cash.ch: Frau Pisani, die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte die Zinsen an der nächsten Sitzung vom 11. Juni erhöhen.

Florence Pisani: Die EZB möchte vermeiden, zu spät auf steigenden Preisdruck zu reagieren, wie dies im Jahr 2022 der Fall war. Deshalb dürfte sie diese Woche mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung vornehmen. Das wird von den Märkten auch so erwartet.

Aktuell preist der Markt drei Zinserhöhungen bis Ende des Jahres ein. Ist das realistisch?

Unserer Einschätzung nach werden die europäischen Währungshüter den Leitzins etwas moderater – sprich zweimal – anheben. Entscheidend ist der Signaleffekt: Die EZB will verdeutlichen, dass sie die anziehende Inflation ernst nimmt. Nach den Erfahrungen von 2022 möchte sie sagen können: Wir haben nicht zu spät reagiert.

Dämpft diese Zinserhöhung nicht das schwache Wirtschaftswachstum?

Die Auswirkungen einer Zinserhöhung auf die langfristigen Zinsen dürften gering ausfallen, weil dies im Markt bereits eingepreist ist. Zudem wirkt sich die Geldpolitik letztlich weniger über die kurzfristigen Zinsen selbst als vielmehr über die langfristigen Finanzierungsbedingungen auf die Wirtschaft aus. Es ist unwahrscheinlich, dass sich letztere so stark verschärfen, dass sie die Entwicklung der europäischen Wirtschaft beeinträchtigen. Wichtig hierbei ist auch, dass sich der Euro zum Dollar in der jüngsten Vergangenheit stabil entwickelte.

Besteht nicht das Risiko, dass die Zinsen zu stark angehoben werden?

Dieses Risiko muss man im Blick behalten. Es wäre allerdings ein Fehler, denn die aktuelle Situation ist nicht mit 2022 vergleichbar. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist begrenzt: Das Lohnwachstum hat sich verlangsamt, und der Arbeitsmarkt schwächt sich bereits ab. Würde die EZB die Zinsen stärker anheben, liefe sie Gefahr, das Wachstum unnötig zu belasten – und das in einer Zeit, in der Europa ohnehin schon mit einem weniger günstigen externen Umfeld konfrontiert ist: Das globale Wachstum verlangsamt sich und chinesische Hersteller gewinnen in einer Reihe von Branchen Marktanteile, insbesondere bei Elektrofahrzeugen und Solarmodulen.

Wo steht der Euro-Leitzins in einem Jahr?

Wir gehen von einem Niveau von 2,5 Prozent aus, da wir eine erneute Beschleunigung der Konjunktur bis Ende dieses Jahres respektive Anfang nächsten Jahres erwarten. Es gibt keinen Grund für die EZB, die Zinsen erneut zu senken, selbst wenn die Inflation nachlässt. 

Weshalb?

Mit 2,5 Prozent liegt der Leitzins weiterhin in einem Bereich, den die EZB als neutral erachtet. Darüber hinaus würden viele EZB-Mitglieder im Gegensatz zur Fed eine 'ruhige Hand' gegenüber einer 'Feinabstimmung' der Geldpolitik bevorzugen.

Florence Pisani ist Chefökonomin beim Vermögensverwalter Candriam, einem Unternehmen der New York Life Investment Management Company. Sie kam 2002 als Ökonomin von der französischen Investmentbank CPR Gestion zu Candriam und wurde 2016 Global Head of Economic Research, bevor sie ihre derzeitige Position antrat. Sie ist Mitautorin mehrerer Bücher zu verschiedenen makroökonomischen Themen. Florence Pisani hat einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften von der Universität Paris Dauphine, an der sie ausserdem unterrichtet.

Thomas Daniel Marti
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