cash-Interview  - «Kryptowährungen wie Bitcoin verbieten zu wollen, ist eine sehr naive Vorstellung»

Für Krypto-Analystin Katharina Gehra wird sich die «Token-Ökonomie» schon bald durchgesetzt haben. Im cash-Interview sagt sie, was bei der Wahl von Token wichtig ist und warum Ether mehr Kurspotenzial hat als Bitcoin.
17.10.2021 13:29
Interview: Henning Hölder
Katharina Gehra ist Gründerin von Immutable Insight, einem Blockchain-Analysehaus mit Sitz in München.
Katharina Gehra ist Gründerin von Immutable Insight, einem Blockchain-Analysehaus mit Sitz in München.
Bild: ZVG

cash.ch: Frau Gehra, seit drei Wochen ziehen Bitcoin und andere Kryptowährungen stark an. Warum? 

Katharina Gehra: Eine relative Steigerung in Prozent hat ja auch immer was mit den vorherigen Preisnachlässen zu tun. Als vor wenigen Wochen mal wieder darüber diskutiert wurde, dass China den Handel und den Besitz von Kryptowährungen einschränken wolle, sorgte das auch dieses Mal wieder für kurzfristige Rücksetzer. Vor diesem Hintergrund sind die steigenden Kurse der letzten Wochen ein Stück weit auch einfach eine Erholung. Wenn man mal ein wenig herauszoomt, sehen wir, dass Bitcoin nach der äusserst starken Entwicklung im ersten Quartal 2021, dem grossen Crash im Mai und der darauffolgenden Konsolidierungsphase jetzt wieder auf den ursprünglichen Wachstumspfad zurückkehrt. 

Die Erholung hätte aber aus ausbleiben können. Was treibt den Kurs an? 

Wir dürfen zwei grosse Phänomene nicht ausser Acht lassen, die weiterhin gelten: Die steigenden Inflationssorgen einerseits und die Unruhe an den Märkten andererseits. Wenn angesichts steigender Energiepreise oder unklarer Bondrefinanzierungsstrukturen in den USA die Nervosität zunimmt, wird Bitcoin zurecht vermehrt als Alternative zur Diversifikation im Portfolio wahrgenommen. 

Sehen wir bald wieder ein neues Bitcoin-Allzeithoch?

Wenn 'bald' ein dehnbarer Begriff ist und ich mich nicht auf ein spezifisches Datum festlegen muss, würde ich mich nicht wundern, wenn Bitcoin gegen Ende des Jahres die Höchststände vom Mai wieder übertrifft. 

Jetzt wird es noch hypothetischer: Steht Bitcoin in fünf Jahren näher bei 10'000 Dollar oder näher bei 1 Millionen Dollar? 

Das ist in der Tat eine hypothetische Frage und eigentlich gehört spekulieren nicht zu meinem Beruf. Doch grundsätzlich teilt sich die Kryptowelt ja in zwei Lager auf. Auf der einen Seite stehen die Bitcoin-Maximalisten, die glauben, dass ausser Bitcoin keine andere Kryptowährung einen Use Case hätte. Auf der anderen Seite stehen jene, die an die Token-Ökonomie glauben. Ich gehöre zu Letzteren. Ich glaube, dass die Token-Ökonomie die Infrastruktur der Zukunft ist und sich in fünf Jahren durchgesetzt haben wird. Insofern dürfte Ether – ein Token, der in dieser Ökonomie Anwendung findet – in fünf Jahren deutlich näher oberhalb der 10'000 Dollar liegen [aktuell notiert Ether bei etwa 3'800 Dollar; Anm. d. Red.]. Dass Bitcoin zu diesem Zeitpunkt nahe 1 Million Dollar notiert, wage ich zu bezweifeln. 

Ether ist die zweitgrösste Kryptowährung hinter Bitcoin. Das Netzwerk dahinter, Ethereum, gilt als führend bei den Smart-Contract-Funktionen: Dahinter lauern aber zahlreiche Konkurrenten wie Polkadot oder Cardano. Wird es gefährlich für Ethereum? 

