Das extrem ⁠präzise Timing dieser Wetten weckt bei Fachleuten Argwohn, ob die Händler über geheimes Vorwissen verfügt haben könnten. Unbekannte Akteure haben möglicherweise Millionenbeträge verdient.

Um welche Fälle geht es?

Die Nachrichtenagentur Reuters hat mindestens vier Fälle ausgemacht, in ⁠denen Händler kurz vor überraschenden politischen Ankündigungen von Trump ungewöhnlich grosse und zeitlich exakt passende Wetten an den Finanzmärkten eingingen. Diese Ankündigungen - etwa zu Zöllen, Venezuela oder dem Iran – lösten erhebliche Kursbewegungen aus, von denen die betreffenden Händler stark profitierten. Die Beispiele:

Verschobener Iran-Angriff (23. ‌März 2026): Unbekannte Händler platzierten innerhalb einer einzigen Minute Wetten im Umfang von 500 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise. Kurz darauf gab Trump eine fünftägige ‌Verschiebung geplanter Angriffe auf die iranische Energie-Infrastruktur bekannt. Der Ölpreis stürzte daraufhin um 15 Prozent ab.

Tötung ​Chameneis (28. Februar 2026): Sechs Konten erzielten auf einem Prognosemarkt einen Gesamtgewinn von 1,2 Millionen Dollar mit Wetten auf die Tötung des iranischen Revolutionsführers und geistlichen Oberhaupts Ajatollah Ali Chamenei. Laut Analysefirma Bubblemaps wurden diese Konten erst wenige Stunden vor den Angriffen mit Geld gefüllt.

Festsetzung Maduros (3. Januar 2026): Ein anonymer Nutzer eines Prognosemarktes erzielte einen Gewinn von rund 410.000 Dollar mit einer Wette von nur etwa 34.000 Dollar. Er hatte auf den als sehr unwahrscheinlich geltenden Fall gesetzt, dass der venezolanische Präsident Nicolas Maduro noch im Januar von US-Spezialkräften festgesetzt würde.

Ausgesetzte Zölle (9. April 2025): Wenige Minuten vor Trumps Ankündigung, Zölle auszusetzen, wurden mit ‌Optionen Millionen auf eine Erholung des Aktienmarktes gesetzt. Nachdem Trump dann die Zollpause angekündigt hatte, schossen die Börsenkurse in die Höhe. Eine Investition von 2,14 Millionen Dollar hatte nach dem Kurssprung auf dem Papier einen Wert von rund 21,4 Millionen Dollar.

Gab es weitere Auffälligkeiten?

Am Tag vor der Tötung Chameneis kauften Händler in grossem Stil langfristige US-Staatsanleihen. Dies war ungewöhnlich, da am selben Tag veröffentlichte Inflationsdaten normalerweise zu Verkäufen solcher Anleihen geführt hätten. ​Analysten zufolge deutete die massive Umschichtung in diese Papiere auf die Erwartung eines bevorstehenden negativen Ereignisses hin.

Warum sind diese Geschäfte verdächtig?

Laut Andrew Verstein, einem Experten ​für Insiderhandel an der juristischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA), sehen die Geschäfte «zutiefst verdächtig» aus. Die festgestellten Muster entsprächen ​dem, was man «erwarten würde, wenn es Handel auf Basis von Insiderinformationen durch Regierungsbeamte und ihren Freunden gäbe», so Verstein.

Es ist vor allem das extreme Timing, das Fachleute stutzig macht. Die Wetten wurden oft in letzter Minute platziert - beim Ölmarkt lag zwischen dem ‌massiven Einsatz und Trumps Beitrag in den sozialen Medien nur eine Viertelstunde. Zudem deutet die schiere Grösse der Einsätze auf eine extreme Gewissheit der Händler hin. Wer eine halbe Milliarde Dollar auf ein einziges, unvorhersehbares Ereignis setzt, verfügt über unbegrenzte finanzielle Mittel oder womöglich über geheimes Vorwissen.

Um welche Finanzinstrumente geht es?

Die Geschäfte wurden über verschiedene Instrumente abgewickelt, was eine Nachverfolgung erschwert: Optionen, Rohstoff-Termingeschäfte (Futures) und Prognosemärkte, auf denen Nutzer auf den Ausgang realer ​Ereignisse wetten können.

Ist ein solches Handeln illegal?

Der Handel mit wesentlichen, nicht öffentlichen Informationen ist in der Regel illegal, wenn die ⁠handelnde Person zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. Die tatsächliche Strafverfolgung ist jedoch je nach Markt und Finanzprodukt unterschiedlich. Die Rechtslage ist bei ​Rohstoffen und auf den neuartigen Prognosemärkten weitaus komplizierter ⁠und weniger erprobt als auf dem klassischen Aktienmarkt.

Gibt es andere Erklärungen?

Es ist möglich, dass einige Händler schlichtweg Glück hatten oder die politische Lage besser analysierten als der Rest des Marktes. Viele grosse Finanzfirmen beschäftigen ‌mittlerweile ehemalige Militärs und Sicherheitsberater, um solche Ereignisse vorherzusehen. Zudem könnte es sich bei den grossen Summen auf dem Ölmarkt um sogenannte Absicherungen (Hedging) gehandelt haben. Dabei wetten grosse Investoren auf ein bestimmtes Ereignis, um Verluste in anderen Teilen ihres Portfolios auszugleichen, falls dieses Ereignis eintritt.

Der Sprecher des Weissen Hauses, Kush Desai, wies jeden Verdacht zurück. «Jede Andeutung, dass Regierungsbeamte an solchen Aktivitäten ‌beteiligt sind, ist ohne Beweise haltlos und unverantwortlich», teilte er mit.

Was tun die Behörden?

Die zuständigen US-Behörden äusserten sich zurückhaltend. Aitan Goelman, ein ehemaliger Chefermittler bei ​der Aufsichtsbehörde CFTC, erklärte jedoch, dass die Börsen und Behörden solche Geschäfte normalerweise als «'anomal und interessant' einstufen» und prüfen würden.

Der Chefstratege von Interactive Brokers, Steve Sosnick, wies auf Schwierigkeiten hin: «Wenn es sich um einen einzelnen Akteur oder eine Gruppe kooperierender Akteure handelte, würde es ein hohes Mass an Koordination zwischen verschiedenen, entschlossen handelnden Regulierungsbehörden erfordern, um der Sache auf den Grund zu gehen.» Bislang gebe es keine Anzeichen für eine solche koordinierte Untersuchung.

Die Börsenaufsicht SEC, das Justizministerium (DOJ) und ‌die für den Rohstoffhandel zuständige Behörde CFTC gaben keine konkreten ​Auskünfte zu möglichen Ermittlungen.

(Reuters)