Berlin, 07. Jul (Reuters) - In Deutschland bremsen einer Studie zufolge zu viele und zu komplexe Auflagen den Neubau von dringend benötigten Wohnungen. Damit seien Normen mitverantwortlich für Wohnungsnot, steigende Kaufpreise und explodierende Mieten, geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Analyse hervor. Mit weniger und besseren Normen könnten in Deutschland rund ein Drittel mehr Wohnungen gebaut werden, erklärten das Wohnungsbau-Institut ARGE des Landes Schleswig-Holstein und das Institut für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen. Denn dadurch könnten die Gesamtkosten im Neubau um rund 1000 Euro pro Quadratmeter gesenkt werden. «Der Normen-Frust in der Bauwirtschaft ist enorm», betonten ARGE-Institutsleiter Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer.
Die Fülle an Vorschriften sei aus dem Ruder gelaufen. «Wer mehr Wohnungen bauen will, muss dringend bei den Normen 'abrüsten' und sie wieder zu dem machen, was sie waren - ein Werkzeug, um Kosten zu senken», hiess es. Deutschland habe sich «vernormt». Die Bauforscher kritisieren, dass immer neue, komplexere und schärfere Normen entwickelt würden, die einfache und kostengünstige Lösungen ausbremsten.
«Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben», sagte Walberg. Rund 20 Prozent des Anstiegs gingen dabei auf das Konto von mehr und komplexeren Normen. «Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht.» Auch wegen dieser «Überregulierung» durch Normen werde weniger gebaut.
«Jedes Mass verlorengegangen»
Als Beispiel nannten die Experten den Schallschutz. «Da ist jedes Mass verlorengegangen», sagte IFB-Direktorin Böhmer. Seit 2015 hätten sich der Arbeitsaufwand und die Kosten, die hinter der Normung zum Schallschutz steckten, verdreifacht. Die Fachleute äusserten sich auch kritisch zur Energieeffizienz. Diese sorge dafür, dass manche Häuser letztlich völlig überdämmt, luftdicht und mit wartungsaufwändiger Lüftungstechnik ausgestattet seien - aber zugleich anfällig für Feuchtigkeitsschäden.
Die Bauforschungsinstitute ARGE (Arbeitsgemeinschaft für zeitgemässes Bauen) und IFB plädieren wie die Bau- und Immobilien-Lobby für ein rasches Umsetzen des geplanten Gebäudetyps E für einfacheres Bauen. «Bund und Länder sollten verstärkt einen 'Basis-Standard-Wohnungsbau' fördern und damit deutlich günstigere und vor allem mehr Wohnungen schaffen.»
(Reuters)

