Ein weiterer milliardenschwerer Vergleich soll Bayer endlich aus dem Würgegriff der US-Klagewelle um den angeblich krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat befreien. Doch statt einer nachhaltigen Erleichterung erlebte die Aktie nach einer ersten positiven Reaktion ‌einen deutlichen ⁠Dämpfer.

Einem Kurssprung von mehr als sieben Prozent am Dienstag folgte am Mittwoch ein Absturz von bis zu elf Prozent, der die Gewinne des Vortags komplett zunichtemachte. Der ⁠Schritt, der den Konzern bis zu 7,25 Milliarden Dollar kosten wird, kann die Skepsis der Investoren nicht ausräumen. «Dies ist noch nicht der Befreiungsschlag, auf den viele Investoren gehofft haben», warnte Portfoliomanager Markus Manns von ‌Union Investment.

Schon 2020 schloss Bayer einen Glyphosat-Vergleich über zehn Milliarden Dollar, um einen Grossteil der bis dahin anhängigen Klagen beizulegen. ‌Eine Einigung über künftige Klagen scheiterte damals jedoch. Analysten sehen deshalb auch jetzt Unsicherheiten: ​Der Vergleichsvorschlag muss erst von einem Gericht im US-Bundesstaat Missouri genehmigt werden. Zudem kann Bayer von dem Deal zurücktreten, falls zu viele Kläger die Teilnahme verweigern.

Die Analysten von JP Morgan sehen hier das Risiko einer hohen «Opt-out»-Rate. Die Schwelle, ab der Bayer den Vergleich platzen lässt, hat der Konzern nicht offengelegt. Der Plan sei daher «noch keine ausgemachte Sache», erklärte Analyst Stephan Wulf von Oddo BHF. Ingo Speich von Deka Investment spricht von einem Schritt in die richtige Richtung. «Aber es ist noch keine finale Lösung. ‌Mittelfristig ist entscheidend, dass die Rechtsrisiken komplett eingedämmt werden. Damit käme Investorenvertrauen zurück.»

Supreme Court entscheidet

Der entscheidende Punkt bleibt nun die bevorstehende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA. Dort will Bayer im Fall «Durnell» grundsätzlich klären lassen, ob Klagen auf Bundesstaaten-Ebene wegen angeblich unterlassener Warnhinweise überhaupt zulässig sind. Unterstützung erhielt Bayer dabei von der US-Regierung.

Deren Vertreter vor dem ​Obersten Gericht, Solicitor General John Sauer, argumentierte, dass die Entscheidungen der US-Umweltbehörde EPA nicht von lokalen Gerichten ausgehebelt werden dürften. Die EPA ​habe wiederholt festgestellt, dass Glyphosat wahrscheinlich nicht krebserregend sei und Etiketten ohne Krebs-Warnhinweise genehmigt.

Eine Anhörung beim Supreme ​Court ist laut JP Morgan für den 27. April angesetzt, eine Entscheidung wird bis Juni erwartet. Bayer selbst wollte sich zu den Erfolgsaussichten nicht äussern, verwies aber auf den Rechtsexperten Tom Claps von Gordon Haskett, ‌der die Wahrscheinlichkeit eines positiven Urteils auf 65 Prozent schätzt.

Laut JP-Morgan-Analyst Richard Vosser würde ein positives Urteil rund 80 Prozent der Fälle betreffen und damit den eigentlichen Befreiungsschlag für den Leverkusener Agrar- und Pharmakonzern darstellen. Der nun vorgelegte Vergleich sei daher vor allem eine «Absicherung gegen einen negativen Ausgang beim Supreme Court», erklärte Manns.

Die finanzielle Last ist erheblich: ​Der Konzern erhöht ​seine Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten um vier Milliarden auf 11,8 Milliarden Euro. Davon entfallen rund ⁠drei Milliarden auf Glyphosat und eine Milliarde auf beigelegte Rechtsstreitigkeiten um die Chemikalie PCB - ebenfalls eine Altlast ​aus der Monsanto-Übernahme.

Für die Auszahlungen rechnet ⁠der Konzern mit einem Mittelabfluss von fünf Milliarden Euro im Jahr 2026, gefolgt von einer Milliarde Euro jährlich bis 2031. Der freie Mittelzufluss (Free Cashflow) dürfte in diesem Jahr deshalb negativ ‌ausfallen.

Pharma-Sparte als Hoffnungsträger

Das gewachsene Vertrauen in die Führung unter Anderson liegt aus Sicht von Investoren trotz der anhaltenden Glyphosat-Lasten vor allem an einer anderen Entwicklung: Die Pharmasparte hat sich vom Sorgenkind wieder zum Hoffnungsträger entwickelt. Dazu haben Erfolge bei Medikamenten wie Lynkuet gegen Hitzewallungen in den Wechseljahren ‌und dem Hoffnungsträger Asundexian zur Schlaganfall-Prävention beigetragen. «Operativ hat ein Turnaround stattgefunden und die Zeit der regelmässigen Gewinnwarnungen und unzuverlässigen Ausblicke scheint ​vorbei zu sein», urteilt Fondsmanager Manns.

Strategisch verschafft der Schritt Bayer mehr Spielraum: «Der Umgang mit den Klagen hat jede Menge Management-Kapazität gebunden, die jetzt für strategische Fragen verwendet werden kann», sagt Manns. Dadurch könnten Portfolio-Fragen, strukturelle Massnahmen und Markteinführungen schneller vorangetrieben werden. Diskussionen über eine mögliche Abspaltung der Consumer-Health-Sparte - die manche Investoren vor dem Amtsantritt von Anderson gefordert hatten - treten laut Manns aber zunächst in ‌den Hintergrund.

(Reuters)