cash.ch: Herr Amstutz, Molecular Partners hatte 2024 Einnahmen von 5 Millionen Franken, im letzten Jahr keine. Ist das für Sie als Unternehmer nicht etwas frustrierend, wenn Sie morgen aufstehen und zur Arbeit gehen?
Patrick Amstutz: Nein. Diese Zahlen sind im Kontext zu sehen. Unser jüngster Verkauf war der Covid-Wirkstoff, den wir an Novartis veräussert haben. Wir nahmen damit 230 Millionen Franken ein, die über mehrere Jahre verteilt wurden.
Das Covid-Medikament hatten Sie ja nicht auf der Roadmap. Sie wurden damit als Firma über die Landesgrenzen bekannt. Wie blicken Sie auf diese Phase zurück?
Das Covid-Medikament hat uns einiges gebracht. Biotechfirmen wie wir leben davon, dass wir schnell auf eine neue Situation reagieren können. Wir sind die Schnellboote neben den grossen Tankern. Und im Fall Covid konnten wir unser Schnellboot wirklich auf dieses Problem steuern und eine Lösung liefern. Es hat uns gezeigt, dass wir das als Firma können. Es hat uns auch gezeigt, dass wir mit unserer Technologie innerhalb von sechs Wochen einen Wirkstoff generieren konnten und was möglich ist, wenn man wirklich alles richtig macht und 24 Stunden am Tag arbeitet. Das Tempo war aber für etwa 20 bis 30 Prozent unserer Mitarbeiter zu schnell. Das führte quasi zu einer natürlichen Fluktuation in der Belegschaft.
Das Covid-Mittel gab dem Aktienkurs einen Schub, er sprang auf über 25 Franken. Nun liegt der Kurs seit rund drei Jahren zwischen 3 und 4 Franken. Spüren Sie Druck von den Investoren?
Der Druck muss immer da sein, weil Biotech so funktioniert: Wir bekommen eine Investition für ein Projekt. Dann gibt es ein 'Readout' und die Daten zeigen, ob das Produkt erfolgreich ist oder nicht. Falls ja, geht unser Aktienpreis hinauf. Und sonst liegt er eher bei 3 als bei 25 Franken. Wir haben beides erlebt. Wir hatten die 25 Franken, dann wurde das Produkt nicht mehr gebraucht. Es war kein Fehler des Produkts, es hatte einfach keinen Markt mehr. Die Finanzierung war über den Verkauf an Novartis geregelt. Mit dem Geld haben wir jetzt in die Radio-Pharmazie oder Radio-Darpins investiert. Das war übrigens nicht unsere Idee. Novartis hat uns gesagt, ihr könntet das doch machen. In dem Sinne hat uns Novartis doppelt geholfen.
Molecular Partners ist seit November 2014 an der SIX gelistet. Kam das IPO zum richtigen Zeitpunkt?
Das ist eine gute Frage. Ein IPO wird dann spannend, wenn man ein Produkt in einer mittleren bis späten klinischen Phase hat. Unser IPO hatten wir damals mit unserem Ophthalmologie-Produkt Abicipar durchgeführt. Dann hatten wir aber ein Problem mit diesem Produkt. Und dann kam, wie erwähnt, Covid. Jetzt befinden wir uns im dritten Anlauf. In meinen Augen ist es gut, an der Börse gehandelt zu sein, wenn man klinische Daten vorweisen kann. Dazwischen, das muss man ehrlicherweise sagen, braucht es eine Firma wie uns an der Börse nicht. Während dieser Zeit ist es unser Job, Geld einzusetzen und wieder klinische Daten zu liefern. Und das macht man eher als Privatfirma. In einem anderen Setting, beispielsweise in den USA, hätte man die Firma vielleicht liquidiert und eine neue gegründet. In der Schweiz bleibt man da konstant und zieht es durch. Jetzt geht es bei uns aber wieder los mit klinischen Daten.
Sie haben im Jahr 2021 die Aktien mittels American Depository Receipts auch an der Nasdaq gelistet. Hat sich das ausbezahlt?
Wir haben in der Schweiz sehr gute Biotech-Unternehmen und sehr gute Venture-Kapitalisten, aber wir haben kaum ‘Public-Market-Investors’, die in dieser Phase 1- 2 investieren und eine Firma bis zur Zulassung finanzieren. Ich verbringe viel Zeit mit diesen US‑Investoren. Sie kennen unsere Geschichte. Unser grösster Investor heisst Biotech Value Fund aus San Francisco, er hält über 20 Prozent. Ein anderer grosser Fonds heisst Suvretta aus New York. Sie machen nichts anderes, als in Biotech zu investieren. Ein Listing an der Nasdaq bringt uns also eine gewisse Nähe zu diesen Investoren.
Wie funktionieren die Radio-Darpins von Molecular Partners?
