cash.ch: Seit der Bundesrat im Juni 2025 seinen Vorschlag zur Bankenregulierung präsentiert hat, ist die Diskussion um die Eigenmittelanforderungen an die UBS zum Dauerbrenner geworden. Wo stehen Sie in dieser Diskussion?
Hannes Germann: Wir wollen eine Lösung, welche die Schweiz vor den Risiken einer Too-big-to-fail-Bank schützt. Es darf nicht geschehen, dass der Steuerzahler einstehen muss, wenn im Verwaltungsrat oder in der Konzernführung der UBS Fehler begangen werden. Handkehrum soll die Regulierung der UBS eine faire Chance lassen, dass sie sich im globalen Wettbewerb behaupten kann. Deshalb dürfen wir nicht über das Ziel hinausschiessen. Mein Vorschlag ist, dass die UBS mehr Zeit erhält, und zwar bis 2035 oder 2040, um die verlangten Eigenmittel aufzubauen.
Dann zählen Sie auch zur Parlamentariergruppe, die den Vorschlag des Bundesrates abmildern will?
Die Gruppe kam informell zustande. Man hat sich zusammengesetzt und hinterfragt, ob der Vorschlag des Bundesrates nicht zu absolut sei. 26 Milliarden Franken zusätzliches Eigenkapital, massiv höhere Liquiditätsanforderungen und weitere bürokratische Auflagen - das kann es nicht sein. Wir wollen die Stärken der UBS, gerade in der Vermögensverwaltung, nicht durch eine Überregulierung kaputt machen. Im Moment ist die UBS fest im Markt verankert, gut aufgestellt und ein gewichtiger globaler Player.
Wozu braucht es diese Parlamentariergruppe überhaupt, zumal die Parteien sich in der Vernehmlassung zu den Eigenmittelanforderungen geäussert haben und sich in der Parlamentsdebatte weiter einbringen können.
Diese Gruppe braucht es nicht zwingend. Aber es ist wichtig, dass der Kontakt zur UBS und zum Standortkanton Zürich besteht und aufrechterhalten bleibt. Nur so kennen wir die Positionen eins zu eins.
Und was vernehmen Sie diesbezüglich?
Der sehr weitreichende Vorschlag des Bundesrats hat einen Knall ausgelöst. Inzwischen hat sich der Staub wieder gelegt. Wir wissen jedenfalls, dass die UBS-Führung am Standort Schweiz festhalten will. Zudem hat auch die UBS-Aktie wieder Auftrieb erhalten. Sie steht heute höher als im Sommer 2025. Das kommt der Volkswirtschaft, den Investoren, den Pensionskassen und ihren Versicherten zugute.
Der Kompromissvorschlag aus dem Parlament hat effektiv einen deutlichen Anstieg der UBS-Aktie ausgelöst. Können Sie ausschliessen, dass Politiker, die UBS-Titel hielten, den Wert der Aktie antreiben wollten?
Der zügige Kursanstieg hat mich, ehrlich gesagt, überrascht. Aber uns Parlamentariern geht es ja ums grosse Ganze, um den gesetzlichen Rahmen. So gesehen war Kompromissvorschlag zur UBS-Regulierung eines von vielen Signalen nach aussen, das die Anleger aufgenommen haben. Im Übrigen aber weiss man bei keinem Entscheid, wie die Märkte darauf reagieren werden. Analysten sind diesbezüglich bestimmt versierter als jeder Politiker. Ich versichere jedenfalls, dass ich keinen Insiderhandel betrieben habe.
Sie sagten, im Austausch, der in der Wirtschaftskommission stattfand, habe sich der Staub etwas gelegt. Was meinen Sie damit konkret - ist auch bei der UBS Gelassenheit eingekehrt?
Die UBS ist nach wie vor alarmiert. Die Konzernführung macht geltend, die Bank habe schon eine solide Eigenkapitalbasis. Die zusätzlichen 26 Milliarden Franken wären denn auch in der Tat sehr schwierig zu beschaffen. Für die Aktionäre ist genau das der Stein des Anstosses gewesen. Sie wissen: Je mehr Geld in einem Unternehmen brach liegt, desto tiefer ist die Rentabilität. Umgekehrt kann man das Eigenkapital immer weiter zurückfahren und so die Rendite für die Aktionäre erhöhen. Dieses Shareholder-Value-Denken ist leidlich bekannt und führt zu hohen Risiken, die früher oder später zu einem grossen Knall führen. Ich erinnere an die Finanzkrise von 2008.
Die UBS argumentiert, ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihr Geschäftsmodell würden durch verschärfte Regulierungen beeinträchtigt. Im Raum steht auch eine Sitzverlegung von der Schweiz ins Ausland. Haben solche Aussagen dazu geführt, dass manche Schweizer Politiker eingeknickt sind und sich deshalb vom Plan der Landesregierung distanziert haben?
Das kann man so sehen, würde ich so aber nicht bestätigen. Klar ist einfach: Bundesrat, Nationalrat und Finma haben die Fusion von UBS und Credit Suisse erzwungen. So gesehen war die UBS die Retterin für das Credit-Suisse-Problem. Und jetzt soll die UBS Auflagen erfüllen für Fehler, die bei und im Zusammenhang mit der Credit Suisse begangen worden sind.
