Das Biotechunternehmen BioNTech schraubt wegen der schwachen Nachfrage nach Corona-Impfstoffen seine Umsatzziele für das laufende Jahr deutlich nach unten. Das Unternehmen rechnet für ‌2026 nun ⁠mit Erlösen zwischen 1,6 und 1,9 Milliarden Euro, wie BioNTech am Dienstag in Mainz mitteilte. Bislang hatte die Spanne bei 2,0 bis 2,3 Milliarden ⁠Euro gelegen. «Etwa 80 Prozent gehen komplett auf Covid zurück, der Rest auf den Wegfall erwarteter Meilensteinzahlungen», sagte Finanzchef Ramon Zapata in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Im abgelaufenen zweiten Quartal brach ‌der Umsatz auf 105,6 Millionen Euro ein, nach 260,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich ‌stand ein Nettoverlust von knapp 821 Millionen Euro nach einem Minus von rund ​387 Millionen vor Jahresfrist. Im ersten Halbjahr summierte sich der Verlust auf 1,35 Milliarden Euro.

Als Gründe für das schwache Corona-Geschäft nannte BioNTech neben der weltweit geringeren Nachfrage nach Impfungen auch die Situation auf dem Heimatmarkt. In Deutschland würden in der diesjährigen Impfsaison erstmals vorrätige Covid-Impfstoffdosen genutzt. Dies sei durch eine Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA möglich, die als Alternative zu neu angepassten Vakzinen auch die Nutzung der Vorjahres-Formulierung erlaube. Den Grossteil seines Jahresumsatzes ‌erwartet BioNTech in der zweiten Jahreshälfte. Allein im dritten Quartal rechnet das Unternehmen mit einer Zahlung von 613 Millionen Euro aus der Zusammenarbeit mit dem US-Pharmakonzern Bristol Myers.

Der US-Partner Pfizer spürt den Nachfrageeinbruch bei Corona-Impfstoffen zwar ebenfalls, konnte dies im zweiten Quartal jedoch durch gute Geschäfte mit anderen Medikamenten ausgleichen. Der ​US-Konzern hob am Dienstag seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr an und kündigte zugleich ein zusätzliches milliardenschweres Sparprogramm an.

BioNTech ​tritt nun bei den Ausgaben auf die Bremse: Die bereinigten Forschungs- und Entwicklungskosten sollen ​im Gesamtjahr bei 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro liegen, nachdem zuvor bis zu 2,5 Milliarden Euro veranschlagt worden waren. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über ein Finanzpolster von 16,6 ‌Milliarden Euro, um den Umbau zum Onkologie-Konzern voranzutreiben. Derzeit laufen 14 zulassungsrelevante klinische Studien für Krebsmedikamente.

BioNTech steht vor einem radikalen Umbau: Wie im Mai bekannt wurde, stellt das Unternehmen seine Corona-Impfstoffproduktion in Deutschland ein und schliesst die Werke in Marburg, Idar-Oberstein, Tübingen und Singapur. Die Herstellung des Covid-Vakzins wird vollständig an ​Pfizer abgegeben. ​Dem Sparkurs fallen bis zu 1860 Stellen zum Opfer, darunter auch viele ⁠bei dem erst Ende 2025 übernommenen Tübinger Rivalen CureVac. Für die Standorte lotet BioNTech nach ​früheren Angaben Verkaufsoptionen aus. In der ⁠Telefonkonferenz äusserte sich der Vorstand jedoch nicht dazu, ob es bereits konkrete Interessenten für die Werke gibt.

Leiten wird die Neuausrichtung künftig ein neuer Chef: ‌Wie am Montag mitgeteilt wurde, übergibt Mitgründer Ugur Sahin das Ruder spätestens Anfang Februar 2027 an den Manager Guido Oelkers, der vom schwedischen Biopharma-Konzern Sobi nach Mainz wechselt. Sahin und seine Ehefrau, Medizinchefin Özlem Türeci, hatten ihren Rückzug im März angekündigt und ‌werden BioNTech bis Ende 2026 verlassen. Das Gründer-Ehepaar plant den Aufbau eines neuen Unternehmens, um sich wieder stärker ​der frühen Grundlagenforschung zu widmen. Wie sich BioNTech an der neuen Firma beteiligen wird, ist noch offen. Die Verhandlungen darüber liefen noch, erklärte Finanzchef Zapata. Oberste Prämisse sei es dabei, den Wert für die Aktionäre zu maximieren. BioNTech konzentriert sich unter Oelkers künftig auf die späte klinische Entwicklung und die anschliessende weltweite Vermarktung ‌der neuen Krebsmedikamente. 

(Reuters)