Japanische Staatsanleihen galten lange als ein Stabilitätsanker für den Finanzmarkt. Doch seit einigen Tagen verunsichern heftige Kursausschläge die Anleger. Ausgelöst wurden sie durch die versprochenen Steuersenkungen von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi. Dadurch schoss die Rendite für 30-jährige Anleihen in dieser Woche auf ein Rekordhoch von 3,88 Prozent. Was steckt dahinter?
Warum ist der Markt für japanische Staatsanleihen so unruhig?
Der Auslöser für die jüngsten Turbulenzen ist politische Unsicherheit. Die Ankündigung von Ministerpräsidentin Takaichi, Neuwahlen auszurufen und Steuersenkungen zu versprechen, schürte Sorgen über die finanzielle Stabilität Japans. Dies führte zu einem massiven Verkauf von Staatsanleihen, insbesondere von solchen mit langen Laufzeiten. Wenn die Kurse von Anleihen fallen, steigen im Gegenzug ihre Renditen. Obwohl sich die Lage nach beruhigenden Worten aus dem Finanzministerium leicht entspannt hat, bleibt der Handel dünn und die Investoren halten sich zurück. Schon jetzt ist Japan das am höchsten verschuldete Industrieland der Welt.
Wie könnten die Währungshüter die Lage beruhigen?
Zentralbank und Regierung stehen mehrere Instrumente zur Verfügung, um die Märkte zu stabilisieren. Sie reichen von direkten Eingriffen der Zentralbank über eine Anpassung ihrer Bilanzpolitik bis hin zu Änderungen bei der Ausgabe neuer Schuldtitel.
Könnte die Zentralbank direkt eingreifen?
Ja. Sie könnte am Anleihemarkt eingreifen und gezielt Staatsanleihen kaufen. Dies würde die Kurse stützen und im Gegenzug die Renditen senken. Die Notenbank hat ein Mandat zur Wahrung der Finanzstabilität. Bis 2024 war sie im Rahmen ihrer Politik zur Kontrolle der Zinskurve ein massiver Käufer von Anleihen und besitzt mehr als die Hälfte aller ausstehenden japanischen Staatsanleihen. Die Hürde für einen solchen Schritt dürfte jedoch sehr hoch sein. Die Notenbank versucht seit Jahren, ihren Einfluss am Anleihemarkt zurückzufahren. Zudem würde ein solcher Schritt wahrscheinlich die Landeswährung Yen belasten, der zeitweise auf den tiefsten Stand seit vier Jahrzehnten notierte.
Wäre ein langsameres «Tapering» eine Option?
Die Notenbank könnte die geplante Reduzierung ihrer üblichen Anleihekäufe weiter aufschieben oder verlangsamen. Nach einem im Juli 2024 vorgestellten Plan reduziert sie ihre monatlichen Käufe schrittweise. Dieser Prozess, im Fachjargon «Tapering» genannt, könnte zeitlich weiter gestreckt oder ganz ausgesetzt werden. «Irgendwann wird die Frage aufkommen, ob die Bank of Japan ihre Bestände weiter abbauen kann», sagt Ian Samson, Portfoliomanager bei Fidelity International. Auch dieser Schritt würde jedoch wahrscheinlich den Yen schwächen.
Was verbirgt sich hinter einer «Operation Twist»?
Die Währungshüter könnten eine japanische Variante der als «Operation Twist» bekannten Strategie der US-Notenbank anwenden. Dabei werden Papiere mit kürzerer Laufzeit verkauft und die Erlöse zum Kauf von Anleihen mit längerer Laufzeit verwendet. Dies würde helfen, den zuletzt starken Anstieg der Renditen am langen Ende der Zinskurve zu bekämpfen. Die US-Notenbank hatte dieses Instrument erstmals in den 1960er-Jahren und erneut 2011 eingesetzt.
Könnte der Staat einfach weniger Anleihen ausgeben?
Ja. Das Finanzministerium könnte die Ausgabe neuer Schuldtitel, insbesondere mit sehr langen Laufzeiten, reduzieren, um den Kurs zu stärken. Traditionell werden diese Papiere von Lebensversicherern und anderen grossen Investoren gekauft, deren Nachfrage jedoch tendenziell sinkt. Dies ist bereits in der Vergangenheit geschehen, als eine schwache Nachfrage bei Bond-Auktionen das Ministerium zu Kürzungen veranlasste. Für den aktuellen Haushalt ist bereits die niedrigste Emission von Anleihen mit sehr langen Laufzeiten seit 17 Jahren geplant.
Welche Rolle spielt der staatliche Pensionsfonds?
Der staatliche Pensionsfonds ist mit einem Vermögen von rund 260 Billionen Yen (1,4 Billionen Euro) der grösste der Welt und ein entscheidender Akteur. Eine Umschichtung seiner Anlagen weg von ausländischen Anleihen hin zu heimischen Papieren (JGBs) würde ein starkes Signal senden. «Dies wäre gleichzeitig enorm positiv für JGBs und den Yen», sagt Brent Donnelly vom Analysehaus Spectra Markets. «Wenn der GPIF eine solche Ankündigung macht, sollte man schnell auf den Zug aufspringen. Die Lebensversicherer werden folgen, und es könnte ein Trend entstehen, der ein Jahr oder länger anhält.»
(Reuters)
