Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juni für möglich. Ein solcher Schritt könnte notwendig werden, falls sich die Inflationsaussichten nicht deutlich verbesserten, sagte Nagel am Freitag. Aus heutiger Sicht entwickele sich die Lage ungünstiger als im März angenommen. «Umso mehr ist eine Reaktion des EZB-Rats im Juni angemessen, wenn sich die Aussichten nicht merklich verbessern», sagte das EZB-Ratsmitglied.
Die Währungshüter hatten ihren Leitzins am Donnerstag trotz der infolge des Iran-Kriegs anziehenden Inflation erneut bei zwei Prozent belassen - obwohl die Teuerungsrate im April auf drei Prozent gestiegen ist und damit deutlich über dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegt. «Das wachsame Abwarten des EZB-Rats dient dazu, mehr Klarheit zu bekommen», sagte Nagel dazu. «Wir sind uns der Risiken für die Preisstabilität bewusst und jederzeit handlungsbereit.» Er wolle daran erinnern, dass bereits das im März veröffentlichte Basisszenario der EZB eine restriktivere Geldpolitik beinhalte.
Dieses Szenario basierte auf Marktzinsen, die bereits von zwei Zinserhöhungen ausgingen. Seitdem sind die Anleger jedoch pessimistischer geworden. Sie rechnen nun mit drei Zinsschritten, wobei der erste bis Juli und der zweite bis September vollständig eingepreist ist. Die Ölpreise haben inzwischen ein Niveau erreicht, das die EZB in ihrem Negativszenario angenommen hatte.
«Jederzeit handlungsfähig»
Auch der österreichische Notenbankchef Martin Kocher sieht die EZB deshalb in Alarmbereitschaft. «Der EZB-Rat ist jederzeit handlungsfähig und bereit, die geldpolitische Ausrichtung rasch und entschlossen anzupassen, falls dies nötig ist», schrieb Kocher in einem Blogeintrag. Die Inflationsaussichten hätten sich verschlechtert. «Es ist daher möglich, dass wir mit länger anhaltender Inflation konfrontiert sind.» Gleichzeitig sei es aber noch zu früh, um einen breiteren Anstieg der Preise oder Zweitrundeneffekte in den verfügbaren Daten zu sehen. Je länger die Energiepreise hoch blieben, umso wahrscheinlicher würden diese jedoch.
Der estnische Notenbankchef Madis Muller warnte ebenfalls, dass der Einlagensatz der EZB von zwei Prozent möglicherweise steigen müsse. «Wir hielten es diese Woche noch nicht für notwendig, die Zinsen zu erhöhen, aber es wird immer wahrscheinlicher, dass wir dies in Zukunft tun müssen», schrieb er in einem Blogbeitrag. «Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass die steigenden Energiepreise an andere Produkte und Dienstleistungen weitergegeben werden.»
Nach den Worten von EZB-Chefin Christine Lagarde wurde auf der Sitzung am Donnerstag bereits über die Option einer Erhöhung gesprochen - und zwar «ausführlich und eingehend». Doch habe man einmütig eine Zinspause beschlossen, da die Datenlage eine Erhöhung zurzeit nicht hergebe, sagte Lagarde. Auf der nächsten Sitzung in sechs Wochen werde man mit Blick auf den Nahost-Konflikt eine bessere Entscheidungsgrundlage haben und auch neue Projektionen zu Inflation und Konjunktur vorlegen. An den Finanzmärkten wird bereits auf einen Schritt nach oben im Juni spekuliert.
Oberstes Ziel der EZB sind stabile Preise. Höhere Zinsen können etwa den Euro stärken, wodurch Importe günstiger werden können. Allerdings machen höhere Zinsen auch Investitionen teurer, was die Konjunktur belasten dürfte.
(Reuters)

