«Die Lage bleibt überaus volatil und die Unsicherheit entsprechend hoch», erklärte Bundesbankchef Joachim Nagel am ‌Mittwoch. Es bleibe aus geldpolitischer Sicht angeraten, mit Vorsicht zu reagieren, falls ‌jedoch notwendig, entschieden zu agieren. «Der EZB-Rat wird ​alle relevanten Daten in seine Entscheidung einfliessen lassen», betonte Nagel mit Blick auf den nächste Woche anstehenden Zinsentscheid. «Insbesondere die Entwicklung der Energiepreise ist ein entscheidender Faktor dafür, welches Inflationsbild sich einstellen wird. Die Geldpolitik wird an ihrer wachsamen Grundhaltung festhalten.»

An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die ‌EZB auf der Sitzung am 23. Juli noch stillhält, aber im September die Zinszügel zum zweiten Mal in diesem Jahr anzieht. Sie hatte sich im Juni mit einer geldpolitischen Straffung gegen ​den Preisauftrieb gestemmt und den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 2,25 Prozent angehoben. ​Mit einer Inflationsrate von zuletzt 2,8 Prozent verfehlen die ​Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde ihr Ziel einer Teuerungsrate von 2,0 Prozent deutlich. Sie wollen unbedingt vermeiden, dass sich ‌ein durch den Iran-Konflikt ausgelöster Anstieg der Energiekosten über sogenannte Zweitrundeneffekte auf andere Preise ausweitet.

EZB-Direktor Piero Cipollone erläuterte dieses von der Geldpolitik gefürchtete Szenario in einem Zeitungsinterview: «Wenn Haushalte und Unternehmen ​erwarten, dass ​die Inflation hoch bleibt, erhöhen Firmen ihre ⁠Preise, um ihre Gewinnspannen zu wahren, während die Arbeitnehmer höhere ​Lohnsteigerungen anstreben.» Fielen diese Anpassungen ⁠zu stark aus, entstünden zusätzliche Kosten, die wiederum die Inflation weiter anheizten. Derzeit sei von ‌diesen Zweitrundeneffekten jedoch noch nichts zu sehen, sagte Cipollone der Zeitung «Ouest-France».

Diese Einschätzung teilt auch der österreichische Notenbankchef Martin Kocher: «Wir sehen aktuell keine Zweitrundeneffekte, müssen unsere Geldpolitik jedoch ‌auch an den Inflationserwartungen ausrichten», sagte er der «Börsen-Zeitung». Die Entwicklung sei ​von hoher Unsicherheit geprägt, da sich die Intensität des Nahost-Konflikts immer wieder ändere. «Daher sind wir jederzeit bereit, geldpolitische Massnahmen einzusetzen, sollte das nötig sein», betonte Kocher.

(Reuters)