Unsere Darpins fungieren als Vektoren oder Miniproteine, die ein Radioisotop in den Tumor bringen und diesen lokal verstrahlen. Wenn man so etwas Neues beginnt, braucht es einige Jahre, bis man die ersten Kandidaten hat. Und das ist jetzt genau der Fall. Im Fokus stehen Studien mit der Radioligandentherapie MP0712. Es wird in einer frühen Phase getestet und soll bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen wie Lungenkrebs wirken.
Wann gibt es News zum Produktkandidaten?
In einer klinischen Studie testen wir den Kandidaten an Lungenkrebspatienten. Jetzt kann man spekulieren, ob dieses Molekül funktioniert oder nicht. Die ersten Daten werden das zeigen. Sieht es gut aus, dann geht der Aktienkurs wieder nach oben. Die ersten Daten haben wir in den nächsten drei bis sechs Monaten.
Daneben gibt es den Radio-Darpinin-Kandidaten MP0726, der gegen mehrere Krebsarten eingesetzt werden könnte. Was ist der Unterschied zu MP0712?
Jedes unserer Moleküle hat einen Darpin, der ganz spezifisch einen Krebszellmarker erkennt. MP0712 erkennt einen Marker auf Lungenkrebs. MP0726 zielt auf das Ovarkarzinom, also Eierstockkrebs. Es sind zwei verschiedene Marker in verschiedenen Krebsarten. Beide sind definiert als sehr schwer zu behandeln, weil man die Krebsarten zum Teil spät findet und weil es dafür bisher kaum gute Therapien gibt. Spannend ist: Für MP0712 haben wir zur Bildgebung und Dosimetrie fünf Patienten mit dem schwach strahlenden Isotop dosiert. So konnten wir einen Scan durchführen und zeigen: MP0712 geht in den Tumor. Das heisst, wir haben bereits Daten, die eigentlich belegen, dass die klinische Studie gut ausschauen kann. Bewiesen ist es noch nicht. Bei MP0726 machen wir dasselbe. Ich glaube, wir werden dafür in diesem Jahr Bilder erhalten.
Bei welchen Kandidaten haben Sie mehr Hoffnungen?
Beide haben sehr gute Chancen. Natürlich ist jetzt MP0712 im Fokus, weil die therapeutische Studie beginnt. Lungenkrebs ist auf der Karte jedes ‘Big-Pharma’-Unternehmens, daher gibt es sehr viel Interesse. MP0712 ist für uns als Firma für die nächsten sechs Monate das Entscheidende, dann kommt MP0726.
Es gibt verschiedene Bestrebungen, den Krebs zu besiegen. Eine davon ist eine Weiterführung der mRNA-Technik von BioNTech. Ist es möglich, dass diese Technologie Ihre Projekte überholt?
Krebs ist eine körpereigene Erkrankung und eine Erkrankung des Alters. Es ist sehr schwierig, eine Krebszelle von einer gesunden Zelle unterscheiden zu können. Und es gibt sehr wenige Krebsmedikamente, die alleine wirken. Erkrankte erhalten verschiedene Medikamente, die einander helfen. Biontech arbeitet nicht nur mit der mRNA-Technologie gegen Krebs. Biontech hat - sehr schlau - auch andere Moleküle einlizenziert mit dem erwirtschafteten Geld. Ein grosses wichtiges Molekül in der Pipeline ist ein VEGF-PDL-1 Antikörper. Das wurde aus China einlizenziert und hat das Potenzial, ein Blockbuster zu werden, weil er bei sehr vielen Tumoren nützen kann. Wir sehen Biontech als möglichen Partner, weil sie keine Radiotherapie machen. Da könnten sich Synergien ergeben mit unserem Vorgehen. Biontech hat einen sehr grossen Markt vor sich.
Ist das eine öffentliche Bewerbung bei Biontech?
Die Gespräche beginnen mit allen, die Moleküle in diesem Bereich haben. Sobald wir klinische Daten haben, die Wirksamkeit zeigen, kann man das als Monotherapie weiterverfolgen. Man geht aber gleichzeitig in Kombinationstherapien. Und ja, da sprechen wir mit allen, die in Lungenkrebs aktiv sind. Biontech ist wahrscheinlich nicht ganz oben auf der Liste. Aber es sind etwa fünf Firmen darauf.
Namen nennen sie nicht?
Das sind alle Grossen: Novartis, AstraZeneca, Eli Lilly, Bristol-Myers Squibb. Pharma und Biotech arbeiten heute Hand in Hand. Es ist ein Ökosystem, das sich sehr gut entwickelt hat, vor allem auch in der Schweiz.
Molecular Partners hat den Personalbestand 2025 um 15 Prozent abgebaut. Sollten die News zu den Kandidaten in diesem Jahr nicht gut sein: Müssten sie weiter abbauen?
Falls die zwei Kandidaten negativ wären, könnte das unter Umständen heissen, dass die ganze Radiotherapie-Idee nicht funktioniert. Was wiederum bedeuten würde, dass wir diesen Bereich wahrscheinlich nicht mehr in dem Masse vorantreiben würden wie vorgesehen. Dann würden wir auch weniger Mitarbeiter benötigen. Wenn die Daten aber gut ausschauen, dann geht der Aktienkurs nach oben. Und dann kann man für die nächste Phase wieder Geld aufnehmen oder eine Partnerschaft eingehen.
