Zeit sei. Dann würden präventive Massnahmen nichts helfen. Inwiefern teilen Sie diese Sicht?
Eine Krise vorauszusagen, ist sehr schwer. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird uns auch wieder eine Bankenkrise treffen. Aber sollte man deswegen keine Vorsichtsmassnahmen treffen? Das wäre fahrlässig. Schutzwälle machen Sinn, gerade weil die nächste Lawine kommt.
Kann eine Sitzverlegung der UBS ins Ausland die Schweiz vor den Folgen einer Krise verschonen?
Unwahrscheinlich. Die UBS wird vielleicht den Sitz, aber nicht ihre Geschäftstätigkeit aus der Schweiz abziehen. Das Hypothekargeschäft mit Schweizer Hausbesitzern würde sie wohl weiter betreiben. Das Gleiche gilt für das Firmenkundengeschäft mit den meisten Schweizer Unternehmen. Deshalb wäre ein UBS-Untergang natürlich auch in der Schweiz spürbar. Ich würde aber nicht von einem Katastrophenszenario ausgehen.
Urs Birchler ist emeritierter Bankenprofessor der Universität Zürich. Davor arbeitete er langjährig bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB), wo er auch den Bereich Finanzstabilität aufbaute. Birchler ist ausserdem Autor des Buches «Das Einmaleins des Geldes».