Ich hab diesbezüglich vor kurzem schon einmal folgenden Vergleich gemacht: Es ist ein bisschen so, als hätte jemand ein Bundesligaspiel absolviert und würde daraufhin sagen, er werde der neue Cristiano Ronaldo. Das Potenzial kann man nicht abstreiten, aber der Abstand ist noch sehr gross. Wenn wir die Grössenordnungen bei Ethereum und den kleineren Netzwerken anschauen, haben wir drei bis vier Nullen Unterschied bei der Anzahl der täglich getätigten Transaktionen. Insofern wird es auch eine Frage sein, welchen Standard wir beim Thema Digitales Zentralbankgeld oder bei Industrieanwendungen ziehen. Eine zweite wichtige Frage wird sein, wie volatil Ether sein darf, damit die Kunden bereit sind, Ether als Grundwährung und damit als Transaktionskostentreiber zu sehen.

Welches Netzwerk wird sich durchsetzen? 

Ich glaube nicht, dass es auf einen einzigen Standard hinausläuft. Es ist eher die Frage, inwiefern die unterschiedlichen Blockchains den Massen Nutzenfunktionen bereitstellen und damit ihren jeweiligen Markt finden können. Es ist ein bisschen wie bei TV-Sendern oder Homepages. Es gibt nicht nur einen Sender, sondern viele. Wir haben nicht nur einen Reiseanbieter, sondern können zwischen mehreren auswählen. Es ist ein Wettbewerb, der insgesamt guttut, um die Technologie zu promoten. 

Ethereum bleibt aber führend? 

Aktuell ist das sicherlich der Fall. An den Wachstumsraten sieht man, dass Ethereum weiter wächst. Wir haben mit dem Upgrade im Sommer nun auch die Möglichkeit der Skalierfähigkeit. Im Zuge der Energieverbrauch-Diskussionen rund um Bitcoin war dies sicher ein wichtiger Baustein. Alle Netzwerke, die den weniger energieintensiven Proof-of-Stake-Mechanismus haben, sind vor diesem Hintergrund sicherlich im Vorteil. Aufgrund der Anpassungsfähigkeit des Ethereum-Netzwerkes sehe ich keinen Grund, warum seine starke Stellung in Zukunft ernsthaft gefährdet sein sollte. 

Was wollen Ethereum-Konkurrenten wie Polkadot oder Cardano eigentlich anders respektive besser machen? 

Es gibt ein paar Leistungskriterien, in denen sich die Netzwerke überbieten wollen. Das Erste ist die Skalierfähigkeit der Blockchain, das heisst, wie viele Transaktionen pro Sekunde können abgewickelt werden. Das Zweite ist die Frage der Kosten pro Transaktion und ein Stück weit auch die Planungssicherheit, sprich Volatilität des Tokens. Der dritte Punkt ist die Sicherheit. Diese hängt massgeblich davon ab, wie viele Teilnehmer in einem dezentralen Netzwerk sind. Wichtig ist hier aber auch, ob es zusätzliche Absicherungsmechanismen gibt, etwa bei der Frage, was ein Teilnehmer darf oder nicht darf. Und viertens stellt sich die Frage, wie viel ich als Drittgeschäft auf die Plattform bringen kann. 

Drittgeschäft? 

Grundsätzlich sind die Netzwerke, über die wir uns gerade unterhalten, alle sogenannte Multi-Purpose-Blockchains. Sie sind also dafür gebaut, dass auch Drittgeschäfte angezogen werden. Man kann das vergleichen mit dem App Store von Apple, der ja auch andere Apps zulässt. Gleichzeitig haben wir den App Store von Google, also Google Play, und das Android-System. Hier können die Apps schlussendlich auch ein bisschen anders sein und am Ende ist es vielleicht auch ein bisschen Zufall, wo welche Apps besser oder schlechter funktionieren. 

Im Mai haben Sie einen Kryptofonds für institutionelle Investoren sowie ein Krypto-Zertifikat für Privatanleger aufgesetzt. Was sind dort Ihre grössten Positionen? 

Wir haben grundsätzlich je 20 Prozent in Ether und in Bitcoin und darüber hinaus 50-60 Prozent in unterschiedlichen Tokens. Wir nutzen unsere Analysen von Blockchain-Daten, um die am stärksten wachsenden Token auszuwählen. Einmal im Monat gibt es ein Investment-Komitee, weswegen das Portfolio von Monat zu Monat variiert. Manche Tokens bleiben länger drin, manche fliegen auch nach einem Monat wieder raus. Wir hatten jüngst Axie, ein Spiel-Token, der sich gut entwickelt hat. Letztes Jahr waren viele Decentralised-Finance-Tokens dabei. Meist haben wir eine Spanne von 6 bis 20 Token im Portfolio. 

