Anleger stellen sich die bange Frage, wie stark die Energiepreise noch ‌steigen und wie ⁠sehr die Weltwirtschaft davon betroffen sein wird. Zuletzt eskalierte die Lage mit der Beschädigung von Energieinfrastruktur sowohl im Iran als auch in Katar und Kuwait. Auch die ⁠für den Ölhandel relevante Meerenge von Hormus ist für Schiffe weiterhin unpassierbar.

«Das Risiko einer Energiekrise - ähnlich wie nach der Ukraine-Invasion im Jahr 2022 - ist damit gewachsen», sagen die Strategen der LBBW. Der Chef der ‌Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnte sogar vor der möglicherweise schwersten Energiekrise der Geschichte. Es könne bis zu sechs Monate dauern, die ‌Öl- und Gasflüsse aus der Golfregion wiederherzustellen. Rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und ​Gasversorgung sei in der Region blockiert. Politiker und Märkte unterschätzten das Ausmass der Störung, erklärte Birol.

Händler müssen ein höheres Risiko einer anhaltenden Unterbrechung der Ölversorgung aus dem Persischen Golf einkalkulieren. Seit Beginn des Krieges vor knapp drei Wochen ist der Preis für das Nordsee-Öl Brent wegen der Furcht vor langfristigen Versorgungsengpässen um gut 64 Prozent in die Höhe geschnellt. Je teurer das Öl, desto tiefer fielen in den vergangenen Tagen die Aktienkurse.

Für die abgelaufene Woche ergab sich ein Abschlag von mehr als zwei Prozent für den Dow Jones. Damit verbuchte der US-Leitindex die vierte verlustbringende Woche in Folge. Seit dem Rekordhoch aus dem Februar hat er fast zehn Prozent eingebüsst. Das Wochenminus beim Swiss Market Index liegt bei 4,0 Prozent. Damit schliesst der SMI die dritte Woche in Folge tief in den roten Zahlen ab. Seit Kriegsausbruch Ende Februar summiert sich das Minus auf 12,1 Prozent.

Anleger sind eher sorglos als panisch

Der Ausverkauf an den Märkten hielt sich nach Einschätzung der Helaba dennoch in Grenzen, denn die Kursrückgänge hätten zwischenzeitlich auch wieder Käufer angelockt. «Offensichtlich gibt es noch Investoren, die dieses Niveau eher als Kaufopportunität bewerten», sagt Helaba-Strategin Claudia Windt. Die Stimmung der Anleger sei eher ​sorglos als panisch, heisst es auch bei der LBBW.

Für die Aktienstrategen der DZ Bank würde ein dauerhaft hoher Ölpreis die ​Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte weltweit zwar merklich eintrüben. Es bestehe aber die Chance, dass der Konflikt auf ​absehbare Zeit schon wieder vergessen sei. Bislang überwiege weiterhin die Perspektive, dass weder die USA noch der Iran ein Interesse daran haben dürften, wenn die Öl- und Gasproduktion militärisch stärker ins Visier genommen würde.

Die LBBW-Experten ‌warnen indes vor der Annahme, dass der Spuk an den Finanzmärkten schnell wieder vorbei sein könnte. Historische Vergleiche zeigten, dass Börsenkorrekturen bei Terror- und Kriegsereignissen zumeist einige Monate andauern, ehe eine Erholung einsetzt. «Die Volatilität dürfte hoch bleiben, eine defensive Positionierung ist weiterhin angebracht.»

Notenbanken in der Klemme

Auch für die Zentralbanken bleibt die Lage knifflig. «Sollten anhaltend höhere Rohölpreise die Inflationsraten dauerhaft ​deutlich über ​die Zielniveaus der Notenbank hieven, sodass Zweitrundeneffekte zu befürchten sind, bliebe den Verantwortlichen von ⁠EZB, Fed & Co. wenig anderes übrig, als entschlossen gegen den Preisdruck vorzugehen und die Leitzinsen anzuheben», heisst ​es bei der DZ Bank. Dann ⁠könnte allerdings die ohnehin angeschlagene globale Konjunktur zusätzlich unter Druck geraten.

Zwar liess die EZB ihre Leitzinsen in der ablaufenden Woche unverändert, schlug jedoch vor dem Hintergrund der Entwicklungen ‌im Nahen Osten einen restriktiveren Ton an. «Für eine klare Einschätzung der geldpolitischen Reaktion ist es aus unserer Sicht noch zu früh, da sowohl Intensität als auch Dauer der Störungen äusserst unklar bleiben», sagt Konstantin Veit, Portfoliomanager bei Pimco. «Die EZB wird besonders auf mögliche Spillover-Effekte auf die Kerninflation achten ‌und die Inflationserwartungen sehr genau beobachten.»

Aus den USA stehen am Donnerstag die ‌Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung an. Am Freitag folgt das Verbrauchervertrauen ​der Uni Michigan.

(Reuters/cash)