Die Schweiz hat innerhalb von 20 Jahren zwei Grossbankenkrisen gesehen - die UBS im Jahr 2008 und die Credit Suisse 2023. Wie soll ein weiterer Notfall verhindert werden, wenn nicht durch eine harte Regulierung?
In Krisen sind die Schweizerische Nationalbank, die Finanzmarktaufsicht Finma und das Finanzdepartement immer wieder gemeinsam auftreten - etwa 2008, als die UBS in Not geriet. Diese drei sind auch weiterhin die richtigen Instanzen, wenn es darum geht, Bankenkrisen zu bewältigen – auch wenn am Schluss möglicherweise die Politik entscheidet.
Die Too-big-to-Fail-Regel sahen eine Abwicklung systemrelevanter Banken vor. 2023 kamen diese Regeln aber nicht zum Zug.
Die Too-big-to-Fail-Regeln wurden nach der UBS-Rettung von 2008 eingeführt. Im Fall der Credit Suisse hat sich gezeigt, dass wir nicht darauf bauen können - die ganze Gesetzgebung war so gesehen nutzlos. Darum bezweifle ich, ob es richtig ist, wieder nur die Lehren aus der konkreten CS-Krise zu ziehen. Vielleicht müssen wir einen Schritt weitergehen und die Abtrennung des Auslandsgeschäfts vom Schweiz-Geschäft der UBS erzwingen. Das wäre einschneidend, aber aus Sicht des Schweizer Steuerzahlers der sicherste und beste Weg.
Doch mit diesem Vorgehen würde die UBS massiv zurückgestutzt.
Das stimmt wohl auf den ersten Blick. Die verbleibende UBS Schweiz wäre immer noch grösste Inlandbank und das Geschäftsmodell mit der Züricher Kantonalbank vergleichbar. Doch wir werden das Risiko, das von der UBS für die Schweiz ausgeht, selbst mit allen neuen Auflagen nie ganz ausräumen können - es sei denn, wir zwingen die Bank wirklich zur Abspaltung des Auslandsgeschäfts. Dieses Szenario will natürlich reiflich überlegt sein, hat für die Bank aber auch einen Pluspunkt: Die UBS könnte sich als sicherste Bank der Welt bezeichnen. Auch das kann ein Alleinstellungsmerkmal sein.
Inwieweit verfolgen Sie die Idee nun weiter?
Wir müssen die Abtrennung des Auslandsgeschäfts erneut aufgreifen, sobald das Dossier im Parlament wieder aktuell wird. Dazu brauchen wir Experten aus Finanzwirtschaft und Wissenschaft, die eine genaue Beurteilung vornehmen. Ironischerweise hatte die frühere CS derartige Pläne, von denen man dann aber abgesehen hat. Zudem benötigen wir wohl auch die Bereitschaft der UBS, da wir die Auftrennung der Bank nicht einfach so durchsetzen können. Dazu bräuchte es die Zustimmung der Aktionäre.
Nach dem Untergang der Credit Suisse wurde auch die Finanzmarktaufsicht Finma kritisiert, etwa dass sie zu wenig rasch und zu wenig konsequent vorgegangen sei. Welche Rolle kann - oder soll - sie nun übernehmen?
Die Kritik kam zu Recht. Die Finma muss nun einfach eine starke und glaubwürdige Aufsichtsarbeit leisten - anders, als sie es bei der Credit Suisse getan hat. Da hat sie das aus meiner Sicht Wirkungsvollste nicht getan: einem verantwortlichen Manager die Gewähr für eine einwandfreie Geschäftsführung entziehen. Das hätte wie eine Bombe eingeschlagen - nur schon die Androhung hätte wohl Wunder bewirkt.
Sie sind Mitglied der Wirtschaftskommission und im Bundeshaus sehr gut vernetzt. Worauf läuft die Regulierung wahrscheinlich hinaus?
Beim Vorschlag für die Abtrennung des Auslandsgeschäfts der UBS bin ich eher pessimistisch. Das wird politisch kaum mehrheitsfähig sein, auch wenn es die sicherste Lösung für den Steuerzahler ist. Gar nichts tun kann man auch nicht - dafür war der Credit-Suisse-Untergang zu schwerwiegend. Also werden wir wohl auf einem Mittelweg landen: Die UBS wird ihre Eigenkapitalbasis stärken müssen, aber so, dass sie konkurrenzfähig bleibt. Dabei wird das Parlament umsichtig sein müssen. Die Gesetzgebung zu den systemrelevanten Banken ist im Fall der UBS wie eine Operation am offenen Herzen des Schweizer Finanzplatzes.
Hand aufs Herz: Würden Sie der UBS Ihr Geld anvertrauen, sei es als Aktionär oder als Kunde?
Ja. Ich bin auch Kunde der UBS, bei der Schaffhauser Kantonalbank und als deren Verwaltungsratspräsident – logischerweise - bei der Ersparniskasse Schaffhausen. Ich mache es, wie die meisten Schweizerinnen und Schweizer es halten: Risiken minimieren und nicht alle Eier in einen Korb legen.
Hannes Germann ist seit 2002 Ständerat (SVP) und zurzeit unter anderem Mitglied der Wirtschaftskommission. Zudem sitzt er im Vorstand der Industrie- und Wirtschaftsvereinigung Schaffhausen (IVS) und ist Verwaltungsratspräsident der Ersparniskasse Schaffhausen. Germann ist 69-jährig und lebt in Opfertshofen SH.