Was ist bei der Auswahl der Token für Sie entscheidend? 

Die erste Säule unserer Auswahllogik ist die Nutzung. Zwei weitere Säulen beschäftigen sich mit der Risiko-Management-Logik. Heisst, wo kann ich diese Token traden? Zudem machen wir unsere eigenen Geldwäsche-Analysen und fragen uns immer, ob es sich hier um einen 'sauberen' Token handelt. Schliesslich machen wir noch Liquiditäts-Analysen. Wir schauen also, wie handelbar der Token ist. Säule Zwei und Drei sind damit klassische Portfolio- und Risikomanagement-Pflichtübungen. 

Jetzt ist natürlich die spannende Frage, welche Token bei Ihnen da gerade ganz vorne liegen.  

Das legen wir extra immer nur am Ende des Monats offen. Sonst würde das 'Frontrunning'- und Insider-Probleme mit sich ziehen. 

Welche Token lagen denn am Ende letzten Monats ganz vorne? 

Im letzten Report hatten wir 13 Token, darunter zum Beispiel Sushi, Maker, Matic oder Axie, also viele der Klassiker. Normalerweise haben wir dann noch immer drei oder vier Neue, die sich dann als sogenannte Rising Stars durchsetzen. 

Sie bieten auch ein sogenanntes Staking-Wertpapier an. Beim Staking werden Token dafür eingesetzt, neue Blöcke zur dazugehörigen Blockchain hinzuzufügen, wofür man im Gegenzug eine Belohnung erhält. Heisst vereinfacht gesagt: Privatanleger erhalten regelmässig einen Zins von mehreren Prozent wie damals beim guten alten Sparbuch. Wie sicher ist das? 

Diese Bedenken hören wir in der Tat sehr oft. Grundsätzlich ist es natürlich nicht genau dasselbe wie ein festes Sparbuch, aber die Konstruktion ist ähnlich. Die Netzwerkgebühren werden in Form von Zinsen oder Dividenden ausbezahlt. Die Frage dabei ist, ob das Netzwerk weiter genutzt wird. Falls morgen jemand aufhören würde, eine der Blockchains, wo wir Staking betreiben, zu nutzen, dann wäre das natürlich ein Risiko. Insofern ist es kein Produkt, das so sicher ist wie eine deutsche Staatsanleihe. Dennoch ist es ein Produkt, das ein unschlagbares Risiko-Rendite-Verhältnis hat. Zum Girokonto oder das, was man früher mal Tages- oder Festgeldkonto genannt hat, ist es eine sehr gute Alternative. 

Noch ein Wort zum Dauer-Thema Regulierung. Oft heisst es, Bitcoin und andere Kryptowährungen könnten nicht verboten werden, schliesslich seien sie dezentral. Ist es so einfach? 

Ich war Mitautorin beim 'Decentralized Finance (DeFi) Policy-Maker Toolkit', also einem Ratgeber für politische Entscheidungsträger beim World Economic Forum. Der erste Impuls von Zentralbanken und nationalen Finanz-Regulatoren war ja tatsächlich, dass man Krypto zur Not einfach verbieten könne. Das ist aus meiner Sicht eine sehr naive Vorstellung davon, was man heute mit einem System machen kann, das täglich weltweit 110 Millionen Transaktionen verteilt. Am Ende des Tages kann ich den Standort der einzelnen Rechner gar nicht feststellen. Ich frage mich, welche Handlungsoptionen für Regulatoren bestehen vor dem Hintergrund des Territorialprinzips und der Rechtsstaatlichkeit. Hier ist es ein verdammt langer Weg hin zu einem Bitcoin-Verbot. 
 

Katharina Gehra gehört zu den führenden Persönlichkeiten der deutschen und europäischen Blockchain-Szene. Sie ist Gründerin von Immutable Insight, einem Blockchain-Analysehaus mit Sitz in München. In den Medien ist sie als Gastautorin für u.a. Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Capital sowie durch ihren eigenen Podcast Block52 bekannt. Gehra ist Mitglied im Aufsichtsrat der Fürstlich Castell'sche Bank und der Börse Stuttgart. 

 
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