Sie haben mit Bill Burns, dem ehemaligen langjährigen Pharma-Chef von Roche, eine bekannte Branchen-Persönlichkeit als Verwaltungsratspräsidenten. Wie oft reden Sie mit ihm?
Ich spreche alle zwei Wochen mit Bill. Er ist sehr weitsichtig bezüglich der Geschäftsentwicklung. Es ist wirklich eine sehr positive Zusammenarbeit.
Hat sich der Forschungsstandort Schweiz eher verbessert oder verschlechtert?
Ich glaube, er hat sich deutlich verbessert. Ich bin in einer Nebenfunktion Präsident der Swiss Biotech Association, also des Branchenverbandes. Wir haben in der Schweiz eine sehr starke universitäre Forschung. Wir haben frühe Investoren. Wir haben in Zug viele Biotechs, die aus den USA kommen und verstehen, ein Produkt zu kommerzialisieren. Wir haben in Basel die Pharma. Bezüglich Ökosystem sind wir eigentlich komplett. Wir hatten eben Roche-CEO Thomas Schinecker am Swiss Biotech Day. Er sagte: 60 Prozent seiner Produkte stammen von unserem Sektor, also Biotech.
Welchen Einfluss hat künstliche Intelligenz auf Biotech?
Künstliche Intelligenz sehe ich in drei Bereichen. Im Alltag wird einem sehr vieles abgenommen. Auch im Labor gibt es viel Potenzial. Wir sammeln viele Daten, mit denen sich Bio-Informatiker beschäftigt haben. Die benötigen wir heute so nicht mehr. Es gibt künstliche Intelligenz, die neue Therapeutika in der Forschung entwickeln kann. Irgendwann werden wir weniger pipettieren und weniger Tierversuche brauchen. Das dritte betrifft klinische Studien. Virtuelle Kontrollarme bieten die Möglichkeit, mehr Daten zu sammeln und zu prozessieren. Zusammen wird das hoffentlich die Effizienz steigern und die Risiken minimieren. Die andere grosse Frage, die man im Biotech-Bereich anschauen muss, ist die Innovationskraft von China.
Erzählen Sie.
China hat im Moment grösseren Einfluss als KI. Die chinesische Regierung hat vor über zehn Jahren begonnen, massiv in Biotech zu investieren. Sie haben Möglichkeiten, über die wir nicht verfügen, so etwa eine tiefere Kostenbasis und natürlich eine viel grössere Anzahl von Patienten. China handelt heute in dieser Beziehung bisher nicht global. Das heisst, man kann als Schweizer oder amerikanische Firma Produkte einlizenzieren. Das bedeutet für uns weniger Forschung. In der Schweiz kostet es vielleicht, als Beispiel, 20 Millionen Franken, ein klinisches Produkt herzustellen. In China kann ich mir ein solches Produkt für 5 Millionen Franken einlizenzieren. Warum sollte ich das nicht machen? Am Schluss ist es dem Patienten egal, wer den Wirkstoff erforscht hat. China wird die Welt auf einer sehr attraktiven Kostenbasis und mit hoher Geschwindigkeit mit Wirkstoffkandidaten beliefern. Jetzt lachen Sie vielleicht und denken an ‘Drugs from Temu’ oder Ali-Express. Deshalb ist es unsere Aufgabe, dass wir die Qualität kontrollieren. Aber wir sehen qualitativ hochwertige Projekte aus China.
Was bedeutet das für Big Pharma?
Big Pharma ist schon mittendrin. Letzte Woche hat BMS in China einen 15-Milliarden-Dollar-Deal für frühe Wirtschaftskandidaten bekannt gegeben. AstraZeneca hat ebenfalls viel investiert. Roche und Novartis sind schon lange in China tätig. Der Druck für die Innovation ist gestiegen. Das heisst, wir müssen in der Schweiz eine höhere Innovationsbarriere ansetzen. Das ist gesund und auch für den globalen Markt eher positiv, weil wir mehr Kandidaten testen können. Die chinesischen Forscher sind unglaublich schnell. In einer 15-Millionen-Stadt kann man in einem einzigen Spital alle Patienten für eine klinische Studie rekrutieren. Wir müssen in acht verschiedene Zentren gehen.
Patrick Amstutz ist seit November 2016 CEO von Molecular Partners mit Sitz in Schlieren ZH, die er mitgegründet hatte. 2022 wurde er zum Präsidenten des Verwaltungsrats der Swiss Biotech Association gewählt. Amstutz ist zudem Mitbegründer von Life Science Cares Switzerland und dort seit 2024 Präsident des Verwaltungsrats. Patrick Amstutz hält einen Master of Science von der ETH Zürich sowie einen Doktortitel in Molekularbiologie von der Universität Zürich.

